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Dario Santangelo 08:53

17/2016 - Gehend den Geist beflügeln
 
Gehend den Geist beflügeln

Loblied auf die Kultur des Zu Fuß-Seins: Warum gerade Dichter und Denker das Flanieren,
Spazieren und Wandern beschwören.


| Von Michael Kraßnitzer

Sören Kierkegaard war ein leidenschaftlicher Spaziergänger. Gehen war ihm eine Quelle von Inspiration und Kraft: „Ich bin zu meinen besten Gedanken gegangen, und ich kenne keinen Gedanken, der so bedrückend wäre, dass man ihn nicht gehend hinter sich lassen könnte.“ Der dänische Philosoph war beileibe nicht der einzige Geistesmensch, für den die Fortbewegung zu Fuß eine subjektive Notwendigkeit darstellte. Nicht nur Denker, sondern auch zahllose Literaten bekannten sich zu ihrer Passion, per pedes von einem Ort zum anderen zu streben. „Wenn ich nicht schnell und weit gehen könnte, würde ich explodieren und sterben“, bekräftigte Charles Dickens. Und Henry David Thoreau war überzeugt: „Ich glaube, dass ich meine körperliche Gesundheit nur bewahre, indem ich täglich mindestens vier, gewöhnlich jedoch mehr Stunden damit verbringe, völlig frei von allen Forderungen der Welt durch den Wald und über Hügel und Felder zu schlendern.“
All diese Zitate finden sich in einer jüngst erschienenen Anthologie über das Gehen: „Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß“, herausgegeben von Ilija Trojanow (unter Mitarbeit von Susann Urban), eine der schönen Ausgaben der „Anderen Bibliothek“. Trojanow ist selbst ein begeisterter Wanderer und Spaziergänger. Sein erster großer Fußmarsch war prägend: Als Kind flüchtete er gemeinsam mit den Eltern von Ost nach West, zu Fuß überwanden sie bei Nacht und Nebel den Eisernen Vorhang.

„Träumereien des einsamen Wanderers“

Gehen ist des Menschen ureigenste Art der Fortbewegung. Zum Thema der Dichter und Denker wurde das Gehen erst, als es durch die Verbreitung neuer Transportmittel in der Epoche der Romantik seine Selbstverständlichkeit einbüßte. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Hölderlin waren begeisterte Wanderer. Die englische Literatur würde ohne ihre passionierten Spaziergänger nur ein kümmerliches Dasein fristen: Robert Louis Stevenson, Sir Walter Scott, Jane Austen und die Brontë-Geschwister waren allesamt exzessive Geher. Gemeinsamer Urvater war Jean-Jacques Rousseau, jener Romantiker avant la lettre, der nicht zuletzt in den „Träumereien des einsamen Wanderers“ ein Zurück zur Natur predigte, auch wenn er diese Formulierung selbst nicht gebrauchte.
Glaubt man all den vorliegenden literarischen Zeugnissen, dann kommen mit dem Körper auch die Gedanken in Bewegung: Gehen als Quell von Erkenntnis, Sinn, Freude, Euphorie, Ekstase. Gehen ist jedoch mehr als ein Ansporn für große Gedanken und Gefühle. Es ermöglicht dem Gehenden auch eine andere, besonders intensive Wahrnehmung der durchgangenen Landschaft: Gehen ist also auch ein Akt der Erkundung, des Erforschens. „Wer glaubt, man sieht mit den Augen allein, irrt. Wer ausschreitet, der lernt mit dem ganzen Körper zu sehen“, schreibt Trojanow. Bereits die englische Schriftstellerin Elizabeth von Arnim kam zu einem ähnlichen Befund: „Wandern ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will.“ Mit dem Begriff „dérive“ hat Guy Debord eine – stark architekturtheoretisch geprägte – Strategie der spielerischen Aneignung einer Stadtlandschaft durch Fußgänger entworfen.

Spielerische Aneignung der Stadt

Die Zu-Fuß-Gehenden können ja mittlerweile in vier Gruppen eingeteilt werden: den Wanderer, der sich durch die freie Natur bewegt; den Spaziergänger, der seine Schritte auf Regionen gezähmter Natur beschränkt, etwa auf Parks, gepflegte Landschaften oder menschliche Siedlungen; den von Walter Benjamin ins Spiel gebrachten Flaneur, der durch die Straßen der Metropolen schweift; und schließlich jener Namenlose, der im Zuge seiner „dérive“ auch die Un-Orte der großstädtischen Landschaft und Peripherie per pedes erschließt.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein schlug dem Wanderer häufig Misstrauen entgegen. Schließlich waren ja auch ungeliebte Gruppen wie Diebe, Landstreicher, Bettler, Hausierer und diverse fahrende Völker zu Fuß unterwegs. Den englischen Dichtern der Romantik, schreibt Trojanow, wurde so oft Unterkunft und Essen verweigert, dass Percy Shelley vorschlug, sie sollten sich als Priester verkleiden. Als sie zu Fuß Los Angeles erkundeten, wurden Aldous Huxley und Ray Bradbury von der Polizei aufgefordert, sich auszuweisen. Dieser Argwohn gegenüber den Gehern hat sich heute ins Gegenteil verkehrt. Wandern und Spazierengehen sind im Zuge des grassierenden Gesundheitsfetischismus geradezu zu einem moralischen Imperativ geworden. Heute schlägt die Abneigung all jenen entgegen, die in der Stadt für kurze Strecken U-Bahn oder Bus benutzen, anstatt ihrer Gesundheit zuliebe zu Fuß zu gehen. Der Wanderwahn findet seine Entsprechung auch in der modernen Kleidung: „Man bekommt das Gefühl, dass ein großer Bergsteigerverein die Stadt besichtigt“, beschrieb Karl Lagerfeld den Anblick, der sich heutzutage auf den Trottoirs der Großstädte bietet.
Erst die Migrationswelle aus dem Orient über den Balkan nach Europa, die im Frühjahr gestoppt wurde, hat am Ideal des Wanderers gekratzt und ihm eine neue, weniger positive Konnotation verliehen. Die Bilder der Migranten aus dem Orient, die in Massen durch europäische Landschaften ziehen, haben Urängste unserer Gesellschaft wieder wachgerufen – ob zu Recht oder Unrecht, soll hier nicht diskutiert werden.

Thomas Bernhards Fußmärsche

Ja, es gibt sie, die Verächter des Wanderns, des Spazierens und des Flanierens. „Spazierengehen lähmt den Geist“, behauptet etwa Max Beerbohm: „Die Erfahrung lehrt mich, dass egal wie amüsant oder lehrreich einer im Sessel sitzend oder vor dem Kamin stehend auch zu plaudern weiß, ihm diese Fähigkeit umgehend abhandenkommt, sobald er einen zu einem Spaziergang mitnimmt.“ Wobei gesagt werden muss, dass der britische Schriftsteller hier einer Verwechslung unterliegt. Gedanken beim Gehen im eigenen Kopf zu entwickeln ist etwas anderes, wie beim Gehen andere an seinen Gedanken teilhaben zu lassen. Ein Mitwanderer, der ununterbrochen vor sich hinplappert, hat schon so manchen Marsch zur Tortur gemacht: Am schlimmsten sind jene, die ununterbrochen die Schönheiten der Landschaft kommentieren, anstatt diese für sich selbst sprechen zu lassen. Beerbohm hätte wohl besser einmal einen Spaziergang mutterseelenallein unternehmen sollen. Dass dies die ideale Form des Reisens zu Fuß ist, wusste schon sein Kollege Robert Louis Stevenson: „Man sollte also, um sich recht daran erfreuen zu können, eine Wandertour allein unternehmen.“
Es mag müßig sein, an einer Anthologie Unvollständigkeit zu bemängeln, allerdings fehlt in „Durch Welt und Wiese“ ein wirklich unverzichtbarer Name, zumal aus österreichischer Sicht: Thomas Bernhard war ein großer Geher, was naturgemäß Niederschlag in seinem Werk fand. In „Holzfällen“ berichtet der Erzähler, der stark autobiografisch gezeichnet ist, von langen nächtlichen Fußmärschen quer durch Wien, während denen er einst ununterbrochen Arien aus italienischen Opern schmetterte. Bernhard hat sogar eine Erzählung namens „Gehen“ verfasst, in der er auch den Zusammenhang von Gehen und Denken abhandelt, was in der Feststellung mündet: „Denn tatsächlich ist es nicht möglich, längere Zeit zu gehen und zu denken in gleicher Intensität.“ Auf dem Höhepunkt des grandiosen Textes betritt eine der typischen Bernhard’schen Figuren während eines Spazierganges ein Bekleidungsgeschäft und verliert dort angesichts der vermeintlich miserablen Qualität der Stoffe den Verstand. Womit die These von der positiven Auswirkung des Gehens auf den Geist doch ein wenig relativiert wird.


Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß
Von Ilija Trojanow und Susann Urban (Hrsg.)
Die Andere Bibliothek 2015
348 Seiten, geb., € 43,20


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