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Dario Santangelo 27.07.2016 09:11

30/2016 - Wilder Westen am Himmel
 
Wilder Westen am Himmel

Immer mehr Drohnen bevölkern die Luft. Die Hobbypiloten überfliegen unerlaubt Areale und fotografieren Nichtsahnende. Was sich dringend ändern müsste.


| Von Sylvia Einöder


„Dieses Modell ist unsere Einstiegsdroge“, sagt Wolfgang Semler, und stellt das handtellergroße Flugobjekt auf den Boden seines Büros. Er bedient die Fernsteuerung, die einem Joystick gleicht, worauf die vier Propeller blau zu blinken und sich zu drehen beginnen. Leise surrend schwebt das Gerät, das aussieht wie ein Plastikspielzeug, über seinem Schreibtisch. „Dieser Kopter kostet knapp 60 Euro und ist ab 14 Jahren zugelassen, wird aber in Wirklichkeit schon von Sechsjährigen geflogen“, weiß der Modellflug-Experte des Österreichischen AeroClubs (ÖAEC). Tatsächlich fällt dieser Kopter – so heißen die kleineren Drohnen für den Hobbygebrauch – in die Kategorie „Spielzeug“ und bedarf keiner Zulassung, weil er weniger als 250 Gramm wiegt und nicht höher als 30 Meter aufsteigt.

Zuwenig Aufklärung

Seit der Markt mit billigen Modellen aus China geflutet wird, entwickelt sich der Luftraum zum „Wilden Westen“. Mit dem Preis rutschen auch Flugniveau und Verantwortungsbewusstsein der rapide wachsenden Schar von Hobbypiloten in den Keller. Zuwenig wissen die Nutzer über die Regeln für den fachgemäßen Umgang mit der neuen Technologie: „Ich habe es schon erlebt, dass Verkäufer im Elektronikfachhandel wichtige Informationen nur sehr dürftig an die Kunden weitergegeben haben“, kritisiert Semler, und rät Einsteigern, das Kopter-Fliegen bei einem Verein von der Pike auf zu lernen – wie es auch Modellflieger tun.
Er selbst ist eigentlich kein Kopter-Fan, sondern ein „Modellflugsportler der alten Schule“, wie er stolz betont. „Kopter zu fliegen ist keine Kunst wie das Modellfliegen, da kann das Gerät schon fast alles selbst.“ Bereits als Kind war er fasziniert vom Zusammenbauen und Steuern der kleinen Flugzeuge. „Für mich schwingt da eine gewisse Unabhängigkeit mit, ein Loslösen von der Erde, von Zwängen“. Jahrzehnte später fand er durch seine Kinder wieder zum Fliegen, „wie es vielen Hobbypiloten geht“.
Ganze 17.000 bis 20.000 Kopter wurden allein im Vorjahr in Österreich Schätzungen des Aero-Clubs zufolge gekauft. Die Online-Einkäufe sind in diese Zahl noch gar nicht eingerechnet. Es sind aber nur rund 450 Bewilligungsanträge eingelangt bei der Luftraumkontrollbehörde Austro Control – was wohl auch an den damit verbundenen jährlichen Kosten von 300 bis 400 Euro liegt. Sobald aber eine Kamera im Spiel ist – was auf 90 Prozent der Kopter zutrifft – bräuchte es laut Gesetz eine Bewilligung für das Gerät.
Obendrein hinkt die Gesetzgebung der technischen Entwicklung hinterher, denn beim Kopter-Kauf gibt es bisher weder eine Aufklärungs- noch eine Registrierungspflicht. Erst recht keinen Kopter-Führerschein. „Das Problem ist, dass die kleinen Kopter, die jeder kaufen kann, mehr können, als gesetzlich erlaubt ist“, erklärt Semler. Und die Mehrheit der Freizeitflieger will sich amüsieren und schert sich nicht um Gesetze. Dank der neuen High-Tech-Helfer wird das Verletzen der Privatsphäre Dritter zum Kinderspiel. Am Display der Fernsteuerung oder mittels eigener Brille kann man sich anschauen, was die Kamera gerade filmt. „Was gerne gemacht wird, ist, die Nachbarin beim Sonnenbaden zu filmen oder ins Schlafzimmer der Nachbarn hinein zu filmen“, weiß Semler.
Schon um 50 Euro sind spielerisch leicht zu bedienende Geräte mit Kameras erhältlich, die gestochen scharfe Bilder liefern. Das Fotografieren und Filmen Dritter und das Speichern der Bilder und Videos ist zwar verboten, doch im Alltag ist der Missbrauch schwer zu kontrollieren. Wo kein Kläger, dort auch kein Richter. „Widersprüchlich ist auch, dass das Anschauen des Bildmaterials erlaubt ist, nur das Aufzeichnen nicht“, schüttelt Semler den Kopf.
Auch scheint vielen Freizeitpiloten nicht bewusst zu sein, was sie im Ernstfall anrichten können. Im Gegensatz zu Modellflugzeugen fliegen Kopter praktisch überall herum. Über verbautem Gebiet oder über Menschenansammlungen zu fliegen, ist zwar verboten. Selbst wenn man über freien Feldern fliegen möchte, muss man die Grundstückseigentümer um Erlaubnis bitten. Die Realität sieht aber anders aus. Auf YouTube finden sich Unmengen von Beispielen dafür, was man mit Koptern nicht tun darf, etwa über den Stephansdom oder die Donauinsel fliegen. Eine Haftpflichtversicherung wäre gesetzlich vorgeschrieben, für den Fall, dass man mit dem Gerät einen Fremdschaden verursacht. „Viele denken sich aber: Warum sollte ich für den hobbymäßigen Gebrauch zahlen?“, weiß Semler.
Immer wieder wird von Beinahe-Crashs von Koptern mit startenden oder landenden Flugzeugen berichtet. Allein in Großbritannien wurden im letzten Halbjahr 23 Beinahe-Zusammenstöße gemeldet. Experten äußern indessen ihre Verwunderung, dass noch nichts Gröberes passiert ist, und warnen, dass ein fataler Unfall durch den Zusammenprall mit einem Kopter nur eine Frage der Zeit sei. Noch gefährdeter sind Helikopter, die auf ähnlicher Höhe wie Kopter unterwegs sind und durch einen Zusammenstoß noch leichter zum Absturz gebracht werden könnten. Alleine die ÖAMTC-Flugrettung meldete im Vorjahr drei lebensgefährliche Begegnungen mit Koptern.

Kennzeichnung gegen „Pilotenflucht“

Wäre da nicht eine Schulungspflicht für die Amateurpiloten geboten? „Es wäre auf jeden Fall sinnvoll, Privatpersonen zuerst mit den Regeln vertraut zu machen, damit keine Gefährdung von Dritten droht“, meint Semler. Auch eine Kennzeichnung der Geräte wäre ein wichtiger Schritt, um den Besitzer nachvollziehen zu können: Denn wenn es erst einmal zu Unfällen mit Autofahrern oder Wanderern kommt, bleiben die Lenker erfahrungsgemäß meist flüchtig. Den Geschädigten bleibt bloß die wenig befriedigende Anzeige gegen unbekannt.
Das Potenzial der kleinen Fluggeräte ist aber schier unermesslich, wenn es darum geht, sich ein Bild von oben zu machen: Filmende Kopter erleichtern Baufirmen und Immobilienbüros, Forstwirten, Dachdeckern oder Feuerwehrleuten die Arbeit. Sie warten heute Hochspannungsleitungen und Windturbinen, zählen Vögel oder pflanzen Bäume. Im Burgenland soll die hochtechnisierte Drohne „Winzerfalke“ Stare vertreiben, die es auf die reifen Trauben abgesehen haben. Außerdem können Forscher mit den kleinen Helfern in Gebiete vordringen, die für Menschen unerreichbar sind, etwa in Höhlen. Auch im Katastrophenschutz gibt es viele Einsatzmöglichkeiten, wie die Lieferung von Medikamenten in unwegsames Gelände. Die Seerettung verwendet wasserdichte Kopter, die die Position der Geretteten lokalisieren sowie Schwimmwesten bringen können. Die Deutsche Post stellte schon 2013 per Kopter Pakete auf abgelegenen Nordseeinseln zu. „Die mögliche Flugreichweite beschränkt sich aber derzeit noch auf wenige Kilometer, die mögliche Last auf höchstens eineinhalb Kilo“, weiß Semler.

Neue Perspektiven

Für Fotografie und Film sind Kopter heute schon ein tolles Instrument: War früher ein aufwendiger Helikopter-Einsatz nötig, reicht heute ein kleiner Hobby-Kopter aus – ob für Aufnahmen von Inseln aus der Vogelperspektive oder Wimmelbilder ganzer Städte. Touristiker können so selbst ihren Werbefilm mit spektakulären Luftaufnahmendrehen, Sportvereine das Match aus verschiedenen Perspektiven beobachten. Auch Narzissten kommen auf ihre Kosten: Wer sich beim Joggen oder Radfahren von allen Seiten filmen lässt, um diese Videos in privater Runde oder auch im Netz zur Schau zu stellen, liegt voll im Trend.
Noch ist das autonom fliegende, harmlose Flugobjekt ohne Absturzgefahr Zukunftsmusik. Ob wir in ein paar Jahrzehnten vielleicht schon mit unserem eigenen kleinen Kopter unterwegs sein werden? Tatsächlich gibt es schon Geräte, die eine Person transportieren können. „Man muss sich das so ähnlich vorstellen wie die fliegenden Kisten der 1920er-Jahre: Ein Kopter mit acht Rotoren, in der Mitte eine Kapsel, wo man drinnen sitzt“, beschreibt Semler. In Japan werde bereits an einem Prototypen getüftelt, „alles noch ganz neu und streng geheim.“ Ob es uns gefällt oder nicht – durch die Luft düsende Objekte werden uns bald intensiver beschäftigen. Wie hat Reinhard May schon in den Siebzigern gesungen? „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben drunter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“ Zumindest für die Zeit, die der Akku uns schenkt – und das sind derzeit allerhöchstens 30 Minuten.


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