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Dario Santangelo 09.11.2016 08:26

45/2016 - Die fatale Verausgabung Amerikas
 
Die fatale Verausgabung Amerikas

Es ist Zeit, die Selbsttäuschungen aufzugeben und in eine nachhaltige Entwicklung und in die Partnerschaft mit dem Rest der Welt zu investieren.


| Von Jeffrey D. Sachs

Das wichtigste Thema bei der Zuteilung nationaler Ressourcen ist Krieg gegen Frieden oder, wie die Makroökonomen es sagen: „Gewehre versus Butter“. Die USA haben diese Wahl falsch getroffen, sie verschwenden beträchtliche Summen für Gewehre und untergraben trotzdem die nationale Sicherheit. In ökonomischer und geopolitischer Hinsicht leidet Amerika unter dem, was der Yale-Historiker Paul Kennedy als „imperiale Überdehnung“ bezeichnet. Wenn der nächste US-Präsident in teuren Nahost-Kriegen gefangen bleibt, könnten die Haushaltskosten alle Hoffnungen auf Lösung der riesigen inneren Probleme des Landes zunichtemachen.
Es mag tendenziös erscheinen, Amerika ein Reich zu nennen, aber der Begriff passt zu bestimmten Gegebenheiten der US-Macht und wie sie angewendet wird. Ein Reich ist eine Gruppe von Gebieten unter einer einzigen Macht. Großbritannien war offensichtlich ein Reich, als es Indien, Ägypten und Dutzende anderer Kolonien in Afrika, Asien und der Karibik beherrschte. Die Vereinigten Staaten regeln direkt nur eine Handvoll eroberter Inseln (Hawaii, Puerto Rico, Guam, Samoa, Nördliche Marianen), aber sie stationierten Truppen und konnten Regierungen in Dutzenden anderen souveränen Ländern beeinflussen. Dieser Einfluss wird nun schwächer.

Von den USA gesteuerte Regimewechsel

Das Ausmaß der US-Militäroperationen ist bemerkenswert. Das S-Verteidigungsministerium hat (Stand 2010) 4999 militärische Einrichtungen, davon 4249 in den USA; 88 sind in Übersee-US-Territorien; und 662 sind in 36 Ländern über die ganze Welt verstreut. Nicht gezählt in dieser Liste sind die geheimen Einrichtungen der US-Geheimdienste. Die Kosten für den Betrieb dieser militärischen Operationen und die von ihnen unterstützten Kriege sind hoch, rund 900 Milliarden US-Dollar pro Jahr oder fünf Prozent der US-Staatseinnahmen bzw. ein Viertel aller Regierungsausgaben.
Die Vereinigten Staaten haben eine lange Geschichte der Verwendung verdeckter und offener Mittel, um Regierungen zu stürzen, die als unfreundlich gegen US-Interessen betrachtet werden. In einer Studie über Lateinamerika zwischen 1898 und 1994 fand der Historiker John Coatsworth etwa 41 Fälle von „erfolgreichen“ US-geführten Regimewechseln. Es ist fast eine Binsenwahrheit, dass US-Kriege zur Bewerkstelligung eines Regimewechsels den amerikanischen Sicherheitsbedürfnissen nur selten gedient haben. Selbst wenn es gelingt, eine Regierung zu stürzen, wie im Fall der Taliban in Afghanistan, von Saddam Hussein im Irak und Gaddafi in Libyen, ist das Ergebnis selten eine stabile Regierung. Ein „erfolgreicher“ Regimewechsel löst oft eine lange Kettenreaktion aus, wie zum Beispiel der Sturz von Irans demokratisch gewählter Regierung und die Installation des autokratischen Schahs von Iran, der die iranische Revolution von 1979 folgte. In vielen anderen Fällen, wie etwa den US-Versuchen (mit Saudi-Arabien und der Türkei) Syriens Baschar al-Assad zu stürzen, ist das Ergebnis ein Blutbad anstatt eines Sturzes der Regierung.
Was ist die Motivation für diese Kriege und für die weit entfernten Militärbasen, die sie unterstützen? Von 1950 bis 1990 wäre die oberflächliche Antwort gewesen: der Kalte Krieg. Doch das imperiale Verhalten reicht bis weit vor den Kalten Krieg zurück (bis zum spanisch-amerikanischen Krieg, 1898) und hat den Fall des Kommunismus um ein Vierteljahrhundert überdauert.
Ab den 1890er-Jahren waren die Vereinigten Staaten die bei weitem größte Volkswirtschaft der Welt, aber bis zum Zweiten Weltkrieg waren sie den Briten in globaler Seemacht, imperialer Reichweite und geopolitischer Dominanz unterlegen. Die Briten waren die konkurrenzlosen Meister des Regimewechsels – zum Beispiel beim Zerstückeln des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg. Doch die Erschöpfung aus zwei Weltkriegen und der Großen Depression beendete das britische und französische Reich und stieß die USA und Russland in den Vordergrund als die beiden großen globalen Imperien. Der Kalten Krieg hatte begonnen.
Die wirtschaftliche Untermauerung der globalen Reichweite Amerikas war beispiellos. Ab 1950 stellte die amerikanische Produktion einen bemerkenswerten Anteil von 27 Prozent der weltweiten Produktion dar, wobei die Sowjetunion bei etwa zehn Prozent lag. Der Kalte Krieg sorgte für zwei grundlegende Ideen, die die amerikanische Außenpolitik bis heute prägen. Die erste: Die Vereinigten Staaten befinden sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegen das sowjetische Imperium. Die zweite war, dass jedes Land, egal wie abgelegen, ein Schlachtfeld in diesem globalen Krieg sein konnte. Während die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eine direkte Konfrontation vermeiden würden, ließen sie ihre Muskeln in heißen Stellvertreter-Kriegen rund um die Welt spiel