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Dario Santangelo 07:58

26/2017 - Jesus, mein allerliebster Freund
 
Jesus, mein allerliebster Freund

Kinder brauchen Freundschaften für ihr Glück. In der Religionspädagogik – und auch in der kirchlichen Jugendarbeit – kommen sie aber oft zu kurz.

| Von Anton A. Bucher

Die Bibel erzählt von innigen Freundschaften: Von jener zwischen David und Jonathan ebenso wie von der zwischen Rut und Noomi. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte … euch habe ich Freunde genannt“, lautet einer der gewichtigsten Sätze des Neuen Testaments (Joh 15.15). Auch zwischen Ministrantinnen und Ministranten oder in kirchlichen Kinder- und Jugendverbänden wurden und werden viele Freundschaften gepflegt. Der Verfasser dieser Zeilen lernte die besten Freunde in der katholischen Jungwacht kennen, in Gewitternächten im Zelt oder tief erschöpft vor dem Gipfel, wenn ein stärkerer Kamerad den Rucksack abnahm. Nicht zuletzt ist „Freundschaft“ ein ebenso traditionsreiches wie aktuelles Phänomen: Von der Freundschaft zwischen Gilgamesch umd Enkidu (3000 v. Chr.) bis hin zu den Milliarden Freundschaften auf Facebook.
In scharfem Kontrast dazu steht die überraschende Zurückhaltung der Religionspädagogik bei diesem Thema. Im epochalen „Lexikon der Religionspädagogik“ kommt das Stichwort „Freundschaft“ etwa nicht vor. Auch im Lehrplan für den katholischen Religionsunterricht an der Volksschule in Österreich scheint das Thema nicht auf, ebenso wenig im alten Lehrplan von 2003 für die AHS Unterstufe und Hauptschule. In der novellierten Variante von 2014 wird sie immerhin kurz im Rahmen des Leitthemas „Würde des Menschen in Freiheit und Verantwortung“ behandelt, aber in der gymnasialen Oberstufe ist bei Freundschaft wieder Fehlanzeige. Wie kann das sein angesichts des zentralen Wertes, den Freunde bei Kindern und Jugendlichen einnehmen – und angesichts dessen, dass Kinder schon in jungen Jahren in der Lage sind, über Freundschaften zu philosophieren?

Vom Spielen zum Vertrauen

Angenommen, Hermann schreibt Ihnen in einer SMS: „Heute keine Zeit für Schach!“ – Würden Sie ihn weiterhin zu ihren Freunden zählen? Mit größter Wahrscheinlichkeit ja. Anders hingegen die Sicht jüngerer Kinder. „Wann hört eine Freundschaft auf?“ – „Wenn er nicht mehr mit mir spielt“, antwortete ein Sechsjähriger in einer der Untersuchungen des US-amerikanischen Entwicklungspsychologen Robert Selman. Die von ihm beschriebenen fünf Stufen der Freundschaftsentwicklung gehören zum fixen Repertoire der Entwicklungspsychologie. Auf Stufe 0, etwa ab drei Jahren, bedeutet Freundschaft „momentane Spielfreundschaft“, also ein quasiautomatisches Ereignis, wenn im Sandkasten Plastikschaufeln getauscht werden. Ab fünf Jahren konkretisiert sie sich als „einseitige Hilfestellung“, wenn jemand dafür benötigt wird, eigene Bedürfnisse zu befriedigen oder gemeinsam gegen andere zu kämpfen. Und mit ca. sieben Jahren kommt es zu Freundschaft als „Schönwetterkooperation“, in der Vorlieben und Bedürfnisse aufeinander abgestimmt werden. Erst auf Stufe 3, kaum vor dem zehnten Lebensjahr, wird sie zu einer „engen gegenseitigen Beziehung“, die dauerhaft und von Vertrauen getragen ist. Abgeschlossen wird die Entwicklung mit Stufe 4: Freundschaft ist nun Integration von Autonomie und gegenseitiger Abhängigkeit und wirkt identitätsstiftend. Wobei diese Reife keineswegs von allen Erwachsenen erreicht wird, zumal dann nicht, wenn diese Freunde für eigene Zwecke funktionalisieren.
Die wohl materialreichste Studie zu kindlichen Freundschaftskonzepten verdanken wir indes der Erziehungswissenschafterin Renate Valtin. Sie interviewte um die hundert Kinder zwischen fünf und 16 Jahren und fragte sie: „Hast Du einen Freund? Wie seid ihr Freunde geworden? Wie soll ein Kind sein, mit dem du gerne befreundet wärst?“ etc. Dabei erfuhr sie, dass im Kindergartenalter sowohl gleich- als auch andersgeschlechtliche Freundschaften gepflegt werden, wohingegen Achtjährige ihre Freunde nahezu ausschließlich aus dem gleichen Geschlecht rekrutieren; oder dass bei den Zehnjährigen Vertrauen, vor allem aber Verschwiegenheit, zentral werden – und besonders Mädchen sich Freundinnen erwarten, die „vertrauenswürdig“ sind und mit denen man „über alles reden“ kann, wohingegen Jungen an ihren Freunden besonders wichtig finden, mutig zu sein. Ebenso beweist sich, dass Freundschaften im Jugendalter noch zentraler werden. Heranwachsende schätzen, dass Freundschaft eine Intimsphäre schafft, in der sie ganz sie selbst sein können, ohne gesellschaftliche Sanktionen befürchten zu müssen.
Wie wichtig Freundschaften im kindlichen Erleben sind, hat nicht zuletzt der repräsentative Kindheitsglücks-Survey des ZDF gezeigt: Kinder sind demnach dann besonders glücklich, wenn sie mit ihren Freunden zusammen sind – in pädagogischen Kontrollnischen wie Gebüschen, wo sie nicht von Erziehern überwacht werden, noch mehr als auf den oft einfallslosen Spielplätzen: „Solange ich Freunde habe, bin ich glücklich“, sagte etwa ein zwölfjähriges Mädchen.
Umso überraschender, dass das beglückende Phänomen der Freundschaft kein religionspädagogisches Schlüsselthema ist. Ein relativ häufiger Topos ist demgegenüber, Kindern Jesus als ihren Freund anzubieten. Der Texter Rolf Krenzer schrieb dazu vierzehn Kinderlieder, die als Audiobook erhältlich sind. Und die Liturgiebörse der Diözese Feldkirch stellte eine Gestaltungshilfe für die Feier der Erstkommunion ins Internet, die mit „Jesus ist mein Freund“ betitelt ist – ein Freund, der stets zu den Kindern halte und zeige, „wie wir anderen gute Freunde sein können.“ Als Schriftlesung wird dabei Mk 10,13–16 vorgeschlagen: Jesus segnet die Kinder, legt ihnen die Hände auf und stellt sie als Vorbild hin, obschon die Jünger sie mürrisch wegschicken wollten. Die Fürbitten beginnen dann so: „Weil Jesus unser Freund ist, dürfen wir auch zu Gott kommen und ihn bitten“. Jesus als Freund wird sogar schon für „Winzlinge“ vorgeschlagen, so in den von Anita Herzsprung zusammengestellten Gottesdiensten für Kinder von zwei bis vier Jahren. Nach der szenisch nachgestellten Perikope der Kindersegnung sagen die Kleinkinder wiederholt: „Danke Jesus, du bist unser Freund. Wir kommen gern zu dir.“ Auch die Katholische Glaubensinformation der Erzdiözese Wien „missioniert“ mit diesem Topos, speziell der CD „Jesus, Du bist mein bester Freund“, auf der Kinder – katholisch überdurchschnittlich sozialisiert und idealiter mit Muttergottes-Statuen in ihren Zimmern –, von Gott und Jesus erzählen. Darunter etwa der sechsjährige Peter: „Jesus ist für mich Gott und mein Freund! Er hat mir das letzte Mal bei der Ansage geholfen – ich schrieb alles richtig!“

Jesus: Freund oder Übermensch?

Aber betrachten Kinder Jesus wirklich als Freund? Und ist der ihnen in redlichsten Absichten präsentierte Jesus ein Freund, der ihren eigenen Freundschaftskonzepten entspricht? Zumindest bei jüngeren Kindern scheint dies fraglich. Mit Jesus kann schließlich nicht (mehr) gespielt werden. Luzide Studien von Gerhard Büttner über die Entwicklung der christologischen Konzepte von Kindern zeigten, dass diese in den ersten Schulklassen Jesus mehrheitlich als eine allmächtige, überirdische Gestalt deuten, die konkret ins Weltgeschehen einzugreifen vermag und in ihrer Liebenswürdigkeit dafür sorgt, dass alles gut ausgehen werde. Demgegenüber steht die Präsentation von Jesus als Freund in der Gefahr, ihn zu verniedlichen und zu infantilisieren. Bezeichnenderweise wird in dem oben erwähnten Gottesdienst für Winzlinge Jesus ausführlich als herumkrabbelndes Baby geschildert. Kinder sehen in ihm aber eher einen Übermenschen: nett und hilfreich und oft mit Zauberkräften ausgestattet. Erst in der beginnenden Jugendphase wird Jesus aus seiner Übernatürlichkeit geholt und stärker vermenschlicht. Dies belegte Tobias Ziegler mit einer qualitativen Studie über die Christusbilder von süddeutschen Gymnasiasten, die den bezeichnenden Titel „Jesus als ‚unnahbarer Übermensch‘ oder ‚bester Freund‘“ trägt. Bei gut der Hälfte der Befragten überwog gegenüber Jesus eine gleichgültig distanzierende oder kritische Grundhaltung, zumal aufgrund von ungelöster Theodizeeproblematik: Warum lässt Gott bzw. auch Jesus Unschuldige leiden?
Das Thema Freundschaft ist in der Religionspädagogik also ausbaubar – und sollte auf Grund seines hohen Stellenwerts und seiner hohen Glücksrelevanz dringend aufgewertet werden. Wichtiger als Freundschaft zu reflektieren und biblisch zu begründen, ist und bleibt es aber, sie zu ermöglichen und zu leben – sei es in der Religionsstunde oder in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit. Allerdings wird es für Kinder immer schwieriger, in kirchlichen Kontexten Freunde zu finden, weil zusehends mehr Buben und Mädchen ohne Berührungspunkte zur Kirche aufwachsen – und jene, die diese regelmäßig besuchen, Minoritäten geworden sind, die gelegentlich als vorgestrig oder exotisch belächelt werden.
Und die Religionspädagoginnen und -pädagogen? Sollen sie sich den Heranwachsenden als Freunde anbieten, wie dies der deutsche Erziehungswissenschafter Peter Struck von Lehrern allgemein gefordert hatte, die ihre Schüler auch daheim besuchen sollten? Dies würde Kinder wohl eher irritieren – und im Jugendalter auf Anbiederung hinauslaufen. Kein Geringerer als der bedeutende Pädagogische Psychologe Hans Aebli mahnte: „Der Lehrer ist ein Erwachsener, und er soll es bleiben. Auch das Kind und der Jugendliche erwarten es von ihm.“ Aber das schließt mitnichten aus, Kindern freundlich zu begegnen, ihnen in die Augen zu schauen, sie ernstzunehmen, wertzuschätzen und zu loben, wenn sie Entsprechendes geleistet haben. Ebenfalls wesentlich ist, freundschaftliches Verhalten unter Kindern zu begünstigen.
In jüngeren Klassen empfiehlt es sich auch, über Freundschaft zu erzählen – etwa über jene zwischen David und Jonathan; oder jene zwischen Lazarus und Jesus, der „im Innersten erregt und erschüttert“ war, als er von Lazarus‘ Tod erfuhr und die Trauernden sah (Joh 11,33). Jesus selbst als „Freund“ zu präsentieren, ist jedoch aus den genannten Gründen heikel. Wer Schülerinnen und Schüler bittet, von ihren Freunden zu erzählen, muss zudem in Kauf nehmen, dass manche betroffen, schlimmstenfalls verletzt werden, wenn sie – was immer wieder vorkommt –, keine wirklichen Freunde haben. Wichtig ist es aber, gemeinsam über Freundschaft zu sprechen und zu philosophieren. Eine Erkenntnis von Aristoteles soll dabei aber nicht aus dem Blick geraten: Der Mensch werde gerecht, indem er gerecht handle, und weniger, indem er über Gerechtigkeit rede, schärfte er seinen Zeitgenossen ein. Entsprechendes gilt auch für Freundschaft: Sie ergibt sich weniger aus Reflexion als aus dem interaktiven Handeln. Das kann Kindern auch die wohlwollendste Pädagogik nicht abnehmen.


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