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Dario Santangelo 09.08.2017 07:40

32/2017 - „Extremismus religiös beantworten“
 
„Extremismus religiös beantworten“

Der Salafismus- und Deradikalisierungs-Experte Moussa Al-Hassan Diaw versucht, radikalisierten Muslimen mit islamischen Prinzipien beizukommen.

| Das Gespräch führte Otto Friedrich


Der von Moussa Al-Hassan Diaw mitgegründete Verein DERAD arbeitet u. a. in österreichischen Justizanstalten mit radikalisierten Muslimen. Ein Gespräch über islamischen Extremismus und wie man diesen bekämpft. Auch mittels Religion.

DIE FURCHE: Wo sind Salafisten in Österreich am Werk?
Moussa Al-Hassan Diaw: Das ist schwer zu sagen, denn die sehr verschiedenen salafistischen Strömungen haben ganz unterschiedliche Zugänge zur Gesellschaft, zum Verständnis der Religion, aber auch zur Politik: Einige sind etwa extrem gegen politische Beteiligung. Über so ein breites Spektrum kann man gar nicht pauschal reden. Gemeinhin denkt man bei Salafismus an die arabische Halbinsel, an lange Bärte und an ein ultraorthodoxes Islam-Verständnis, obwohl dieses eigentlich gar nicht ultraorthodox ist, sondern eine Reformbewegung auf der arabischen Halbinsel war. Man könnte ihn eher vergleichen mit dem Evangelikalismus, der Schriftbezogenheit, einer Abkehr von der Tradition. Man wollte die Tradition, die Orthodoxie und die Verkrustung des Denkens dieser Traditionen abschütteln und zum wahren Kern, zum echten Islamverständnis
der ersten drei Generationen zurück.
DIE FURCHE: In der öffentlichen Diskussion geht es aber vornehmlich um die Gewaltfrage. Setzt der Salafismus explizit auf Gewalt?
Diaw: Wenn, dann gilt das für die politische und die sogenannte dschihadistische Salafiyya. Die haben ein politisches Programm und sagen, dieses kann nur durch die Anwendung von Gewalt erreicht werden. Da gab und gibt es auch in Österreich Vertreter – teilweise sind sie ja inzwischen eingesperrt –, welche diese Ideen vertreten haben, die man auch im Internet finden kann und die sagen: Es muss ein bestimmtes staatliches System errichtet werden, das sich konkret auf religiöse Vorstellungen stützt – etwa das Kalifat, wo dann die Scharia, wie sie diese Salafiyya versteht, auch umgesetzt wird. Sie sagen, der einzige Weg, das zu tun, ist der Kampf. Es sei eine Pflicht, einen Kampf gegen die Feinde Gottes zu führen. Bei diesen Organisationen und ihren Vordenkern sind das eigentlich alle Staaten der Welt, einschließlich der muslimischen.
DIE FURCHE: In den letzten beiden Jahren waren Reisen von Dschihadisten zum Islamischen Staat nach Syrien ein Thema. Ist das immer noch so?
Diaw: Die Reisetätigkeit hat abgenommen. Das wird jetzt besser überwacht. Zu Beginn des Syrienkonflikts sind Leute aus Neugier, weil sie helfen wollten, hingefahren. Durch den sogenannten Islamischen Staat und die Positionierung von extremistischen Gruppen in Syrien als Konfliktparteien hat sich das verändert. Die Behörden in Österreich
sind auch aufmerksamer geworden, sie schreiten rigoros ein. Insofern ist eine bessere Überwachung da. Man weiß jetzt auch schneller, wo man eingreifen muss. Man kann sich nicht mehr einfach per Land- oder Luftweg absetzen. Meistens werden die Leute vorher schon beobachtet. Das Problem als solches besteht aber bis heute: Es gibt weiter Vertreter, die diese politisch-ideologischen Vorstellungen verbreiten – auch hier in Wien – und die junge oder nicht mehr ganz so junge Leute mit diesen Ideen anstecken.
DIE FURCHE: Wer ist für diese Ideologie besonders anfällig?
Diaw: In unserer Arbeit sind ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer Klientel sehr junge Menschen, die teilweise aus dem kriminellen Milieu kommen, so absurd das klingt. Sie geben zwar vor, die besten Muslime zu sein, haben aber Delikte wie Raub, Einbruch oder Körperverletzung begangen. Auch wir haben eine Studie gemacht, die bis dato noch nicht veröffentlicht worden ist. Ein Drittel der Untersuchten kommt aus einem Milieu das gar nicht muslimisch oder religionsfern war. Häufig sind Leute aus dem Kaukasus dabei. Es gibt aber auch Leute, die ein ganz normales bürgerliches Leben geführt haben, sogar Leute mit Matura oder Hochschulstudium. Der betroffene Personenkreis ist also sehr groß, aber das kriminelle Milieu, ohne Arbeit und mit zu viel Freizeit, das findet man ebenfalls. Gemeinsam ist ihnen, wie sich in unserer Studie und in internationalen Untersuchungen gezeigt hat, immer das subjektive Gefühl, als muslimische Menschen abgelehnt zu werden – auch wenn es ihrer Lebenssituation widerspricht, weil sie etwa als Flüchtlinge anerkannt wurden – sowie der Bezug zu außenpolitischen Konflikten. Gemeinsam ist auch der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun: Diese Gruppen sind für den Einzelnen sinnstiftend.
DIE FURCHE: Der Sukkus der jüngsten Studie des Islam-Pädagogen Ednan Aslan, die vor allem aus Interviews mit Häftlingen besteht, lautet, die Rolle der Religion in diesem Zusammenhang sei unterbelichtet: In Wirklichkeit sei die Religion das Problem.
Diaw: Wir haben in unserer Studie