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Dario Santangelo 27.09.2017 10:15

39/2017 - „Schopenhauer wäre rasch weg gewesen“
 
„Schopenhauer wäre rasch weg gewesen“

Wie gelingt es den österreichischen Hochschulen, ihre Studierenden auf die Anforderungen der Wissensgesellschaft vorzubereiten? Eine Debatte über das Leistungs- und McDonald’s-Prinzip.

| Das Gespräch führte Martin Tauss

„Unis vor dem Burnout“ lautete der Titel eines FURCHE-Fokus zu Beginn dieses Jahres. Die kritisch-konstruktive Bestandsaufnahme provozierte eine lebhafte Debatte, die nun eine offizielle Fortsetzung fand.

DIE FURCHE: Uniko-Präsident Oliver Vitouch hat kürzlich beklagt, dass es an den österreichischen Unis zu wenig Leistungsorientierung gibt. Ebenso hört man die Klage über die Universität als Hamsterrad im Zeichen geistloser Effizienzsteigerung. Welche Kritik trifft eher zu?
Kurt Kotrschal: Universitäten waren immer herrschaftliche Gründungen, von Anbeginn gab es den Kampf um Unabhängigkeit. Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass wir nun zwar formal eine fast vollständige Autonomie haben, aber zugleich entsteht eine fast vollständige Instrumentalisierung der Unis im Sinne einseitiger Effizienzorientierung – anstelle von „Down-Sizing“ und Qualitätsverbesserung.
Bernd Lederer: Es ist schon paradox: Aus dem Geist der neoliberalen Hochschulreformen ist letztlich eine marxistische Arbeitswerttheorie entstanden. Man will die Unis in Richtung „Qualifikationsfabrik“ trimmen, zugleich macht man eine Planwirtschaft daraus. Das spießt sich natürlich. Die heutige Unistruktur verleitet die Studierenden, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, nach dem Motto: „Ich muss jetzt schauen, dass ich meine ECTS-Punkterl kriege ...“ Der Anspruch der Bologna-Reform ist gescheitert, der Schuss ging nach hinten los. Die Leistungsniveaus sind heute viel geringer. Und diese waren schon früher genug zu kritisieren.
Thomas Schmidinger: Ich will weder zurück zu einem elitären humanistischen Bildungsideal, noch glaube ich, dass die neoliberale Umgestaltung der Universität tatsächlich etwas gebracht hat – weder der Uni noch der Gesellschaft. Vor 1970 konnten sich nur wenige die Freiräume der Bildung leisten. Die universitäre Demokratisierung hat dann zu einer Massenuniversität mit vielen Problemen geführt. Man hat diese nicht so angepackt, dass Niveau und gesellschaftliche Relevanz bewahrt werden, sondern schlicht versucht, zu mehr Abschlüssen zu kommen – die Studierenden schneller durchzubringen, ohne zu schauen, was am Ende dabei rauskommt.
Die Furche: Wie soll die gesellschaftliche Relevanz der Universitäten konkret aussehen?
Schmidinger: Es geht auch um die Wirkung in der Öffentlichkeit, in Debatten, Vorträgen, Kommentaren, et cetera. Und die Uni soll nicht nur Ausbildung anbieten, sondern auch einen Freiraum für Bildung, für möglichst breite Bevölkerungsschichten.
Kotrschal: Das ist ja hehrer Idealismus! Ich würde zunächst fragen, wer bestimmt denn die gesellschaftlich relevanten Themen? Die Unis müssen sich nicht der sozialen Realität anpassen, das wäre ein Verlust an Freiheit.
Lederer: Ich plädiere für die alte Idee der Uni als „Ermöglichungsraum“: für eine Lebensphase der Persönlichkeitsentwicklung und des intellektuellen Selbstexperiments. In Bayern etwa kommt man heute mit 17 Jahren an die Uni, macht sechs Semester Bachelor-Studium, mit 20 ist man fertig und beginnt zu arbeiten. Entschuldigung, das ist doch eine gewaltige Infantilisierung! Früher gab es an den Unis die Möglichkeit, in dieser entwicklungssensiblen Zeit Anfang, Mitte 20 gewisse Freiräume zu öffnen. Ich bin überzeugt, dass diese auch aus wirtschaftsstrategischer Sicht von Vorteil wären.
Schmidinger: Diese Leerstelle merkt man den heutigen Absolventen auch an. Zwischen Gymnasium und Universität ist kaum noch ein Schnitt nachvollziehbar. Die Umsetzung des Bologna-Systems hat in Österreich zu mehr Verschulung geführt. Bologna sollte auch dazu führen, dass die Studierenden international mobiler werden. De facto aber gibt es heute weniger junge Menschen, die im Ausland studieren.
DIE FURCHE: Man könnte jedoch anmerken, dass Bologna ein Fortschritt ist im Vergleich zu einer vom Beamtentum geprägten Universität, die früher nicht unbedingt leistungsförderlich war ...
Lederer: Menschen bringen nicht nur dann Leistung, wenn sie vom Markt unter Druck gesetzt werden. Die alten Ordinarien-Universitäten haben ja unglaublich viel geforscht, entwickelt und publiziert. Unsere ganze technologische Kultur basiert auf ihren Leistungen. Oder man denke an Arthur Schopenhauer: Der hat nur ein großes Buch geschrieben; das hat seine Zeit gebraucht. So jemand wäre heute rasch von der Uni weg, denn es dominiert ein quantifizierter Leistungsgedanke. Es geht nicht mehr um Qualität, nur noch um Output.
Kotrschal: Ich sehe die ideale Uni weder als romantisch verkl