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Dario Santangelo 08:31

43/2017 - „Begegnungen mit Anderen kultivieren“
 
„Begegnungen mit Anderen kultivieren“

Empathie ist in Psychologie und Hirnforschung zum großen Thema geworden. Ist Einfühlungsvermögen die mentale Grundlage, die kooperatives Verhalten begünstigt – vielleicht sogar der Kern der Moral? Philosophin Monika Betzler im Gespräch.

| Das Gespräch führte Sabrina Adlbrecht

„Kooperation und Empathie“ lautete der Vortrag von Monika Betzler beim Biologicum Almtal in Grünau. Die FURCHE hat vor Ort nachgefragt.
DIE FURCHE: Was motiviert uns eigentlich dazu, kooperativ zu sein?
Monika Betzler: Die meisten Menschen denken nicht unmittelbar an Moral, wenn sie kooperieren. Wir haben basale Mechanismen wie etwa die Empathie, um uns auf andere zu beziehen. Dieses Einfühlungsvermögen ist häufig zentral, um uns moralisch zu motivieren. Spannend wird es, wie wir als eigenständig denkende Personen damit umgehen. Empathie führt nicht notwendigerweise zur besten Kooperation oder gar zu moralischem Verhalten. Denn wir könnten diese Fähigkeit auch missbrauchen: anderen, mit denen wir nicht empathisch sind, schaden; unfair, zu parteilich sein et cetera. Was mich interessiert, ist, wie wir mit diesem biologisch verankerten Mechanismus umgehen können, um ihn zu einer „Tugend“ zu kultivieren.
DIE FURCHE: Es geht also um eine besondere Form von Empathie?
Betzler: Wenn Empathie eine Funktion wie die Sehkraft wäre, dann könnten wir das nicht einklagen wie: „Du solltest jetzt nicht kurzsichtig sein.“ Also muss es eine Fähigkeit sein, die wir selbst beeinflussen und kultivieren können. Wir können uns vor diesem Hintergrund fragen, wozu ist es überhaupt gut, Empathie zu zeigen. Ein Effekt wäre, dass wir damit die gefühlsmäßige Wahrnehmung einer anderen Person gutheißen und autorisieren. So zollen wir ihr Anerkennung im Sinne von: „Du bist richtig so“. Das ermöglicht diesem Menschen, mehr Vertrauen in seine Wahrnehmung zu legen. Hier sieht man, wie wichtig Empathie für die Erziehung ist, aber auch für das soziale Miteinander, da wir alle ein fundamentales Bedürfnis nach Anerkennung haben. Das betrifft Nahbeziehungen wie Freundschaften und Partnerschaften, aber auch Beziehungen zwischen Kollegen, Ärzten und Patienten et cetera.
DIE FURCHE: Bedeutet moralische Erziehung, Kinder und Jugendliche empathiefähig zu machen?
Betzler: Empathie ist eine Fähigkeit ist, die man regulieren und kalibrieren kann, somit auch ein Vermögen, das wir im Alltag einüben können. Wir können das als Mütter und Väter einüben; wir können darauf eingehen, wie unsere Kinder Dinge empfinden. Wir können das ernst nehmen, sodass Kinder lernen, ihre eigenen Emotionen zu spüren, gut damit umzugehen – und ihrerseits wieder andere Kinder mit ihren Gefühlen ernst nehmen. Das macht uns insgesamt zu sozialeren Menschen und sollte schon im Elternhaus passieren.
DIE FURCHE: Kooperationsbereitschaft hat oft auch mit Prestige-
gewinn zu tun. Gilt das in gewisser Weise auch für Empathie?
Betzler: Neutral betrachtet kann man feststellen, dass empathische Personen letztlich einen Vorteil haben. Sie werden mehr gemocht, haben mehr Freunde und gewinnen mehr Einfluss. Wenn Sie aber denken, „jetzt setze ich meine Empathie ein, dann habe ich mehr Vorteile“, sind Sie gar nicht mehr in der Lage, genuine Empathie zu empfinden, sondern nur etwas, was ich „Pseudo-Empathie“ nennen würde. Und das merkt auch Ihr Gegenüber – dass Sie gar kein wirkliches Interesse an seinen oder ihren Gefühlen haben.
DIE FURCHE: Wie im Nationalratswahlkampf in Österreich deutlich wurde, ist Zuwanderung mit gro-ßen Ängsten in der Bevölkerung verknüpft. Wie können Menschen Empathie und Verständnis für andere entwickeln, die zunächst einmal als fremd oder gar bedrohlich wahrgenommen werden?
Betzler: Mit größeren Gruppen kann man wohl keine Empathie empfinden. In der Flüchtlingsfrage ist es sicher nicht hinreichend, nur zu sagen, jetzt sollen alle mal empathisch sein – obwohl das im Einzelfall eine wichtige Ingredienz im sozialen Miteinander ist, der wir viel zu wenig Beachtung schenken. Im Sinne der Empathie wäre es wichtig, Begegnungen mit einzelnen Flüchtlingen zu haben, auch gesellschaftlich zu kultivieren, und deren partikulare Geschichten zu hören. Aber solche großen Themen sind natürlich nicht allein mit Empathie zu bewältigen. Da gibt es noch andere moralisch relevante Überlegungen – Fairness, Respekt und Würde –, und es geht natürlich auch um Fragen der Machbarkeit.
DIE FURCHE: Was sich aber immer wieder zeigt: Die Fremdenangst ist immer dort am größten, wo kaum „Fremde“ sind ...
Betzler: Das ist ein bekanntes Phänomen, dass die Menschen zum Beispiel die größte Angst vor Islamisierung dort haben, wo überhaupt keine Moscheen stehen. Ähnliches gilt im Übrigen für Homophobie: Das Begegnen und Kennenlernen kann hier unsere Herzen öffnen.
DIE FURCHE: Digitale Kommunikationsmittel befriedigen das menschliche Mitteilungsbedürfnis heute stärker als je zuvor. Entsteht dadurch nicht zugleich größere Dis-tanz, da essenzielle Bestandteile von Kommunikation wie Mimik, Gestik, Gerüche etc. wegfallen?
Betzler: Das größere Problem besteht eher darin, wenn wir unsere Beziehungen nur noch als Zweckbeziehungen gestalten. Wenn unsere Beziehungen zunehmend so geführt werden, kommt es zu einer verstärkten Instrumentalisierung, sodass Beziehungen eigentlich nicht als Wert, um ihrer selbst, gelebt werden. Das wäre ein enormer Verlust. Das sieht man auch bei sozialen Medien wie Facebook oder bei der Partnersuche über das Internet. Wir müssen uns im Klaren sein, dass das eine Gefahr in sich birgt, um weiterhin Räume zu generieren, wo genuine Beziehungspflege möglich ist.



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