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Dario Santangelo 07:20

44/2017 - „Wir müssen lernen, darüber zu reden“
 
„Wir müssen lernen, darüber zu reden“

Die fürchterlichen Konsequenzen eines Suizids werden durch Tabus, Ängste und Stigmatisierungen noch verschärft: Doch es macht einen Unterschied, ob dieses Ereignis verschwiegen wird oder mitteilbar bleibt, meint Kulturwissenschafter Thomas Macho.


| Das Gespräch führte Martin Tauss

Seine Habilitation hat Thomas Macho 1983 über Todesmetaphern verfasst; nun präsentiert er eine umfangreiche Studie zum Thema Suizid. Die FURCHE traf ihn am IFK in Wien zum Gespräch.

DIE FURCHE: Sie bemühen sich in Ihrem Buch um ein tieferes Verständnis eines oft unbegreiflichen Phänomens. Haben Sie auch eine präventive Absicht damit verfolgt?
Thomas Macho: Verstehen und Prävention müssen verbunden werden. Dabei sollten nicht nur Warnungen beachtet werden, sondern auch die Vielfalt der Motive, Kontexte und Geschichten. Während des Schreibens habe ich mit vielen Menschen geredet; fast jeder hatte schon einen Suizidfall im persönlichen Umfeld erlebt. Häufig wurde jedoch gesagt: Das ist in unserer Familie nie besprochen worden. Das Ereignis wird wie in einer Krypta eingeschlossen. Wir müssen lernen, darüber zu reden.
DIE FURCHE: Müsste man heute nicht viel eher das „normale“ Sterben enttabuisieren – im Sinne einer Kultur, die mit dem Tod weise umgehen kann?
Macho: Lebenskunst ist heute auch Sterbekunst. Die Todeserfahrung hat sich historisch stark gewandelt. Wir werden heute um vieles älter, die Kindersterblichkeit ist stark gesunken. Der Tod wird immer seltener als Schicksal wahrgenommen. Heute teilen wir das Gefühl, der Tod gehöre zu unserem Leben, so dass er eben auch den Charakter eines gestaltbaren Projekts annimmt. Und hier beschreiten wir bereits den schmalen Pfad, auf dem Tod und Suizid nahe nebeneinander liegen.
DIE FURCHE: Sie vertreten die These, dass Suizid „ein Leitmotiv der Moderne“ sei. Das ist starker Tobak ...
Macho: Natürlich ist der Suizid nicht das einzige Leitmotiv der Moderne, aber ein bisher nur selten reflektiertes. Angesichts der umfassenden Präsenz dieses Themas ist verwunderlich, wie wenig über die Genealogie dieser Präsenz nachgedacht wird. Woraus speist sich der „Tiefenstrom“, der in unserer Kultur seit rund 200 Jahren wirkt, angetrieben durch die Prozesse der Alphabetisierung, Säkularisierung, Globalisierung oder die Faszination für andere Suizidkulturen, etwa die Rezeption japanischer Haltungen zum Suizid?
DIE FURCHE: Wo sehen Sie historische Wendepunkte im Umgang mit dem Suizid?
Macho: In der Antike haben etwa die stoischen Philosophen den Suizid positiv bewertet. Für einen Feldherrn, der eine Schlacht verloren hatte, galt der Suizid als heroische Tat, die den Legionären und Sklaven dagegen streng verwehrt war. In der christlichen Theologie wird der Suizid als schwere Sünde angesehen; die Unterscheidung zwischen Martyrium und Suizid blieb aber umstritten. In der Moderne kommt es zu einem Umbruch: Menschen setzen sich zunehmend in ein Verhältnis zu sich selbst, sie sehen ihr Leben als gestaltbares Projekt, für das sie Verantwortung tragen. Wenn ich und mein Leben mir gehören, muss das folgerichtig auch für meinen Tod gelten.
DIE FURCHE: Eines der bekanntesten Suizid-bezogenen Werke ist Goethes „Werther“, der damals eine ungewollte Vorbildwirkung für Jugendliche hatte. Sind heute ähnlichee Phänomene denkbar?
Macho: Heute werden Filme, TV-Serien oder Berichte über Prominenten-Suizide als Quellen für Nachahmungstaten betrachtet. Im 19. Jahrhundert haben die Zeitungen Abschiedsbriefe von Suizidenten abgedruckt und Suizid-Debatten geführt. Gegen den „Werther“ oder gegen englische Bühnenstücke des 17. Jahrhunderts wurde damals mit ähnlichen Argumenten polemisiert wie heute gegen das Internet.
DIE FURCHE: Durch Internet und Computerspiele sind suizidale Inhalte heute noch leichter zugänglich. Kann das verführerisch sein oder bewirkt der spielerische Umgang mit dem Suizid eine Abreaktion von auto-aggressiven Impulsen?
Macho: Unzählige Jugendliche bewegen sich in virtuellen Welten, ohne jemals einen Suizid zu begehen. Umgekehrt waren Schul-Amokläufer mit diesen Spielen oft gut vertraut. Das Internet wirkt als zweiter Alphabetisierungsschub, als Popularisierung von Selbsttechniken wie Schreiben, Lesen oder Bildermachen. Es eröffnet viele Möglichkeiten, das Verhältnis zu sich selbst zu reflektieren und zu inszenieren, manchmal auch durch einen Suizid.
DIE FURCHE: Die Verschmelzung von Mensch und Maschine inspiriert heute die Idee der Unsterblichkeit; Sie sehen im Selbstmord der Maschinen ein zeitgemäßes Motiv ...
Macho: Unsterblichkeit ist ein Begriff, der nur schwer inhaltlich gefüllt werden kann. Was will man ewig machen? Worin bestünde die Qualität eines ewigen Lebens? Selbst Horrorfilme über Werwölfe oder Vampire zeigen inzwischen nicht selten, dass diese Wesen unter ihrer Langlebigkeit leiden. Unsere Lebenserwartung ist aufgrund medizinischer Fortschritte enorm gestiegen, aber die Lebensqualität ist am Ende meist stark eingeschränkt. Auch insofern ist Langlebigkeit suspekt geworden. Darauf beziehen sich aktuelle Debatten um Sterbehilfe und assistierten Suizid.
DIE FURCHE: Wie beurteilen Sie die Liberalisierung der Sterbehilfe in EU-Staaten wie Belgien oder den Niederlanden?
Macho: Das Schweizer Bundesgericht hat 2006 den Suizid zum Menschenrecht erklärt. Dieses Urteil begrüße ich. Meine Kritik betrifft Fragen, die etwa mit einer Patientenverfügung schwer lösbar sind. Man kann sich kaum vorstellen, wie es wäre, mit Demenz zu leben. Und ich verstehe auch die Einwände, die aus den Erfahrungen der NS-Zeit abgeleitet werden. Man muss die Regeln streng auslegen und nicht für unvorstellbar halten, was vor einigen Jahrzehnten als „Euthanasie“ praktiziert wurde.
DIE FURCHE: Laut einer WHO-Studie sind bis zu 90 Prozent aller Suizide durch psychische Erkrankungen bedingt: Die große Mehrheit handelt somit existenziell eingeschränkt und zutiefst verzweifelt. Öffnet man mit der Sterbehilfe nicht eine Büchse der Pandora für eine Gruppe, der doch anderweitig zu helfen wäre?
Macho: Gegenüber solchen Studien bin ich extrem skeptisch. Die WHO verfügt nicht einmal über exakte Suizidzahlen, geschweige denn über Einsichten in Hintergründe, Motive und Kontexte. Die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen Suiziden und psychischen Krankheiten fungierte im 19. Jahrhundert als Argument für Entmoralisierung und Entkriminalisierung; doch heute empfiehlt die Pathologisierung nicht nur ein zweifelhaftes Ideal der Normalität, sondern erneut moralische, jedenfalls stigmatisierende Positionen.
DIE FURCHE: Warum plagt uns heute auch die Fantasie des kollektiven Untergangs?
Macho: Die Idee vom Untergang der Menschheit gab es bisher nur in apokalyptischen Narrativen. Aber dass wir etwa durch einen Atomkrieg oder durch ökologische Katastrophen kollektiv Suizid begehen könnten, ist neu. Die apokalyptischen Reiter galoppieren noch, aber wir sind es selbst, die den Zügel in Händen halten. Wenn Stephen Hawking dazu rät, in den nächsten hundert Jahren die Übersiedlung auf andere Planeten ins Auge zu fassen, vermittelt er eine Sorge, die zum Stichwort des „Anthropozäns“ passt. Wir sind offenbar fasziniert davon, dass wir die einzige Spezies sind, die in der Lage ist, sich selbst auszulöschen.


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