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-   -   08/2018 - Es ist politisch, das Private (http://www.furche.at/system/showthread.php?t=73250)

Dario Santangelo 02:34

08/2018 - Es ist politisch, das Private
 
Es ist politisch, das Private

Schon im Biedermeier ging ein Rückzug ins Private häufig mit dessen Ausweitung einher.
Eine kleine Kulturgeschichte der Privatheit.


| Von Evelyne Polt-Heinzl

Epochen politischen Stillstands oder Rückschritts gelten als idealtypische Phasen des Rückzugs ins Private. Das Biedermeier etwa. Doch gerade hier findet sich zugleich eine gewisse Ausweitung der Grenzen des Privaten – durchaus mit Parallelen zur gegenwärtigen Verfasstheit. Politisch wehrte das neu erwachte Deutschtum in den Napoleonischen Kriegen mit dem Aggressor auch Errungenschaften der Französischen Revolution ab, die Begriffe rechts und links schienen den Zeitgenossen vielleicht ähnlich ins Relative verwischt wie heute. Orientierungskrisen dieser Art führen gern zu einer Aufwertung ,weicherer‘ Formen gesellschaftlichen Handelns wie Kultur und Unterhaltung. Nicht zufällig organisierten damals Ludwig Tieck oder Christian Daniel Schubart die ersten Autorenlesungen im heutigen Verständnis, während sich in den Zeitungen persönlich gehaltene Plaudereien großer Beliebtheit erfreuten – die konnten wie heute tagesaktuell sein oder mehr heimelig rund um Alltagserlebnisse mit Kindern, Hunden, Gartenfreuden oder Genussfragen.

Hinter Rüschengardinen

Die ,Neuen Medien‘, die damals die Kulturelite verstörten, waren die massenhaft verbreiteten Druckschriften; Familien- und Sonntagsblätter berichteten mit nie da gewesener Geschwindigkeit über Ereignisse andernorts, auch von Auftritten der Bühnengrößen, die damals erstmals Star-Status erhielten. Prinzipiell funktionierte dieser kleine Kreis ähnlich wie die Seitenblicke-Gesellschaft unserer Tage: Sehen und Gesehen werden und davon in der Zeitung oder im Kurblatt lesen. Wer dazugehörte, hinterließ mit Gedichten und Widmungen seine Spuren in den Stammbüchern wie heute in den Gästebüchern der Websites. Korrespondiert wurde freilich noch konventionell per Brief, allerdings so exzessiv, dass der Germanist Georg Gottfried Gervinus den Begriff „Briefwut“ prägte. Der Umgang mit diesen privaten Mitteilungen aber ist eine Art Frühform des Chatrooms: Sie wurden in einer lose definierten Community vorgelesen, weitergereicht und besprochen. War man in den Kreis eingeklinkt, wurde der Zugriff auf die Inhalte nicht weiter hinterfragt.
Trotzdem blieb natürlich vieles hinter den Rüschengardinen verborgen. Da schuf der Roman Abhilfe, der als Gattung dem nachforscht, was sich in den wachsenden Städten von der Privatspähre nicht mehr der Sozietät mitteilt. Die großen Romane entlarven die Lügen der Gesellschaft, also die Diskrepanz zwischen offiziellem Moralkodex und realen Lebenspraxen, und sie tun das nicht selten entlang von Familiengeheimnissen – rund ums Geld oder rund ums Bett. Als die prüde Moral offiziell nichts kannte als die ehrenwerte Ehe lebenslänglich, wussten sie von Geldheirat und Ehebruch zu berichten, von sozialer wie sexueller, pathogener oder neurotischer Devianz. Bereits 1707 hebt in Alain-René Lesages Roman „Der hinkende Teufel“ der für Liebesverwicklungen zuständige Teufel Asmodeus kurzerhand die Dächer, um in den Schlafzimmern darunter das Treiben der damaligen Pariser Gesellschaft im Wortsinn ,aufzudecken‘.
Dadurch kam bis 1900 Schreiben notwendigerweise in Konflikt mit Diskretionsregeln, um 1920 aber wurde Indiskretion ein Instrument des Eigenmarketings – auch im Literaturbetrieb. „Seit einigen Jahren bemühe ich mich vergeblich, das Privatleben der zeitgenössischen Autoren NICHT kennenzulernen”, klagte Joseph Roth 1929. Daraus erwächst die Option, das Spiel mit der Logik medialer Selbstvermarktung bewusst zu inszenieren. Das verarbeitete als erster Hugo Bettauer 1922 in seinem Roman „Der Frauenmörder“. Ein unbekannter Schriftsteller inszeniert einen fingierten Mord und erreicht mit dem groß aufgemachten Prozess, was der Coup intendierte: Bekanntheit und Popularität. Ganz ähnlich agiert achtzig Jahre später in Daniel Glattauers Roman „Darum“ (2003) ein erfolgloser Autor, und das Kalkül ist immer noch richtig.

Benimm-Bücher und Anstandsregeln

Sorgten im Nationalsozialismus Blockwarte und Vertrauensleute für ein Ende der Privatheit in der politischen Diktatur, wurden nach 1945 die Balken besonders dicht geschlossen, um die Traumata von Verfolgung und Schuld wegzusperren. Es war die große Zeit der Benimm-Bücher und Anstandsregeln, mit denen man verzweifelt und borniert versuchte, den erlebten Zivilisationsbruch zu überbrücken. Wer gegen diese Verhaltensnormen verstieß, rührte an einer dünnen Haut, denn das historische Darunter, in das so viele unselig verstrickt waren, drohte jeden Augenblick hervorzubrechen. Mit dem Heranwachsen der Kinder stieg die Gefahr unangenehmer Fragen, was die Fortdauer der Schwarzen Pädagogik um einiges verlängert haben dürfte. Wer zuschlägt, muss nicht antworten.
Gegen all diese Verhärtungen und Verlogenheiten traten die 68er an. Manches, was als Befreiung erlebt wurde – und es auch war –, zeigte in der Folge auch seine problematischen Seiten. Es ist gut, dass der Dresscode in vielen Bereichen gelockert wurde, es ist weniger gut, dass Kleiderusancen im öffentlichen Raum nach unten keine Grenzen mehr zum Couchpotato-Abend kennen. Es ist gut, dass Frauen nicht mehr so verschämt mit ihrem Tampon-Vorrat umgehen müssen, es ist weniger gut, dass Damen ihre Schminkstunde in den Pendlerzug verlegen oder Herren hier ihre Fingernägel knipsen.

Studentenrevolte bis #MeToo

Als die männlichen Akteure der Studentenrevolte dann den Marsch durch die Institution antraten, auch hier die Kleiderordnung ordentlich aufmischend und die Pfandflaschenregelung in die Bürgerwelt tragend, versuchte die Frauenbewegung unter dem Slogan ,das Private ist politisch‘ für Formen struktureller Gewalt im Geschlechterverhältnis zu sensibilisieren, was sich bis zum aktuellen „MeToo“ als reichlich steiniger Weg erwies. Wie sehr sich die sexuelle Befreiung letztlich zur Pornografisierung der Gesamtgesellschaft vergröbert hat, zeigte sich erst so richtig, als bei der Verbreitung der digitalen Tools klar wurde, dass die Masse der User nicht nach Wissen dürstet, sondern nach Pornoseiten.
Für die Literatur ist die neue Unbedenklichkeit im Umgang mit dem Intimen ein Problem. Weshalb sollte sie zwischen den Bettlaken oder in anderen heiklen Terrains recherchieren, wenn dort schon die Webcam installiert ist, wenn öffentliche Selbstentblößung in Container- und Beicht-Formaten das TV-Programm prägt und alle bereit sind, Live-Berichte vom Mittagessen genauso wie intimste Bilder und Geständnisse selbsttätig hochzuladen und dem Liken preiszugeben? Das Verschieben von Schamgrenzen wie das Brechen sexueller Tabus ist Mainstream geworden, aufklärerisch zu wirken ist mit Provokation auf diesem Weg kaum mehr möglich. Vielleicht ist dieses Potenzial generell überschätzt worden, denn, so Michel Foucault, die Übertretung bejaht das begrenzte Sein wie jenes Unbegrenzte, das sie erstmals betritt und ist damit zugleich „die Bejahung der Teilung“. Trotz aller Enthemmung wäre eine Liste aktueller Tabus jedenfalls kaum kürzer als jene um 1900, denn es gibt sie natürlich nach wie vor, sie sind nur in andere Felder abgewandert, zum Beispiel in all jene, die sich nicht zur Optimierung der Selbstpräsentation posten lassen.
Diese Gemengelage hat fatale Folgen für alle gesellschaftlichen Bereiche – auch für die Politik. Denn das Interesse der Menschen wie der medialen Öffentlichkeit gilt schon lange mehr den selbstdarstellerischen Fähigkeiten der Akteure als den Inhalten. Das relativiert auch die beliebteste Floskel der vergangenen Wochen: Die Optimierung der Vermarktungsstrategien kann dazu führen, dass Taten gar nicht mehr gemessen werden.


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