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Dario Santangelo 07:18

27/2018 - Glücksräume
 
Glücksräume

Seeblick ist gut für Glücksgefühle. Wichtiger aber sind soziale Räume. Skizzenhafte Befunde aus der Ökopsychologie und Glücksforschung.

| Von Anton Bucher

Alles, was für uns Menschen wahrnehmbar geschieht, ereignet sich in Raum und Zeit. Raum ist für uns noch selbstverständlicher als das Atmen. Aber: je länger über ihn nachgedacht wird, desto tiefer kann er zum Mysterium werden. Von den Astrophysikern wissen wir, dass sich vor gut 13,7 Milliarden Jahren aus der Urknall-Singularität, deren Größe mit winzigsten 10-30 Zentimeter angegeben wird, während einer Planck-Sekunde (10-43 Sekunden) Raum, Materie und Zeit allererst frei machten. Zuvor gab es keinen Raum, aber dieser scheint weiterhin zu expandieren, mittlerweile im geschätzten Ausmaß von 120 Milliarden Galaxien, jede davon in ihrer Größe unser räumliches Vorstellungsvermögen schwindelerregend übersteigend, aber in etwas drinnen, das nicht Raum ist.
Letztlich ist es ein Mysterium, dass es auf unserem Planeten Räume gibt, durch die eine angenehme Brise von 22 Grad Celsius fächelt, und nicht Hitze lodert wie auf der Sonne, wo bei 6000 Grad alles zerschmilzt, und nicht Kälte wie auf dem Pluto, wo bei minus 230 Grad alles klirrend erstarrt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Lebensraum entwickelte, gilt als extrem gering (1 zu x Millionen) und ist weiterhin eines der am häufigsten bemühten Argumente der Kreationisten, die hinter diesem Raum einen göttlichen Architekten vermuten.

Evolutionäres Erbe

So oder so: Dass überhaupt Raum ist, ist ein unverdientes Geschenk. Und wir Menschen können uns sogar den Luxus leisten, darüber nachzudenken, welche Räume uns eher wohltun, aber auch an der Schaffung solcher Glücksräume mitwirken, sei es draußen, mehr noch im Innen- und Wohnbereich. In den vergangenen Jahrzehnten etablierte sich eine ökologische Psychologie, die auch danach fragt, wie sich unterschiedliche Umgebungen – etwa unversehrte voralpine Landschaft versus Chemieindustriepark – auf die Gesundheit auswirken. Norwegische Studierende betrachteten teils Bilder von einem türkisfarbenen See, darüber verschneite Berggipfel, teils von rauchenden Fabrikschloten. Erstere hatten einen ruhigeren Herzschlag und günstigere Blutdruckwerte. Angestellte, die von ihrem Pult aus auf ehrwürdige Bäume schauen konnten, waren weniger gestresst und fühlten sich bei der Arbeit glücklicher. Patienten auf einer Rehabilitation genasen schneller, wenn sie aus der Klinik in eine weite Landschaft mit Hügelfluchten und Wäldern hinausschauen konnten.
Als besonders wohltuend empfinden Menschen räumliche Umgebungen, die dem Überleben unserer Vorfahren förderlich waren. Weniger eine endlose Wüste, sei es aus Eis, sei es aus Sand, wo kein grüner Trieb mehr aufsprießt und es keine Möglichkeiten gibt, sich zu verstecken. Sondern vielmehr leicht hügelige Umgebung, von Sträuchern und Bäumen bewachsen, die bestenfalls Früchte liefern und Schatten spenden; ein murmelnder Bach daneben, sodass stets Wasser da ist; auf einer leichten Anhöhe, um hinunterschauen und die Umgebung kontrollieren zu können. Erwiesenermaßen fühlen sich Menschen mit dermaßen vielfältiger, vor allem aber lebendiger Natur inniger verbunden. Dies bestätigt die bekannte Biophilia-These des renommierten Soziobiologen Wilson, gemäß der dem Menschen ein tiefes Bedürfnis innewohnt, sich mit lebenden Dingen zu verbinden und das Tote zu meiden, weil unsere Vorfahren nur in Verbundenheit mit anderem Leben, sei es botanischem, sei es zoologischem, zu überleben vermochten.
Freilich, Milliarden von Menschen leben in diametral verschiedener Umgebung, zwischen Beton, Glas und Aluminium, auf Asphalt, in Räumen mit Klimaanlage. Und mittlerweile haust gut die Hälfte der Kinder in der Dritten Welt in urbanen Ballungsräumen, millionenfach unter den Blechdächern der Favelas, auf schmutzigen Straßen, im Gestank von Müllhalden. Jedenfalls ist es wenig verwunderlich, dass sich Menschen in artifizieller, oft auch reizüberfluteter Umgebung weniger glücklich fühlen. Besonders verschmutzte Räume mit starker Feinstoffbelastung und schrillem Lärm – etwa neben Flughäfen – reduzieren das Glücksempfinden enorm, und die Gesundheit auch.

Räumliche Weitsicht

Zu den glücksbegünstigenden Räumen zählen auch jene, die Weitsicht ermöglichen, etwa am Strand stehen und in die ozeanischen Weiten hinausschauen, aus denen gischtbekränzte Wogen heranbranden, oder auf einem Berggipfel rasten, den Blick hinunter in die Täler und über andere Grate und Gipfel gerichtet, oder auf einem Turm, ganz im Sinne des Wächters Lynkeus in Goethes Faust II: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt. Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn ...“ Besonders glücksrelevant ist jedoch, ob Menschen sich mit den sie umgebenden Räumen verbunden fühlen, in sie eingebettet und in ihnen geborgen. Naturverbundenheit ist ein zentrales Konstrukt der Ökopsychologie und wird mit Items wie folgendem gemessen: „Ich spüre, genau gleich zur Erde zu gehören, wie sie zu mir gehört.“ Je tiefer solche Verbundenheit ist, desto häufiger sind angenehme Emotionen bzw. desto seltener Stress und Angst, desto höhere Vitalität gibt es, auch aufgrund von mehr Bewegung, und desto geringere Fixierung auf das Ego bzw. desto stärkeres Engagement für die Biosphäre, deren Gleichgewicht dermaßen sensibel ist, weil es so zufällig ist, dass diese überhaupt entstehen konnte. Kreiste die Erde von der Sonne fünf Prozent des jetzigen Abstandes weiter entfernt, wären die Ozeane restlos vereist, kreiste sie ebenso viel näher, wären alle verdampft.
Mehrfach untersucht wurde auch das Wohlbefinden in architektonischen Räumen. Wenn Personen Glücksfragebögen in großzügig gestalteten, sonnendurchfluteten Räumen ausfüllen, in denen es auch angenehm duftet und gar noch Pflanzen wachsen, fallen die Ergebnisse positiver aus als dann, wenn dies in engen, dunklen und muffigen Kammern geschieht, schlimmstenfalls in Kerkern, in denen in der Menschheitsgeschichte Abertausende Gefangene Qualen ausstanden, auch deswegen, weil sie kein Licht sahen und keine Weite vor sich hatten.

Die Gier nach mehr als Glückskiller

Neben den physikalischen Räumen existieren die sozialen Räume, belebt von Mitmenschen. Sie entstehen, wenn sich Mutter und Säugling in die Augen schauen, wenn Kinder im Sandkasten die Plastikschaufeln austauschen, wenn sich Frischverliebte küssen, Verhandlungspartner sich die Hände schütteln, eine Pflegerin der Uroma über die welke Hand streichelt. Soziale Räume sind glücksrelevanter als die physikalischen. Schon der Philosoph Aristoteles legte in seiner Nikomachischen Ethik eindringlich dar, Menschen könnten ohne Freunde niemals glücklich sein. Dies bestätigen auch aktuelle glückspsychologische Studien. Ein stabiler sozialer Nahbereich, speziell eine verlässliche Beziehung zu einem/r Lebenspartner/in, zu Kindern und Freunden ist erwiesenermaßen weit glücksrelevanter als ein mächtiger Status, ein hohes Einkommen, ein schnittiger Zweitwagen und andere materielle Faktoren mehr, die gierigen Hunger nach mehr wecken können – einer der ärgsten Glückskiller. Und soziale Räume können wir durch unser kommunikatives Verhalten viel leichter in wünschenswerter Weise verändern als die Räume in einem Altbau, von den landschaftlichen Räumen, die uns vorgegeben sind, ganz zu schweigen. Selbst durch ein Lächeln, das nicht einmal eine Kalorie Anstrengung kostet.


| Der Autor ist Professor für Religionspädagogik an der Uni Salzburg und Präsident der Internationalen Pädagogischen Werktagung Salzburg |


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