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Dario Santangelo 05:49

31/2018 - Überall kleine Könige
 
Überall kleine Könige

Exterritoriale, Piraten, Aussteiger: Wer König im eigenen Land werden möchte, muss viel Energie haben – und noch mehr Mut zur Skurrilität.

| Von Günther Spreitzhofer


Weltweit gibt es 194 von der UNO anerkannte Staaten, aber weit über 500 Mikronationen, Tendenz steigend. Fast alle haben sie ihre eigenen Staatschefs, fast immer männlich, die Orden und Schärpen oft auch außerhalb der Faschingszeit nicht ganz abgeneigt sind. Manche nehmen sich ernst, manche weniger. Viele haben Bevölkerung und Territorium, immer mehr existieren nur virtuell – als Simulation im Internet oder in Hinterstübchen von Menschen, die die Welt verbessern wollen.
Oder sich ihre eigene schaffen, mit oder ohne Regeln. Oder sich selber suchen. Oder zumindest ein wenig Aufmerksamkeit. Revolutionäre sind die wenigsten. Wer wirklich den großen Umsturz plant, geht wohl leiser ans Werk. „Es ist immer möglich, etwas anders zu machen und es selbst zu machen“, kommentiert die Soziologin Judy Lattas. „Es tut gut, sich zu trauen, es selbst zu machen.“
Der Boom an Staatsgründungen begann in den späten 1960ern und scheint heute nur deshalb ein wenig abgeflacht, weil online in allerlei Communitys vieles verborgener und zielgruppenorientierter vonstattengeht. Anfangs war alles möglich, der Hippie-Hype trendy und antibürgerliche Landnahmen nicht ungewöhnlich. Nicht wenige kokettierten mit neuen, anti-kapitalistischen Nadelstichen gegen das Establishment, dessen Grenzen man auch räumlich auszureizen gewillt war.
Manche sind politische Aktivisten, andere esoterische Sinnsucher oder skurrile Egozentriker; manche haben bald genug vom Königspielen, für andere wird es der Lebenszweck. Die Größe des eigenen Reiches ist vielen nebensächlich, nicht nur dem britischen Komiker Danny Wallace, der seine Londoner Wohnung zum Königreich Lovely machte und auf BBC Shows wie „How to start your own country“ machte. Diese Reihe ist mittlerweile eingestellt, doch viele schräge Spaßvögel mit viel Zeit halten sehr lange durch.

Piraten wollt ihr sein

1967 etwa wurde „Rough Tower“, eine ehemalige Flugzeugabwehr-Plattform zehn Kilometer vor der britischen Küste, von Roy und Joan Bates besetzt und Sealand genannt, um einen Piratensender zu installieren. Erst Roys Tod hat 2012 den jahrzehntelangen juristischen Hickhack beendet.
Eli Avivi wiederum, der erst kürzlich im Alter von 88 Jahren verstarb, war seit 1970 „demokratisch von sich selbst gewählter“ Präsident über Akhsivland, einem israelischen Küstenabschnitt nahe der libanesischen Grenze. Nach der Staatsgründung wurde er umgehend festgenommen, musste aber nach 10 Tagen wieder freigelassen werden, da die Anklage auf „Landesgründung ohne Genehmigung“ lautete, was keine strafrechtliche Tat nach herrschendem Gesetz darstellte. Im Gegenzug erreichte Avivi mit einer Klage gegen den Staat Israel, dass ihm das Gebiet für 99 Jahre zu verpachten sei. Seine Erben werden sich freuen, denn das Areal (mit Gästehaus, Campingplatz am Strand und Kuriositätenmuseum) ist mittlerweile eine touristische Goldgrube.
Die Staatsgründer sind vielfach Grenzgänger, zwischen gesellschaftlichem Statement, virtueller Sabotage und faktischer Segregation: Gloria Gaynors Song „I am what I am“ wurde zur Hymne des Gay and Lesbian Kingdom of the Coral Sea Island, das 2004 aus Protest gegen die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Australien entstand und zum Vorbild ähnlicher Bewegungen wurde.
Die Föderation Damanhur wiederum, 1975 in der Nähe von Turin gegründet, ist zu einer spirituellen Öko-Gemeinschaft mit knapp 1000 Mitgliedern und Zigtausenden Unterstützern weltweit angewachsen. Unterirdische Tunnel, Säle und Tempelanlagen sollen Zeitreisen in die Vergangenheit ermöglichen. Nahrung und Kleider werden selbst hergestellt – in eigenen Gerichten, Schulen und Regierungsämtern wird eine eigene Sprache gesprochen, sich gegenseitig mit Tiernamen anzusprechen gehört dazu.
Humor als Lösung von Weltproblemen? Das ist zumindest das Credo der Conch Republic in Key West, deren Flagge eine Meeresschnecke ziert. Sie existierte 1982 zwar offiziell nur einen Tag, lebt aber seither, wie viele andere auch, nicht schlecht vom Merchandising: Reisepässe sind um 100 Dollar zu haben, „Botschaftern des guten Willens“ muss der Spaß schon 900 Dollar wert sein. Der Diplomatenpass kostete bis vor Kurzem 10.000 Dollar. Und dennoch gibt es über 25.000 Staatsbürger, die alljährlich im April der Staatsgründung mit schrillen Paraden feiern.

Sabotage als Projekt

Soweit geht der State of Sabotage (SoS) nicht, der sich als Forum für Kunst und Kultur definiert – mit eigener Verfassung, 30.000 Staatsbürgern und Botschaften in 14 Nationen. Von den Künstlern Robert Jelinek und HR Giger auf der finnischen Insel Harakka 2003 ausgerufen, sorgte vor allem der vom österreichischen Designer Heimo Zobernig gestaltete SoS-Reisepass für Aufsehen, mit dem sich afrikanische Migranten den Zugang zu medizinischer Versorgung und Arbeitsgenehmigungen verschafft haben sollen. Übrigens: Pünktlich zum zehnten Gründungstag (30. Au*gust 2013) wurde der Staat angeblich aufgelöst – nicht aber die Ausstellung von (sehr echt wirkenden) Reisepässen, die – als Kunstprojekt tituliert – weiterhin mittels Überweisung von 50 Euro auf ein BAWAG-Konto erstanden werden können.
Spätestens da endet der Spaß, nicht nur völkerrechtlich. 2002 gab es massive politische Verwicklungen, als 3000 pakistanische Flüchtlinge in Ladonien, einem Landstreifen an der südschwedischen Küs*te, mit einer online beantragten und genehmigten Staatsbürgerschaft in die EU einreisen wollten. Diese ist kostenlos erhältlich, lediglich Adelstitel kosten rund zwölf Euro, wer unbedingt einen Orden braucht: Die Freiheit und Toleranz auf täuschend echten Websites von Mikronationen haben wohl schon viele Auswanderträume zerstört.
Als Mikronation, Scheinnation, Cyber State oder Fantasiestaat werden räumliche Konstrukte bezeichnet, die wie souveräne Staaten auftreten und den Anschein vermitteln, mit staatlicher Autorität handeln zu können. International anerkannte Staaten und Institutionen verweigern daher die Anerkennung und nehmen die selbst ernannte Präsidentenkollegenschaft nicht ernst – wie im Übrigen diese sich meist auch selber nicht. Staatshandlungen, Ausweise und Dokumente gelten im Rechtsverkehr als unwirksam und werden – im bestmöglichen Fall – als das zivilrechtliche Auftreten einer privaten Interessensgruppe behandelt.

Atypische Subjekte des Völkerrechts

Anderen atypischen Völkerrechtssubjekten, wie dem Souveränen Malteserorden oder dem Heiligen Stuhl, fehlen zwar ebenfalls die Voraussetzungen zu einem eigenständigen Staat, diese werden jedoch international anerkannt. De-Facto-Regime – wie etwa Abchasien oder Taiwan – wiederum sind oftmals nicht einmal anerkannt, üben aber reell entsprechende Kontrolle über ihr Herrschaftsgebiet aus.
Mikronationen können da nicht mithalten. Völkerrechtlich genehmigt ist keiner der bizarren Fantasiestaaten, denn Sympathisanten und Passinhaber alleine sind zu wenig. Das Phänomen blüht jedoch nicht länger im Verborgenen, in den Untiefen digitaler Verschrobenheit und territorialer Peripherie, die auch die aktuellen Freemen-Bewegungen vor allem im anglophonen Raum beflügelt haben mögen: 2010 richtete eine Universität in Sydney erstmals einen Kongress der Mikronationen aus.
Mehr noch, selbst der australische Verlag Lonely Planet – seit den 1970ern vom Urvater individualtouristischer Reiseliteratur längst zum flächendeckenden Global Player in Sachen Reisemedien aufgestiegen – geht offensiv an das Phänomen heran: „Micronations: The Lonely Planet Guide to Home-Made Nations“ ist seit 2006 auf dem (virtuellen) Reiseführermarkt. Ein Einreisestempel eines der real nicht-existenten Staaten gilt jedenfalls als nicht alltägliches Souvenir in einer Zeit, in der Mobilität – jederzeit für jedermann – so grenzenlos wie erschwinglich scheint.
Bisweilen findet eine Mikronation auch ein ruhmloses Ende: Kugelmugel, 1971 vom Künstler Edwin Lipburger in Katzelsdorf/NÖ ohne Baugenehmigung als Kunstprojekt errichtet, wurde im Rechtstreit mit der Republik Österreich zur Republik ernannt. 1982 wurde es unter Kulturstadtrat Zilk in den Wiener Prater verlegt, wo es eingezäunt, unbewohnt und ohne Anschlüsse ziemlich unbeachtet steht: Virtuelle und reale Vergessenheit – wohl das schlimmste Los, das einer Mikronation und vor allem deren Gründern passieren kann.


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