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Dario Santangelo 07:19

33/2018 - Wenn der Bürger missbraucht wird
 
Wenn der Bürger missbraucht wird

In seinem epochalen Werk „Die letzten Tage der Menschheit“ führte Karl Kraus vor 100 Jahren drastisch vor, wie die Sprache als Dienerin der Macht ihre gefährliche Arbeit der Verharmlosung und Verniedlichung betreibt.


| Von Anton Thuswaldner


Sucht man eine Persönlichkeit aus der Geschichte, die dem Begriff Philanthrop alle Ehre macht, fällt die Wahl kaum auf Karl Kraus. Er wird gern als Berserker abgestempelt, der Hohn und Spott über die Menschen verteilte, die dann kaum noch Gelegenheit bekommen, sich zu rehabilitieren. Es stimmt, wer einmal Kraus’sche Verletzungen davongetragen hat, ist für die Nachwelt nicht mehr zu retten. Karl Kraus hat seinen Spruch gefällt, damit ist das Schicksal entschieden.
Das ist allerdings nur die Kurzversion einer Methode, die sich Einzelpersonen aus der Gesellschaft rauspickt, um sie mit sprachlicher Wut, verkleidet in Eleganz und Witz, bloßzustellen. Auch steht der derart aller Würde Beraubte nicht allein entzaubert vor den Augen einer gebildeten Öffentlichkeit, er repräsentiert den Typus einer gesellschaftlichen Entwicklung, die sich verhängnisvoll auf Gegenwart und Zukunft auswirkt. Natürlich legt es Karl Kraus auf das Verletzen seiner Gegner an, immerhin verletzen diese mit ihrem ungebührlichen Verhalten breite Schichten der Bevölkerung. Er attackiert die Anmaßung von Persönlichkeiten, sich Größe und Bedeutung bei intellektuellem Kleingeist und moralischem Kleinmut zuzuschreiben und reduziert sie auf einen Wichte-Status, der ihnen eigentlich zusteht.

Theater der Grausamkeit

Dabei ist Kraus frei von ideologischen Verblendungen. Er verachtet die Rechten, hadert mit den Linken. Wenn er von Rosa Luxemburg einen Brief aus dem Gefängnis in seiner Zeitschrift Die Fackel veröffentlicht und sie gegen Anfeindungen in Schutz nimmt, dann unternimmt er seine Rettungsaktion nicht im Bewusstsein, einer Kommunistin beizustehen, sondern weil er bei ihr über alle ideologischen Uneinigkeiten hinweg jenen unbedingten Einsatz für Freiheit, Frieden und offenes Denken ausmacht, die in Zeiten ideologischer Verengung so dringend gebraucht werden. Diese Haltung garantiert nicht Unfehlbarkeit. In seinem Drang nach Unabhängigkeit bezog er in der medial groß aufbereiteten, heiß diskutierten Dreyfus-Affäre als Sturkopf Position gegen den Angeklagten.
Als sein Opus magnum darf man das Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ auffassen. Es entstand zwischen 1915 und 1922 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, als Kraus die bittere Erkenntnis traf, dass der Krieg nicht allein auf den Schlachtfeldern, sondern auch in den Köpfen der Daheimgebliebenen stattfand. Das Werk ist ein Ergebnis der Fassungslosigkeit, wenn eine Versammlung von Hohlköpfen, die den ideologischen Nährboden für eine des Denkens entwöhnte Gesellschaft aufbereitet, ihre Gegenwart in abenteuerlich verblendeten Kommentaren der Unwissenheit abbildet. In 220 Szenen schafft er irritierende Augenblicke, in denen sich der Unverstand ungeschützt äußern darf.
Karl Kraus, der Mann des Wortes, horcht genau hin, was und wie Kriegsenthusiasten etwas formulieren. Er benötigt nicht die große, dröhnende Kulisse des Schlachtfeldes, um Grausamkeit anschaulich zu machen. Gemetzel findet auf der Bühne nicht statt. Wichtiger ist ihm, wie das Gemetzel in der Sprache der Bürger zum Ausdruck kommt. So sieht ein ins Gespräch ausgelagertes Theater der Grausamkeit aus. Kraus zeigt nicht Blut, Schweiß und Tränen, um Schrecken einzujagen, er achtet darauf, wie die Sprache die fürchterlichen Ereignisse von Gewalt und massenhaftem Mord in etwas zwanghaft Notwendiges wendet. Wie die Sprache als Dienerin der Macht ihre Arbeit der Verharmlosung und Verniedlichung betreibt, wie Sprache zurechtgebogen wird, damit sie ihr Werk der Illusion angeht, um den Eindruck zu erwecken, Krieg sei ein legitimes Mittel zur Verwirklichung politischer Ideale, führt Kraus Szene für Szene drastisch vor. Krieg ist nicht nur die Aufgabe der Soldaten, er infiziert die Gedanken und Gefühle der Menschen, bei deren schrittweisen Verrohung man als Zeuge zusehen kann.
Nähme man den Menschen die Sprache weg, entfiele die Rechtfertigung von Gewalt. Und weil das nicht möglich ist, stellt Kraus ebendiese so gnadenlos ins Tölpelhafte verkehrte Sprache ins Schaufenster, die der Propaganda auf den Leim gegangen ist, um ihre fadenscheinigen Wahrheiten auf Grund laufen zu lassen. Die Mächtigen und die Verführten, die Strategen der Macht und die Plappermäuler, die offiziellen Dokumente und die privaten Verkümmerungen, in dem Drama vom Zustand einer Gesellschaft in brisanten Zeiten bekommen sie alle ihren Platz. Kraus konzentriert sich auf den herrschenden Stand des Bewusstseins, in dem für oppositionelle Wahrheiten wenig Chance besteht. Der Nörgler verkörpert die Figur des Unangepassten, ohne jede Chance, auf Gehör zu stoßen. Also übt er sich in Zynismus, die Waffe, die dem aufgeklärten Bürger geblieben ist, sich gegen die Zumutungen des rabiaten Opportunismus zur Wehr zu setzen. „Die kleinen Diebe, die noch nicht gehängt wurden, werden große werden, und man wird sie laufen lassen.“ Er bildet den Gegenspieler zum Optimisten, der seinem blinden Glauben daran, dass alles seinen rechten Weg geht, in Floskeln und Sprachfertigteilen Nachdruck verleiht. „Das Bewusstsein, in einer Epoche zu leben, in der so gewaltige Dinge geschehen, wird auch den Geringsten über sich selbst erheben“, sagt er einmal. Das klingt aufgesetzt einstudiert. Es muss schon als besondere Leistung der flächendeckenden Indoktrination gesehen werden, dass eine Zeit des Mangels, der Gewalt, des massenhaften Sterbens als Epoche durchgeht, in der sich Bedeutendes vollendet.
Eine Sprachregelung hat sich durchgesetzt, der sich die Tapferen des Hinterlands ungefährdet bedienen, um Stimmung zu machen für einen Krieg, von dem sie über kaum gesicherte Informationen verfügen. Das Stück handelt vom Glauben an eine Sache, die automatisch für eine gute gehalten wird, der stärker ist als alles Wissen. Der Sprachkritiker erzählt unter der Hand von der Notwendigkeit der Kritik, der aber in gefährlichen Zeiten kein Spielraum zugestanden wird. Und so rauscht ein ganzes Volk in den Abgrund, weil es populistischen Verführern – die es schon gab, als der Begriff noch gar nicht erfunden war – Gefolgschaft leistet.

Haltung des Skeptikers

Das Erschreckende ist, dass Kraus nahezu allein stand. Die Intellektuellen seiner Zeit, so feinsinnig und versponnen konnten sie gar nicht sein, stellten sich bereitwillig in den Dienst der patriotischen Sache. Sie verfassten Kriegsgedichte und stärkten das Volk mit literarisch verbrämten Durchhalteparolen. Kritische Stellungnahmen waren Mangelware, das macht „Die letzten Tage der Menschheit“ zu einem so außergewöhnlichen Werk. Der Forderung von Günter Eich, erhoben nach den Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, „Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt“ zu sein, kam Kraus schon mehrere Jahrzehnte vorher nach. Er hat sich die Haltung des Skeptikers zu eigen gemacht, der allen offiziellen Verlautbarungen zum Trotz nicht glauben will, dass große Politik zu Gunsten der Bürger betrieben wird. Seine Anteilnahme beschränkt sich darauf, den Zustimmungsapparat zu bedienen. Der Bürger wird missbraucht, gegen seine eigenen Interessen zu stimmen. Das nennt man dann Bürgerpflicht.


Die letzten Tage der Menschheit
24-Stunden-Lesung mit Caspar Einem
23. bis 24. August, Hotel Böglerhof, Alpbach

Die letzten Tage der Menschheit
Deborah Sengls 200 präparierte weiße Ratten 15 bis 31. August,
Kunst-Foyer des Congress Centrums Alpbach.
www.alpbach.org


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