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Moderne Sklaverei

Der Sklave hat sich am Ende doch entschlossen, seinem Sklavenmeister weiter zu dienen. Die Mühen seines Sklavendaseins werden ihm mit 153.200 Euro wöchentlich netto kärglich entlohnt. Er fühlt sich jedoch schikaniert, denn er hält sich für den besten Fußballspieler der Welt. Aber er bekommt nicht das meiste Geld. Sieben andere Kicker sind noch besser bezahlt.
Hätte er den Klub gewechselt, wäre seine Entlohnung vermutlich um 50 Prozent gestiegen. Aber Cristiano Ronaldo hat vor einem Jahr bei Manchester United einen Fünfjahresvertrag unterschrieben, und dieser Vertrag versklavt ihn.
Sepp Blatter, Herr über den weltweiten Fußballbetrieb, hat kürzlich in London die schäbige Behandlung Herrn Ronaldos bitter beklagt und hinzugefügt, „es gibt viel zu viel moderne Sklaverei im Sport“. Vielleicht hat der Präsident der FIFA sogar recht. Von seiner Warte aus sieht er die Dinge ja anders als gewöhnliche Sterbliche, kommt es doch nur auf die Perspektive an. Araber und Eskimos blicken zur gleichen Sonne hoch, aber jeder sieht etwas anderes. Das trifft wohl auch auf die „moderne Sklaverei“ zu, neben vielen anderen Fragen auch.
Man kann nun sagen, das Salär Herrn Ronaldos hat mit Angebot und Nachfrage zu tun oder mit gesellschaftlichen Werten. Aber Noch-Bundeskanzler Gusenbauer müsste 28 Jahre lang Österreich regieren, um jene Summe zu verdienen, die Ronaldo in einem Jahr am Konto hat – eine Aussicht, vor der es manchen Österreichern wohl gruselt.
Wenn jedoch ein Hilfsarbeiter dafür 550 Jahre schuften müsste und ein Lehrer oder eine Krankenschwester immerhin noch weit über 200 Jahre, dann ist es wohl gerecht anzunehmen, das etwas in unserer Gesellschaft nicht mehr stimmt.
Herr Blatter und all die anderen großen Macher, die gleich denken, gleich reden und predigen, meinen leichthin, es gebe eben verschiedene Welten auf unserem Planeten; sie übersehen dabei taktvoll, dass die Hälfte der Weltbevölkerung weniger als zwei Euro am Tag verdient und damit auch leben muss. Zahlen der UNICEF beweisen, es sterben täglich 26.000 bis 30.000 Kinder, also alle drei Sekunden eines. Einfach weil sie und ihre Eltern arm sind. Eine nüchterne, eine schreckliche Zahl. Mehr als je zuvor kennt Armut und Benachteiligung keine Grenzen. Die Vereinten Nationen werden ihre Entwicklungsziele weit verfehlen, und der Misserfolg der Doha-Runde in der Welthandelsorganisation beweist nur allzu deutlich, der Geist mag ja willig sein, aber das Fleisch ist schwach. Das zu Marktöffnung und freiem Handel.
Globalisierung hat sich nicht als das Wundermittel herausgestellt, das „globale Dorf“ hat sich als Utopie erwiesen. Der Abstand zwischen Reich und Arm wird immer größer. Weltweite Umfragen beweisen, dass von vier befragten Personen drei die Auffassung vertreten, diese Schere habe sich bereits zu weit geöffnet. Das so gepriesene Wirtschaftswachstum Chinas und Indiens hat nur zu einer dünnen Schicht Superreicher geführt, und nur wenige Brosamen sind vom Tisch gefallen. Oft wird Erfolg mit dem amerikanischen Traum vom Aufstieg verbunden, aber in Wirklichkeit ist das nichts als ein besseres Lotteriespiel. Darüber hinaus wachsen diese aufkommenden Volkswirtschaften auf Kosten der Mittelklasse in den besser entwickelten Ländern. Die höheren Preise für Lebensmittel, für Güter des täglichen Bedarfs, für Transport und Energie verknappen die verfügbaren Einkommen.
Die Gruppe der Globalisierungsgegner hat einen unerwarteten Bundesgenossen in Papst Benedikt XVI. gefunden. Der Papst hat bereits mehrmals den ungezügelten Kapitalismus gegeißelt. Zum Welternährungsgipfel vergangenen Juni in Rom schrieb er, „die große Herausforderung heute ist nicht nur wirtschaftliche und geschäftliche Interessen zu globalisieren, sondern auch die Solidarität der Weltgemeinschaft“ („The Universe“, 10. Juni 2008). Die Globalisierung wird auch das Hauptthema der dritten Papstenzyklika „Caritas in veritate“ (Liebe in Wahrheit) bilden, die kommenden Herbst veröffentlich werden wird.
Nachdem die derzeitige weltweite Krise immer mehr Menschen in die Brieftasche greift, werden neoliberale Wirtschaftskonzepte und die Meinungsmache dafür immer öfter einer genaueren Prüfung unterzogen. Die Globalisierung stellt eine große Herausforderung dar, sie gehört gelenkt und kontrolliert. In den letzten beiden Dekaden haben die Reichen überproportional von einer freundlichen Steuergesetzgebung profitiert.
Auch Österreich ist in diesem Strom mitgeschwommen. Es wird langsam Zeit, über diesen Tellerrand hinauszublicken. Wir sind ein kleines Land in der Weltgemeinschaft und müssen uns der Realität anpassen und nicht immer nur in der EU den Sündenbock für anstehende Entscheidungen in unserer Gesellschaft suchen. Außerhalb des sozialen Gesamtzusammenhangs getroffene wirtschaftliche Entscheidungen führen in die Irre.
Neuwahlen stehen bevor. Und die neue Regierung, egal in welcher Zusammensetzung, ist gut beraten, würde sie die auf den Schultern der Familien und kleinen Unternehmer lastende Steuerbürde erleichtern. Aber auch eine wirksame Kontrolle des Gesundheitswesens und der Preise für Benzin und Diesel wäre wünschenswert. Dazu sollten Anreize geschaffen werden, um jungen Ehepaaren zu günstigem Wohnraum zu verhelfen.
Solche Maßnahmen würden das Joch jener modernen Sklaven erleichtern, die man nicht kennt, die keine Medienstars sind.
Franz Medek
fmedek@onvol.net