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44/2013 - Von Tod und Endgültigkeit (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 11:46
Von Tod und Endgültigkeit

Wie lässt sich in pluralistischen, aber auch satten Wohlstandsgesellschaften von 
Sterben und Tod sprechen? Sind die tradierten (kirchlichen) Formen obsolet?

Von Rudolf Mitlöhner

Wer sich vielleicht in diesen Tagen um Allerheiligen/Allerseelen mit Vertonungen der lateinischen Totenmesse („Requiem“) befasst und sich dabei auch die deutsche Übersetzung näher ansieht, wird sich vermutlich nicht leicht tun. Mehr noch als die sonstige liturgische (und auch die biblische) Sprache ist uns diese Begriffswelt von Endzeit und Gericht weitgehend fremd geworden. Insbesondere das „Dies irae“ („Tag des Zorns“; sic!), seit dem Tridentinischen Konzil im 16. Jahrhundert fixer Bestandteil des „Requiems“, hat es in sich: „Quantus tremor est futurus, / Quando iudex est venturus“, heißt es da („Welcher Schrecken wird sein, wenn einst der Richter kommt“), oder an anderer Stelle: „Quid sum miser tunc dicturus? / Quem patronum rogaturus, / Cum vix iustus sit securus?“ („Was werde ich Elender sagen, welchen Anwalt fragen, wenn selbst der Gerechte kaum sicher sein kann?“). Starker Tobak, fürwahr.
Man könnte das nun einfach abtun mit dem Hinweis, es handle sich eben um jahrhundertealte Texte aus zum Glück längst vergangenen Epochen, die allenfalls – durch das Lateinische in einen gnädigen Mantel der Nichtverstehbarkeit gehüllt – durch die Musik Mozarts oder Verdis erträglich, vielleicht sogar anrührend sein könnten. Oder man könnte beklagen, dass uns Heutigen das Gespür für die Drastik der christlichen Botschaft, die sich eben auch auf die letzten Dinge erstreckt, und für die existenzielle Schärfe des Todes abhanden gekommen ist.

Glaubenszeugnis und Herrschaftsanspruch

Beides hat etwas für sich. Kein Seelsorger, kein Religionslehrer, kein Theologe, der bei Sinnen ist, wird heute noch von Gott als einem unerbittlichen Rächer und Richter sprechen. Überdies gilt für diese alten Texte dasselbe wie für Kirchen- und Klosterbauten, liturgische Gewänder und Geräte und dergleichen mehr: Sie sind Glaubenszeugnisse, Ausdruck kirchlichen Selbstverständnisses, aber ebenso Dokumente religiösen Herrschaftsanspruchs, mittels dessen Menschen klein gehalten wurden. Das macht sie nicht obsolet, weil auch in ihnen Bleibendes ausgedrückt ist, aber man kann darüber nicht hinwegsehen, und deshalb bedürfen all diese Dokumente einer aufgeklärten Lesart bzw. Betrachtungsweise.

Hoffnung auf „ewiges Licht“ und „ewige Ruhe“

Wahr ist aber auch, dass der Tod in seiner Endgültigkeit nicht recht zu unseren satt und müde blinzelnden Wohlstandsgesellschaften passen will. Weil diesen End-Gültiges ohnedies suspekt, seltsam antiquiert oder einfach nur lächerlich gilt – der Tod aber das Endgültige schlechthin ist. Das festzuhalten bedeutet kein kulturpessimistisches Lamento, demzufolge „früher alles besser“ oder die Menschen edler und anständiger gewesen seien. Nein, wohl zu keiner Zeit haben sie – von wenigen heiligmäßigen Personen abgesehen – tapfer dem Tod ins Angesicht geblickt, die ars moriendi (Kunst des Sterbens) eingeübt, ihr Leben sub specie aeternitatis (im Hinblick auf die Ewigkeit) begriffen. Nach Maßgabe ihrer wissens- und erkenntnismäßigen, technischen und auch ökonomischen Möglichkeiten haben sie wohl immer den Tod „verdrängt“, sich an das Leben im Hier und Heute geklammert, so gut es ging.
Heute freilich geht das so gut wie nie zuvor, weil uns die genannten Möglichkeiten in einem ungeahnten Ausmaß zur Verfügung stehen. Das ist positiv – aber es bedürfte gleichzeitig eines geschärften Blicks dafür, was uns durch Wohlstands- und Freiheitszuwächse abhanden zu kommen droht oder bereits abhanden gekommen ist, ohne Wohlstand und Freiheit deswegen beschneiden oder diskreditieren zu wollen.
Was bleibt? Vielleicht die auch im „Requiem“ ausgedrückte, aber über konkrete Konfessionen und Religionen hinausgreifende, tief im Menschen wurzelnde Hoffnung auf „ewige Ruhe“ und „ewiges Licht“ unserer Toten.