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08/2014 - Die Hyper Alb Austria (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 11:33
Die Hyper Alb Austria

Das Desaster rund um die Hypo Alpe Adria lässt sich als Fanal einer unweigerlich zu Ende gehenden Epoche lesen. Dass es nur besser werden kann, ist indes nicht gesagt.

Von Rudolf Mitlöhner

Die Geschichte ist, zumindest vordergründig betrachtet, nicht immer gerecht: Oftmals müssen Herrscher, Mächtige, Regierende die Folgen des Handelns (oder Nicht-Handelns) anderer tragen. Im Extremfall werden sie zu Symbolfiguren eines Niedergangs, an dem sie selbst jedenfalls nicht die Hauptschuld tragen. Der sprichwörtliche „Letzte, der das Licht abdreht“, ist ja auch selten der Protagonist der Misere. Bisweilen aber lässt sich in solchen Vorgängen doch so etwas wie eine Fügung erkennen: Aus einer übergeordneten Perspektive erscheint es dann plausibel, dass just diese oder jene Personen mit bestimmten Dingen gleichsam schicksalhaft konfrontiert werden.
Die Causa Hypo Alpe Adria ist so ein Fall: Man mag es als ungerecht empfinden, aber es ergibt doch einen gewissen Sinn, dass gerade die schwächste Regierung der Zweiten Republik den größten Finanzskandal seit 1945 am Hals hat. Und wenn das Bild vom „Licht abdrehen“ für Faymann/Spindelegger und ebendiese Zweite Republik auch zu drastisch sein mag, so macht doch dieser Skandal noch einmal in dramatischer Weise deutlich, wofür es schon seit Jahren sich häufende Indizien gibt: dass das bestehende politisch-sozioökonomische System dieses Landes auf sein Ende zusteuert, ohne dass klar wäre, was danach kommt, geschweige denn, dass ausgemacht wäre, es könne nur besser werden.

Überkommene Formen und Rituale

Man kann das, wenn man will, auch unmittelbar an der österreichischen Parteienlandschaft festmachen: SPÖ und ÖVP als Träger dieses Systems; die FPÖ und die Grünen als – bei allen Unterschieden – mittlerweile arrivierte, also im systemischen Gefüge längst „angekommene“ Anti-Systemparteien (das institutionalisierte Anti-Establishment ist stets Teil und Stütze des Establishments); Stronach und Neos als – ebenfalls unterschiedliche – Repräsentanten des Neuen. Gerade die beiden Letzteren zeigen aber eben deutlich, wie diffus, unscharf und, ja, auch höchst ambivalent dieses Neue noch ist. So sehr die Abnützungs- und Verschleißerscheinungen der überkommenen politischen Ausprägungen, ihrer Formen und Rituale unübersehbar sind, so wenig zeichnen sich am Horizont Konturen von etwas ab, das man getrost als verheißungsvoll bezeichnen dürfte.

Indizien für Systemkrise rundum

Nun wäre es freilich Ausdruck der landesüblichen manischen Selbstunter- wie -überschätzung, dies alles nur für ein österreichisches Phänomen zu halten. Die erwähnten Indizien für einen Epochenwandel lassen sich vielmehr rundum erkennen: In Frankreich pfeift Präsident Hollande laut im Wald, in Italien irrlichtert Berlusconi als Untoter durch die Republik (was mehr über den Rest des Personals als über ihn selbst aussagt), Tschechien (auch wenn es gerade wieder eine Regierung hat) schrammt habituell an der Unregierbarkeit entlang, Ungarn sucht (auch wenn manche linken Kritiker maßlos übertreiben) sein Heil in der nationalen Überhöhung; und selbst bei Deutschland kann man sich – angesichts des Koalitionsvertrags von CDU/CSU und SPD sowie der aktuellen Kinderporno-Affäre um den Abgeordneten Edathy – nicht sicher sein, ob und inwieweit es seine europäische Führungsrolle weiterhin ausfüllen kann; gar nicht zu reden von den sogenannten Krisenländern.
Vielleicht ist es eine spezifisch österreichische Note, dass ausgerechnet eine mäßig bedeutende Kärntner Provinzbank zur Chiffre für die Krise des Systems werden konnte. Das zu sagen hat nichts mit dem üblichen Kärnten-Spott seitens der Wiener, Steirer und sontiger Nicht-Kärntner zu tun. Es verweist vielmehr auf den Umstand, dass über viele Jahre ein Kärntner Landeshauptmann als einer der wichtigsten Player der Bundespolitik agierte. Jörg Haider war damit freilich nicht allein, er hat das System nur zur Kenntlichkeit entstellt.