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44/2007 - Die neue Schule (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 11:55
Die neue Schule

Interessant ist, worüber in der Gesamtschul-Debatte nicht geredet wird.
Von Rudolf Mitlöhner

Die ÖVP will die Gesamtschule nicht, auch wenn sie „Neue Mittelschule“ oder wie immer sonst heißt. Nur sagt sie das nicht. Stattdessen windet und dreht sie sich, flüchtet in taktische und strategische Leerformeln. Das Gespräch mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn in der ZIB 2 vom Montag hat das einmal mehr schmerzlich vor Augen geführt. Mantraartig wiederholen die VP-Granden vom Parteichef abwärts die Begriffe „Vielfalt“, „Wahlfreiheit“, „Mitbestimmung“ – und niemand mag es mehr hören.
Als symptomatisch musste schon die Nominierung Fritz Neugebauers zum Bildungssprecher gewertet werden. Damit waren die Weichen in Wahrheit bereits gestellt. Das ist ungefähr so, als hätte man mit Rudolf Nürnberger oder Hans Sallmutter über ein zukunftsweisendes Sozialsystem verhandeln wollen. Aber, richtig, die beiden gibt es – im Unterschied zu Neugebauer – nicht mehr in der Politik. Neugebauer ist der aufgelegte Elfer für den politischen Gegner. Mit ihm als Frontman drohte die Bildungs- und Schuldebatte zu einer Privilegien- und Besitzstandswahrungsdebatte zu verkommen.
Oder geht es der ÖVP genau darum? Glaubt sie selbst nicht mehr an ihre angestammte Position, traut sie ihrer kritischen Haltung zur Gesamtschule nicht mehr? Das wäre schade, denn die Bedenken gegenüber diesem Modell sind keineswegs ausgeräumt. Man kann natürlich träumen von einer Schule, in der Ressourcen an Zeit, Personal, Geld keine Rolle mehr spielen – und in der jedes Kind just so viel Förderung und Forderung wie nötig, nach individuellen Begabungen ausdifferenziert, bekommt. Wahrscheinlicher ist freilich, zumal in einer Großen Koalition, ein Kompromiss, der vordergründig als fortschrittlich durchgeht, aber langfristig doch recht alt aussehen könnte. Womöglich haben wir dann eine „Neue Mittelschule“ – und wundern uns, warum wir trotzdem nicht bei PISA am Stockerl stehen …

Im Kern geht es freilich um eine zutiefst ideologische Frage: Will ich die Besten nach Kräften fördern, weil ich glaube, dass davon letztlich die Gesellschaft als ganze profitiert? Oder pflege ich – aus vermeintlicher oder echter Sorge um potenzielle Verlierer – ein möglichst breites Mittelfeld, in dem sich jeder irgendwie aufgehoben weiß? So einfach ist es nicht? Und wenn es letztlich doch so wäre? Wenn genau entlang dieser Linie sich die Geister schieden? Nicht nur in der Bildungspolitik. „Es darf keine Verlierer des Wandels geben, also verliert der Wandel“: Solcherart hat schon vor Jahren Josef Joffe in der Zeit das grundsätzliche Dilemma auf den Punkt gebracht. In der vorherrschenden Meinung gilt als „sozial“, wer die „Verlierer“ in den Blick nimmt. Übersehen wird dabei leicht, dass, wenn der „Wandel“ verliert, es am Ende noch viel mehr „Verlierer“ gibt. Diese Überlegungen haben viel mit den Bedenken der ÖVP gegen die Gesamtschule zu tun, auch wenn sie sich dessen vielleicht gar nicht (mehr) bewusst ist. Es täte ihr gut, sich dieser Prinzipien zu vergewissern und sie offensiv in die Diskussion hineinzutragen. Wenn sie es nicht schafft, das Bekenntnis zu Leistung und Elitenbildung als gesamtgesellschaftliches Desiderat zu vermitteln, hat sie schon verloren – dann bleiben tatsächlich nur noch Standesinteressen und gesellschaftliche Dünkel übrig.
Wer sich ein bisschen intensiver mit dem Thema Schule befasst, der merkt freilich, dass da vor allen Fragen der Organisation schon vieles im Argen liegt. Aus der Haltung der AHS-Lehrer in der jüngsten Debatte spricht ein tief sitzender Unmut, der weit über die aktuelle Frage der Gesamtschule hinausreicht. Er speist sich aus gesellschaftlichen Entwicklungen, die es zunehmend schwieriger machen, „Schule“ zu leben. Kaum sonst wo klaffen Erwartungshaltung und Toleranz so weit auseinander: Von der Schule wird fast alles verlangt, was Eltern, Familie, Gesellschaft nicht mehr leisten können oder wollen – aber sie selbst darf nichts von den Kindern verlangen, was deren oder ihrer Angehörigen Lebens-, Karriere- und Freizeitplanung stören könnte. Bevor eine Bildungsministerin eine große Schulreform in Angriff nimmt, müsste sie einmal die Lehrer in diesen Fragen ihrer Unterstützung versichern und sie damit in ihr Boot holen.