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20/2014 - Es geht um die Wurst (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 11:12
Es geht um die Wurst

Versuch einer Orientierung in Woche eins nach dem Song-Contest-Sieg von Thomas Neuwirths Conchita Wurst oder: Anmerkungen eines ideologischen Geisterfahrers.


Von Rudolf Mitlöhner

Jetzt soll alles sehr schnell gehen – zumindest nach den Vorstellungen der SPÖ (der Grünen sowieso und auch der NEOS). Nun, da gewissermaßen alles Wurst ist, geht es um die Wurst respektive ans Eingemachte: Weg mit allen noch verbliebenen Unterscheidungen, pardon: Diskriminierungen – her mit der Nivellierung, pardon: Gleichstellung aller Lebensformen! Spätestens seit dem Sieg von Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest am vergangenen Wochenende kann man nicht mehr von einer hidden agenda sprechen: Die tonangebenden Publicity-Player versuchen gar nicht mehr auch nur notdürftig zu verbergen, dass wir es hier mit einem groß angelegten soziopolitischen Transformationsprozess, einer ideologisch gesteuerten Versuchsanordnung bislang kaum gekannten Ausmaßes, zu tun haben.
Täglich werden wir seither auf allen Kanälen bombardiert – durchaus auch mit Geistreichem, Klugem, Wissenswertem. Die Botschaft ist mehr oder weniger immer die selbe: Eigentlich gab es „das“ (Travestie, Intersexualität etc.) immer schon, waren demnach Grenzziehungen aller Art stets obsolet und bestehende Kategorisierungen und Wertordnungen nur Ausdruck patriarchaler, religiöser oder sonst wie überkommener Herrschaftsansprüche. Der Subtext: Ausgerechnet Österreich! Conchita Wurst als eine Art Erlöserfigur, die das Land aus der dumpfen Vergangenheit der Waldheims und Fritzls ins helle Licht einer glitzernden, freundlich blinkenden Zukunft führt.

Grenzen sind fließend, gewiss …


Ja, es hat in der Geschichte Unterdrückung und auch Verbrechen gegenüber homosexuellen Menschen (wie gegenüber anderen Minderheiten auch) gegeben. Ja, es werden gewiss auch heute noch Kinder und Jugendliche wegen sexueller Identitätsprobleme oder Neigungen in der Schule und anderswo gemobbt (wie wegen anderer Auffälligkeiten auch). Ja, natürlich gibt es – unterschiedlich stark ausgeprägte – weibliche Anteile in Männern und männliche in Frauen, was ja auch mit der Aufeinanderbezogenheit der Geschlechter zu tun hat. Ja, selbstverständlich sind alle Grenzen fließend – schon philosophisch betrachtet; jedenfalls seit Platon wissen wir, dass es einen Strich nur als Idee, nicht in der Realität gibt.

… aber ohne sie funktioniert es nicht


Aber das ändert nichts daran, dass kein Gemeinwesen, keine Gesellschafts- oder politische Ordnung ohne Grenzen und Unterscheidungen auskommt (erst durch Grenzen –lat. finis – werden Bestimmungen – Definitionen – möglich). Und früheres (oder auch heutiges) Unrecht wird nicht durch antidiskriminatorischen Habitus wiedergutgemacht, sondern durch Respekt und Toleranz (so wie der Antifaschismus nicht die Antwort auf den Faschismus ist, sondern Demokratie und Rechtsstaat).
„Ausschweifungen sind zum neuen Konformismus geworden. Mächtige Lobbys applaudieren jeder Form von Exzessen. Normalität ist etwas Außerordentliches geworden“, sagte der ehemalige christdemokratische italienische Familienminister Carlo Giovanardi zur Song-Contest-Entscheidung gegenüber der APA. Starker Tobak, gewiss – aber er dürfte die Irritationen vieler Menschen in ganz Europa (nein, nicht nur in Russland) ziemlich auf den Punkt bringen. Die Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung scheint hier besonders weit auseinander zu klaffen.
Derweil erregen wir uns darüber, dass in einer Volksschule im ländlichen Raum ein paar Kirchenlieder in Musik (also außerhalb des Religionsunterrichts) durchgesungen werden; oder dass der Wiener Dompfarrer in einer 100-Quadratmeter-Dienstwohnung lebt (Toni Faber gar ein kleiner Tebartz-van Elst, aber hallo!). Man muss wahrlich kein Kulturpessimist von Graden sein, um zu sehen, wie wir uns sukzessive das Wasser abgraben.