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43/2014 - Wie haben wir uns gefürchtet!
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Ungelesen 22.10.2014, 08:46
Wie haben wir uns gefürchtet!

Psychologe Gerd Gigerenzer über die Angst vor Ebola und Brustkrebs, die mangelnde Risikokompetenz von Ärzten, Richtern oder Managern – und den Mut zur Intuition.

| Das Gespräch führte Doris Helmberger

In unserer ungewissen Welt ist jede Entscheidung mit einem gewissen Risiko verbunden. Um gut entscheiden zu können, braucht es aber Risikokompetenz. Für Gerd Gigerenzer, Direktor des Bereichs „Adaptives Verhalten und Kognition“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin sowie ebendort Direktor des Harding Zentrums für Risikokompetenz, gehören dazu drei Dinge: transparente Kommunikation, einfache Faustregeln und Vertrauen auf das Bauchgefühl.

DIE FURCHE: Herr Professor Gigerenzer, Sie betonen stets den Unterschied zwischen Risiko und Ungewissheit. Worin besteht er denn?
Gerd Gigerenzer: Von Risiken spricht man im wissenschaftlichen Sinn, wenn es um berechenbare Risiken geht. Wenn Sie etwa im Casino Roulette spielen, können sie sich ausrechnen, wieviel Sie auf lange Sicht verspielen werden. Aber die meisten Situationen sind nicht berechenbar: Hier gibt es Überraschungen, hier kann man nicht alles vorhersehen, und es gibt menschliche Interaktionen. Diese Ungewissheit gilt für die Frage, wen man heiraten soll, ebenso wie für die momentane Ebola-Epidemie.
DIE FURCHE: Apropos: Nach langem Relativieren rechnet die Weltgesundheitsorganisation nun bis Dezember mit wöchentlich bis zu 10.000 neuen Fällen in Westafrika. Wie risikokompetent ist die WHO?
Gigerenzer: Die WHO überschätzt manchmal die tatsächliche Gefahr, wie 2009 bei der Schweinegrippe, aber davon abgesehen wird heute viel getan, um Ebola in den Griff zu bekommen. Insbesondere verdienen die Helfer vor Ort, die ihre eigene Gesundheit riskieren, allen Respekt.
DIE FURCHE: Wobei es mittlerweile auch in Europa Fälle gibt. Müssen wir Angst haben?
Gigerenzer: Wir haben in Mitteleuropa wenig Gründe anzunehmen, dass sehr viele Menschen an Ebola sterben werden. Dennoch ist es einfach, diese Ängste in uns auszulösen, weil es sich um ein mögliches Schockrisiko handelt, also das Risiko, in kurzer Zeit mit einer Masse von anderen Menschen zu sterben. Das hat eine lange Geschichte, denken Sie zurück an die Vogelgrippe, den Rinderwahnsinn oder eben auch an die Schweinegrippe. Wie haben wir uns gefürchtet!
DIE FURCHE: Auch die Finanzkrise hat uns das Fürchten gelehrt – und die vielen Ungewissheiten in diesem Sektor offenbart …
Gigerenzer: Die Bankenkrise hat auch gezeigt, dass die komplexen mathematischen Methoden, die von Banken oder Ratingagenturen verwendet worden sind, Krisen systematisch übersehen und nicht verhindern – weil es eben um Situationen von hochgradiger Ungewissheit geht. Ich arbeite deshalb mit der Bank von England daran, einfache Faustregeln zu entwickeln, die mehr Sicherheit schaffen.
DIE FURCHE: Die Faustregel „Vertraue dem Experten“ hat aber in der Bankenkrise versagt.
Gigerenzer: Keine Faustregel passt immer. Die Regel „Vertraue deinem Arzt!“ ist etwa dann gut, wenn der Arzt die wissenschaftlichen Fakten kennt, wenn er keine Interessenkonflikte hat und wenn er keine defensive Medizin betreibt, also sich nicht vor Ihnen als möglichem Kläger schützen will und deshalb unnötige Tests und Behandlungen verschreibt. Aber in unserem Gesundheitssystem, wo all das oft nicht gegeben ist, muss man selbst mitdenken.
DIE FURCHE: Sie fordern das insbesondere bei der Brustkrebs-Früherkennung. In Deutschland wird nach zwölf Jahren Mammografie-Scr