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43/2014 - Die Spielplätze der Freizeit-Helden
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Ungelesen 22.10.2014, 08:50
Die Spielplätze der Freizeit-Helden

Was treibt Menschen dazu, sich aus einem Flugzeug zu stürzen oder von einer Brücke zu springen? Über Individualität, Gruppendynamik, Selbstoptimierung und den Kick.

| Von Sylvia Einöder

Der Blick vom 40-Meter-Turm senkrecht nach unten ist nichts für zartbesaitete Gemüter: Die Menschen am Boden erscheinen aus der schwindelerregenden Höhe so winzig wie Ameisen. Wer sich traut, von hier aus mit der „Guerilla-Rutsche“ mit 80 Stundenkilometern über den Schwarzlsee zu rasen, braucht starke Nerven und einen guten Magen. Für Christian Löschningg ist es eine unspektakuläre Übung. Der Stuntman und Bodyguard hat sich schon immer gerne an seine Grenzen herangetastet – und diese immer weiter hinausgeschoben. „Das Risiko ist nur bedingt kalkulierbar und fährt in unserem Geschäft täglich mit“, sagt der 47-Jährige mit dem Pferdeschwanz und den schwarzen Lederarmbändern.

Kick mit fatalen Folgen

In Löschniggs „Adrenalin-Park“, einem Hochseil-Kletterpark am Grazer Schwarzlsee, schwingen sich die unterschiedlichsten Leute mit Helm und Klettergurt gewappnet von einem zum nächsten Schwierigkeitsgrad: Junge und Alte, Durchtrainierte und Übergewichtige, Arbeitslose und Manager. Offenbar hat Löschnigg mit dem „Adrenalin-Park“ einen Nerv der Zeit getroffen. Immer neue, verrücktere Sportarten faszinieren vor allem junge Leute. Das Angebot reicht von „Slacklining“, dem Seiltanzen zwischen Wolkenkratzern und Schluchten, über „Wingsuit Flying“, bei dem Leute mit einem Flügelanzug aus dem Flugzeug springen, bis hin zum illegalen „Train Surfing“, wobei man sich während der Fahrt an der Außenseite des Zuges festhält. Extremsportarten wie diese haben zu traurigen Rekorden geführt, im Internet kursieren Todeslisten.
Dennoch üben zwischen fünf und zehn Prozent der Sporttreibenden Risikosportarten aus, Tendenz steigend. Und das, obwohl die Angst in der westlichen Gesellschaft laut Angstforschern seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dramatisch angestiegen ist. Angst empfindet der Gründer von „Stunt.at“ als ein konstruktives Bauchgefühl. „Das ist doch nur ein natürlicher Schutz, der mir signalisiert: Achtung, sei jetzt vorsichtig!“ In seiner Arbeit schwingt täglich das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit mit. „Der Tod ist uns nun einmal in die Wiege gelegt. Kommen tut er sowieso“, lacht Löschnigg und drückt seine Zigarette im Aschenbecher aus. Sein tägliches Arbeitsrisiko teilt er in drei Kategorien ein: Verletzungen, Querschnittslähmung und Tod. Bis auf kleinere Blessuren und Brandwunden ist ihm noch nichts passiert. Er klopft auf den Holztisch: „Safety first lautet das Motto unseres Teams! Das ist schließlich unsere Lebensversicherung.“
Mit seiner 50-köpfigen Mannschaft plant Löschnigg jeden Stunt im Detail, spielt im Geiste Schritt für Schritt durch. Dennoch schätzt er das Unfallrisiko auf 50:50. „Wenn der Pyrotechniker die Explosion eine halbe Sekunde zu früh zündet, geht der Stuntman mit der Ladung in die Luft“, sagt der einstige Judo-Profi trocken. Auch wenn sich Materialien und Technik enorm weiterentwickelt haben: Der größte Risikofaktor bleibt der Mensch. „Deswegen brauchen wir Profis: Bedachte, behirnte Menschen und keine Draufgänger und Rambos.“ Die werden in diesem Metier nämlich nicht alt.

Die Gruppe der Auserwählten


Doch gerade Amateure im Extremsport überschätzen sich