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37/2015 - Ein neuer Mensch, eine neue Welt
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Ungelesen 09.09.2015, 06:56
Ein neuer Mensch, eine neue Welt

Mehr als die Hälfte aller 50- bis 70-Jährigen engagieren sich hierzulande freiwillig. Ob als Flüchtlingsbetreuer, als Lesepatinnen oder als „Gesundheitsbuddies“ für Hochaltrige: „Learning by doing“ hilft hier nicht nur ihnen selbst, sondern auch den anderen.


| Von Doris Helmberger



Momentan ist Christa Halvax noch im Ferienmodus. Doch in zwei Wochen, wenn es in der nahen Mittelschule einen fixen Stundenplan gibt, wird die 65-jährige Wienerin wieder als Lesepatin im Einsatz sein – einmal die Woche, pünktlich um acht Uhr. Mit bloßem Leseübungen ist es bei ihren Kindern und Jugendlichen, die vorwiegend aus Migrantenfamilien stammen, freilich nicht getan: Halvax hilft ihnen auch bei Hausübungen oder lernt mit ihnen für die Schularbeit. Dass die meisten von ihren Eltern kaum unterstützt werden – und dass die Schule diese ungleichen Startbedingungen nicht ausgleichen kann –, hat sie selbst lernen müssen. „Wir entlassen Kinder aus den Schulen, die keine Chance haben“, klagt Halvax. Mit ihrem Engagement will sie beitragen, die Situation zumindest ein wenig zu entschärfen.
2008 ging die Office-Managerin einer großen Wirtschaftsprüfungskanzlei, die in ihrer Jugend eine Handelsakademie absolviert hatte, in Pension. Von Ruhestand konnte freilich keine Rede sein. „Ich habe mir schon vor 30 Jahren gesagt: In der Pension studiere ich“, erzählt die zweifache Mutter und Großmutter neben ihrem Mann Günter im Garten ihres Hauses am Stadtrand von Wien. Als sie erfuhr, dass die Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität ein Seniorenstudium für Psychotherapiewissenschaft anbot, wagte sie den Schritt. Gemeinsam mit 15 anderen reifen Semestern begann sie das zweijährige Curriculum. Neun Seniorenstudierende zogen es bis zum Ende durch.

Gesund fürs Leben

Im Gespräch mit ihren Kommilitoninnen hörte Halvax nicht nur vom Aufruf des Wiener Stadtschulrats, sich als Lesepatin einzubringen; sie stieß auch auf ein spannendes Projekt der Medizinuniversität Wien. Unter dem Motto „Gesund für’s Leben“ wurden in Kooperation mit dem Wiener Hilfswerk Freiwillige zwischen 50 und 70 Jahren gesucht. Sie sollten sich zwölf Wochen lang zu „Gesundheitsbuddies“ für Hochaltrige ausbilden lassen, diese dann zwei Mal pro Woche besuchen und sie mit einem Bewegungsprogramm und Informationen über richtige Ernährung unterstützen. Ein Setting, von dem beide profitieren sollten: Die oft gebrechlichen und mangelernährten Hochaltrigen, aber auch die Jüngeren, die neue Kompetenzen erwarben und sich mit dem Altwerden konfrontierten. Noch läuft die Auswertung, doch erste Zwischenergebnisse kann Projektleiter Thomas Dorner vom Institut für Sozialmedizin bereits präsentieren: „Im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne Sport- und Ernährungsprogramm haben sich die gebrechlichen Personen in einigen Parametern deutlich verbessert“, erklärt er. Handkraft und körperliches Aktivitätsniveau hätten zugenommen, die Sturzangst sei gesunken. Bei den Buddies hat sich in körperlicher Hinsicht nicht so viel getan – schließlich pflegten die meisten schon zuvor einen gesunden Lebensstil. „Aber ihr Glaube an ihre Selbstwirksamkeit ist gestiegen“, berichtet Martin Oberbauer, der im Wiener Hilfswerk die Freiwilligen koordiniert und die Buddies betreut hat. „Viele haben auch die alten Leute bewundert, wie sie mit ihrem Alter umgehen, ohne zu verzagen.“
Auch Christa Halvax hat viel dazugelernt. Zweimal wöchentlich hat sie den 92-Jährigen Herrn Johann besucht,