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17/2016 - Schrittweise durch die Stadt
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Ungelesen 27.04.2016, 07:58
Schrittweise durch die Stadt

Das Gehen im urbanen Raum erlebt ein Revival – auch in Wien. Über städtische Gangarten, typische Tempi und das Handy als Stolperstein.

| Von Doris Helmberger

Dass es in Wien meist irgendwo ein Hintertürl gibt, ist hinlänglich bekannt. Doch wo exakt die Schleichwege durch die Stadt verlaufen, offenbart sich nur per pedes. Sechs Touristen und fünf Einheimische wollen es an diesem windigen Donnerstagvormittag genau wissen: Vis-à-vis der Hauptuniversität, beim Denkmal Johann Andreas Liebenbergs, des Wiener Bürgermeisters während der zweiten Türkenbelagerung 1683, warten sie auf Ursula Schwarz. Zwei Stunden lang wird die geprüfte Fremdenführerin sie kreuz und quer durch die Altstadt lotsen: von der Mölker Bastei durch den Melker Hof, den Schottenhof, das Palais Harrach und Ferstel über den versteckten Haarhof und den Hof des Alten Rathauses in der Wipplingerstraße bis zum Hohen Markt, wo ein Touristenschwarm gerade das Zwölf-Uhr-Spektakel der Ankeruhr erwartet. Nicht eben ein verborgener Winkel der Stadt, möchte man meinen, aber der krönende Abschluss eines Streifzugs durch das alte Wien.
Auch Herbert Manser aus Basel hat am geführten Spaziergang „Wiener Durchhäuser im Schottenviertel“ teilgenommen. Dass die Wiener Gangart durchaus ihre Eigenheiten hat, ist dem Risikomanager freilich schon früher aufgefallen. „Wien kommt mir sehr entschleunigt vor“, erklärt er; die Züricher würden mehr aufs Tempo drücken, die Berner hingegen noch langsamer flanieren. In einem unterscheide sich die Wiener Fußgängerkultur aber kaum von jener in der Schweiz. Hier wie dort starrten immer mehr Menschen gehend auf ihr Smartphone. Dieses „Selfish-Sein, bei dem jeder einfach seinen eigenen Weg geht, ohne auszuweichen“, habe er schon am Flughafen bemerkt.

Gehend im Paralleluniversum

Der gesenkte Blick ist das jüngste und wohl auch markanteste Merkmal gehender Städter. Laut einer aktuellen Studie der deutschen Dekra-Unfallforschung in sechs europäischen Großstädten ist bereits jeder sechste Fußgänger von seinem Handy abgelenkt und in einem Paralleluniversum unterwegs. Um Kollisionen mit der Realität zu verhindern, hat man in der chinesischen Millionenstadt Chongqing bereits 2014 eigene Gehwege für Handynutzer eingerichtet. In Österreich wird indes über ein Verbot diskutiert: Der Verkehrspsychologe Gregor Bartl hat sich jüngst auf Ö1 dafür ausgesprochen, die Beschäftigung mit dem Handy zumindest während des Überquerens von Straßen ohne Zebrastreifen zu verbieten. Im Verkehrsministerium zieht man hingegen Bewusstseinsbildung vor und verweist auf die Straßenverkehrsordnung: Demnach dürfen Fußgänger schon jetzt „andere Straßenbenützer weder gefährden noch behindern.“
Auch Petra Jens ist gegen ein Verbot. Die passionierte Geherin, die Ende 2012 von der rot-grünen Stadtregierung zur ersten Fußgängerbeauftragten einer europäischen Großstadt bestellt wurde, wünscht sich lieber eine bessere Kommunikation, um Missverständnisse zu verhindern. „Auf den Diskussionsforen von Autofahrerclubs wirft man den Fußgängern etwa gern vor, dass man oft nicht weiß, ob sie vor einem Schutzweg hinübergehen wollen oder nicht“, weiß Jens. „Und die Fußgänger wiederum sagen, dass sie nicht erkennen können, ob ein Auto tatsächlich stehen bleibt.“ Ihre salomonische Lösung: die Anhaltebereitschaft der Autofahrer fördern (etwa durch Aktionen mit Wiener Fahrschulen) und die Fußgänger
zu eindeutigeren Signalen motivieren.Mehr Sicher