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26/2016 - Der EU fehlt die große Erzählung
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Ungelesen 29.06.2016, 07:20
Der EU fehlt die große Erzählung

Werte allein begründen keine zündende Vision einer gemeinsam bewohnten Welt. Die EU hat nur dann eine Zukunft, wenn es gelingt, eine gemeinsame Geschichte zu schaffen. Anmerkungen eines Theologen und Ethikers zum Brexit.

| Von Ulrich H. J. Körtner


Der Brexit bedeutet nicht das Ende der Europäischen Union, aber das Ende der Illusion, der europäische Integrationsprozess sei unumkehrbar und schreite unaufhaltsam voran. Nun zeigt sich, dass die EU kein Selbstläufer ist. Auch die vermeintliche Alternativlosigkeit der EU-Politik der vergangenen Jahre, mit welcher der Bruch selbst gesetzter Regeln – sei es in der Geldpolitik, sei es in der Asylpolitik und bei der Grenzsicherung – gerechtfertigt wurde, hat sich als Fehleinschätzung erwiesen. Es gibt im Leben immer Alternativen, bessere und schlechtere. Doch wer die Menschen von seiner Politik überzeugen will, braucht vernünftige Gründe, über die in einer Demokratie offen zu debattieren und zu streiten ist, aber nicht das Totschlagargument der Alternativlosigkeit. Ein „Weiter so“ oder „Jetzt erst recht“ wäre für die Zukunft der EU verheerend.

EU hat keine Bestandsgarantie

Schon melden sich wieder Stimmen, die EU sei noch aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen. Wer an den Hegel’schen Weltgeist glaubt, mag den Brexit für eine List der Geschichte sehen, um die EU zu überfälligen Reformen zu bewegen und so die europäische Idee in einem dialektischen Prozess zu ihrem Ziel zu führen. Aber dieser Glaube ist eine Illusion. Wie alle politischen Gebilde hat auch die EU keine Bestandsgarantie, und es hängt nicht nur von ihren Politikern, sondern auch von ihren Bürgern, also von uns allen, ab, was aus ihr wird und welche Zukunft ihr beschieden ist.
Europa sieht ziemlich alt aus, und das in mehrfacher Hinsicht. Alt und verbraucht erscheinen nicht nur das politische Establishment und sein Politikstil. Auch die europäische Bevölkerung altert. Die Zahl der Pensionisten steigt, unter denen Verlustängste wachsen. Das alternde Europa hat den Eindruck, dem Druck der Globalisierung nicht gewachsen zu sein. Es waren vor allem ältere Menschen, die in Großbritannien für den Brexit gestimmt haben, während die jüngeren mehrheitlich für den Verbleib in der EU gewesen sind. Sie müssen nun um ihre Zukunftschanchen fürchten. Auch in anderen Ländern Europas finden populistische Parteien und Parolen – von rechts wie von links – unter älteren Menschen Zulauf, freilich auch unter jungen Leuten mit schlechter Bildung und Abstiegsängsten, die sich als Globalisierungsverlierer sehen. Im internationalen Vergleich, etwa mit China und anderen Ländern Asiens, schaut Europa einigermaßen alt aus, wenn es zum Beispiel um Digitalisierung und Industrie 4.0 geht.
Die eigentliche Krise aber besteht darin, dass viele Menschen die europäische Idee für alt und verbraucht halten, während der überwunden geglaubte Nationalismus seine Auferstehung feiert. Parolen von Heimat und nationaler Selbstbestimmung verfangen bei Menschen, denen die globalisierte, moderne Welt zu komplex und bedrohlich geworden ist. Nicht Europa, sondern die eigene Nation gilt ihnen als Schicksalsgemeinschaft. Dass die Beschwörung der nationalen Selbstbestimmung Großbritannien eher zum Ende des Vereinigten Königreiches führen wird – schon fordert Schottland ein neues Unabhängigkeitsreferendum – als zum Ende der EU, ist ein bitterer Treppenwitz der Geschichte.

Binneneuropäische Klientelpolitik

Wir erleben die Abkehr von der Idee eines vereinigten Europas, die als Lehre aus dem Grauen zweier Weltkriege geboren wurde. Robert Schuman, Konrad Adenauer,
Alcide de Gasperi, Paul Henri Spaak und einige andere – Politiker mit tiefer christlicher Überzeugung – setzten sich für die Idee eines fried