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27/2016 - Schrittmacher der Wirklichkeit
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Ungelesen 06.07.2016, 07:17
Schrittmacher der Wirklichkeit

Immer dringlicher stellt sich heute die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit.
Über Wege zur Entschleunigung und das Ticken der Ewigkeit.


| Von Martin Poltrum

Was ist eigentlich die Zeit? Diese Frage hat das Abendland seit jeher in Atem gehalten. Von Aristoteles bis Heidegger und darüber hinaus beschäftigten sich die großen Philosophen mit dem Wesen der Vergänglichkeit und der Einsicht, dass die Zeit mehr ist als das, was wir mit den Uhren messen. Die Erörterungen über die so genannte Temporalität gehören dabei mit zu den schwierigsten philosophischen Problemen überhaupt.
Der christliche Gelehrte und Kirchenvater Aurelius Augustinus meinte einmal treffend: „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht.“ Die Zeit ist einerseits der Schrittmacher der Wirklichkeit und damit der Garant für den Lauf der Dinge – und gleichzeitig ein so flüchtiges Gut, das denkend kaum zu fassen ist. Nicht viel besser als Augustinus erging es dem Autor eines der Hauptwerke der Philosophie, Martin Heidegger, der vor dieser Frage ebenfalls kapitulierte und in den 1950er-Jahren zum Thema befragt eingestand: „Man könnte meinen, der Verfasser von ‚Sein und Zeit‘ müsste dies wissen. Er weiß es aber nicht.“

Subjektive und objektive Zeit

Die meisten zeitphilosophischen Erörterungen (James, Bergson, Stern, Husserl, Heidegger) gehen von einem zweiteiligen Zeitmodell aus und unterscheiden die Ich-Zeit, das subjektive Zeiterleben, von der Welt-Zeit, der objektiv messbaren und immer gleich verstreichenden Zeit, die durch die Uhrzeit verkörpert wird. Die subjektive Ich-Zeit kennt verschiedene Qualitäten: von der stressigen zur hohen bis zur heiligen Zeit. Und sie verstreicht im Unterschied zur objektiven Zeit nicht immer gleich schnell. Dem einem vergeht die Zeit wie im Flug, oder es läuft ihm die Zeit gar davon; dem anderen ist so langweilig, dass es ihm vorkommt, als ob man die Zeit tot schlagen müsste. In der Langeweile drängt sich das Zeitvergehen sogar auf eine sehr unangenehme Weise in den Vordergrund und die Zeit scheint unendlich gedehnt, quälend sinnentleert, und man hat das Gefühl, dass die Sekunden kriechen.
Von der Zeit wird auch gesagt, dass sie drei Dimensionen hat und dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander greifen. Eine Melodie, das hat Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie schön argumentiert, wird darum nicht als Abfolge von unzusammenhängenden Tönen, sondern als eine Sinnganzheit wahrgenommen, weil es so etwas wie ein inneres Zeitbewusstsein gibt. Dieses stellt eine Verknüpfung zwischen den aktuellen, den bereits verklungenen und den noch zu hörenden Tönen her. Mit dem ersten gehörten Ton (Urimpression) und jedem weiteren Ton, der „soeben“ und „gerade nicht mehr“ zu hören ist, aber in einem „zurückgehaltenen Noch-Bewusstsein“ präsent ist (Retention), entsteht bei der Melodiewahrnehmung bereits ein Erwartungshorizont (Protention) für kommende Töne.
Die Zeit ist also nicht so sehr eine objektive Baubestimmung der Wirklichkeit, wie das die alten Griechen oder die mittelalterliche Philosophie noch dachte, sondern etwas, das wir durch unser menschliches Anschauungsvermögen in die Welt hinein tragen. Durch diese Erkenntnis, die Immanuel Kant populär gemacht hat, wurden die Spekulationen beflügelt, wie andere Subjekte – man denke an Wale oder Eintagsfliegen – ihr Erlebnis in der Zeit haben. Vielleicht ist es sogar so, dass Tiere glücklicher sind als wir Menschen, da ihnen die Gnade gegeben ist, an den „Pfahl des Augenblicks angepflockt“ zu sein, wie Nietzsche das einmal formulierte, und die Sorge, die mit dem