Einzelnen Beitrag anzeigen

42/2016 - Verantwortung und Freiheit
  #1  
Ungelesen 19.10.2016, 06:37
Verantwortung und Freiheit

500 Jahre Reformation. Was Martin Luther anstieß, ist auch heute eine bleibende Herausforderung:
mit viel Licht – und Schattenseiten, die nicht zu verschweigen sind.


| Von Michael Bünker

„Die“ Reformation gibt es nicht. Der Begriff wird erst im 19. Jahrhundert als Epochenbezeichnung für die Zeit von 1517 bis 1555, also von der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers bis zum Augsburger Religionsfrieden, gebräuchlich. Im Blick auf das 16. Jahrhundert muss man eher von Reformationen im Plural sprechen. Reformationen hat es nämlich schon vor dem 16. Jahrhundert gegeben, zu erinnern ist an die kirchenkritischen Bewegungen des späten Mittelalters, für die Jan Hus und die Waldenser erwähnt werden sollen, aber auch an die Zeit des Konziliarismus, der sich durch die Krise des Papsttums herausgebildet hatte.

Luthers mystische Tradition

Luther selbst stand in einer langen Tradition, insbesondere der Mystik und vor allem des Kirchenvaters Augustinus. Nicht zufällig ist er nach dem Gewitter von Stotternheim 1505 in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt eingetreten. Von seinem Ordensvorgesetzten Johannes von Staupitz erhielt er nicht nur manchen seelsorgerlichen Zuspruch und eine wirkungsvolle Förderung seiner Karriere im Orden und an der Universität in Wittenberg, sondern vor allem die Ausrichtung aller Theologe und Frömmigkeit auf Jesus Christus. So wurden die Bibel und da vor allem die Briefe des Paulus zur wichtigsten Quelle der lutherischen Theologie.
Der vielfältige Aufbruch zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in ganz Europa wird heute mit dem Kirchenhistoriker Bernd Hamm als „Emergenz“ dessen, was später die Reformation genannt wurde, beschrieben. Inhaltlich war es die „normative Zentrierung“ auf die Botschaft der Rechtfertigung allein aus Gnade (sola gratia), allein durch den Glauben (sola fide) und allein in Jesus Christus (solus Christus), die, wie die weitere Entwicklung zeigte, tiefgreifende Auswirkungen auf die Frömmigkeit und das Kirchenverständnis hatte. Gute Werke und fromme Leistungen bewirken nicht das Heil für den Menschen und die Kirche wird als „Gemeinschaft der Glaubenden“ und nicht länger als die institutionalisierte Heilsvermittlerin in hierarchischer Ordnung gesehen.
Die Auswirkungen der Reformation blieben nicht auf die Kirche beschränkt. Die Lehre vom „Priestertum aller Glaubenden“ begründete den nichthierarchischen Aufbau der Kirche („Was aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof und Papst“ – so Luther 1520). Sie trug auch den Keim einer Gesellschaft von gleichberechtigten Menschen in sich, der später die Entwicklung der modernen Demokratie mitbeeinflussen sollte.
Die Kritik an den Auswüchsen des Frühkapitalismus (Luthers Schriften gegen den „Wucher“, Calvins Einsatz gegen Verschuldung und Zinsbelastung) führten zu ersten Ansätzen einer sozialen Grundordnung, die auf Existenzsicherung und Armutsvermeidung abzielte. Ein besonderes Anliegen war die Bildung, die sich in zahlreichen Schulgründungen und einer umfassenden Reform der Universitäten in humanistischem Geist niederschlug. Damit jeder und jede selbst für den eigenen Glauben einstehen kann, war es notwendig, die Bibel allen zugänglich zu machen. Daher Luthers und Zwinglis Übersetzungen ins Deutsche und in der Folge eine ganze Reihe von Bibelübersetzungen in weitere europäische Sprachen, die oft genug die jeweilige Schrift- und Buchkultur (wie etwa in Finnland oder Slowenien) erstmalig begründeten.
Auch wenn es heute als fragwürdig gilt, direkte Ableitungen moderner Phänomen