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42/2016 - Wutchrist als Reformator
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Ungelesen 19.10.2016, 07:15
Wutchrist als Reformator

Der Buchmarkt ist schon jetzt vom bevorstehenden Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag geprägt.
Ein Blick auf vier exemplarische Neuerscheinungen.


| Von Heiner Boberski

„Man hat schon gesagt: Es gibt so viele Lutherbilder wie es Lutherbücher gibt.“ Diese Aussage im Buch „Martin Luther – eine ökumenische Perspektive“ von Kardinal Walter Kasper wird derzeit auf dem Buchmarkt bestätigt. Die Autoren, die sich schon heuer mit dem 500-Jahr-Jubiläum der Reformation befassen, wählen sehr unterschiedliche Zugänge, um die Bedeutung Luthers für seine, aber auch für unsere Zeit zu würdigen. Sie kommen aber auch einhellig zu dem Schluss, dass vieles an Luther unserer Zeit völlig fremd ist. Kasper verweist auf die Fremdheit der Welt, in der Luther lebte, auf die Fremdheit seiner Botschaft, und er meint: „Heute sind vielen, auch praktizierenden Christen beider Kirchen, die von Luther aufgeworfenen Fragen gar nicht mehr verständlich.“

Luthers Bedeutung für Gegenwart

Der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin betont in seinem Werk „Die fremde Reformation“, dass Luther „als Mensch des Mittelalters aufwuchs“. Leppin beleuchtet „Luthers mystische Wurzeln“ und meint: „Luther ist uns Heutigen fremd“, und dies nicht nur „in seinem unerträglichen Judenhass, in seinen Ausfällen gegen Türken oder den Papst“. Auch in seinem innersten Anliegen, der Rechtfertigung des Sünders, sei der Reformator noch ganz von der kulturellen Welt des Spätmittelalters geprägt gewesen, insbesondere von der Bewegung der Mystik. Viele heutige Protestanten könnten mit den Positionen des Mannes, der die „Freiheit des Christenmenschen“ und das „Priestertum aller Gläubigen“ predigte, wenig anfangen.
Es waren nicht nur, aber in hohem Maß die Ablass-Praktiken seiner Zeit, die den jungen Augustiner-Eremiten Luther zum Wutchristen werden und am 31. Oktober 1517 mit 95 Thesen gegen die Kirchenleitung aufbegehren ließen. Die Konfrontation mit Rom spitzte sich zu, für Luther war der Medici-Papst Leo X. der „wahre und leibhaftige Antichrist“. Er wurde gebannt, blieb aber 1521 auf dem Reichstag von Worms seiner Linie treu: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ Die weitere Geschichte ist bekannt: Luther wird von seinem Landesfürsten geschützt, übersetzt die Bibel ins Deutsche, heiratet eine ehemalige Nonne. Als er 1546 stirbt, ist die Spaltung der Kirche vollzogen.
Walter Kasper will Martin Luther offenbar ins Katholische heimholen. Hinter den 95 Ablassthesen sei „ein durchaus katholisches Anliegen“ gestanden, erklärt der Kardinal. „Sie sind ein Dokument der Reform, aber nicht der Reformation. Diese Reform galt der Erneuerung der katholischen Kirche, das heißt der ganzen Christenheit; sie hatte keine eigene Reform-Kirche zum Ziel.“ Luther habe kein „billiges Christentum zu herabgesetzten Preisen“ wollen. Schon in seiner ersten These stehe, „das ganze Leben eines Christen müsse eine stete Buße sein“. Für Kasper war Luther „ein Reformer, kein Reformator“ mit dem Ziel einer Neuevangelisierung. Der ehemalige Chef-Ökumeniker des Vatikan fordert dazu auf, sich heute gemeinsam auf dieses ursprüngliche Anliegen Luthers zu besinnen: „Der wichtigste Beitrag Martin Luthers zur Weiterführung der Ökumene liegt nicht in den bei ihm noch offenen ekklesiologischen Ansätzen, sondern bei seinem ursprünglichen Ansatz beim Evangelium von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes und dem Ruf zur Umkehr.“
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe man, so Kasper, den Weg des Dialogs beschritten, „einen Weg, keine fertige Lösung!“ Die Rezeption des Zweiten Vatikanums sei auch nach 50 Jahren nicht zu Ende, Papst Franziskus habe dabei eine neue Phase eingeleitet, indem er „die Volk-Gottes-E