Einzelnen Beitrag anzeigen

44/2016 - „ … haben das Denken aufgegeben“
  #1  
Ungelesen 02.11.2016, 07:58
„ … haben das Denken aufgegeben“

Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa über seinen Film „Austerlitz“, wo er sich mit Tourismus in KZ-Gedenkstätten auseinandersetzt.

| Das Gespräch führte Matthias Greuling


Sergei Loznitsa sagt, sein kulturelles Verständnis sei russisch, sein Pass aber aus der Ukraine. Der 1964 in der damaligen UdSSR geborene Filmemacher kämpft mit dieser Zerrissenheit, die ihn bis in seine Filme verfolgt. 2014 hat er mit „Maidan“ einen Dokumentarfilm über die Proteste an diesem geschichtsträchtigen Ort gedreht. Jetzt widmet er sich in „Austerlitz“, der bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt wurde, einer moralischen Widersprüchlichkeit: Er beobachtet mit der Kamera Touristen in verschiedenen KZ-Gedenkstätten Deutschlands. Warum und wie er diesen Film gemacht hat, erzählt er im FURCHE-Gespräch. Die Wurzel des Übels ist fehlendes Wissen, findet er.

DIE FURCHE: Ihr Film trägt den Titel „Austerlitz“ und zeigt fotografierende Ausflügler im KZ. Erklären Sie mir das bitte.
Sergei Loznitsa: Mit dem Titel beziehe ich mich auf den Roman „Austerlitz“ von W. G.
Sebald. Ich kann nur jeden auffordern, dieses wunderbare Buch zu lesen. Das ist Literatur auf höchstem Niveau. Sebald schildert die Geschichte des jüdischen Wissenschafters Jacques Austerlitz, der seine eigene Vergangenheit erforscht und feststellt, dass seine Mutter in Theresienstadt im KZ war, ehe man sie zur Ermordung in den Osten brachte. Das Buch spielt sehr in mein Filmthema hinein, weshalb ich seinen Titel übernommen habe.
DIE FURCHE: Kam Ihnen die Idee zur Beobachtung von Touristen im KZ, als Sie ein solches Lager besucht haben?
Loznitsa: Die Idee kam mir in Buchenwald. Wie es dann zu der endgültigen, jetzt fertigen Fassung kam, das ist bei mir niemals so ganz nachvollziehbar. Es ist ein Prozess. Während des Drehs fügen sich die einzelnen Ideen langsam zusammen. Und jetzt gibt es das Ergebnis.
DIE FURCHE: Sie zeigen sehr statische Bilder aus den KZ-Gedenkstätten. Warum?
Loznitsa: Die statische Kamera bringt den Zuschauer in die Position eines Beobachters, stößt ihn aber nicht auf etwas Bestimmtes, sondern lässt ihn selbst erforschen, was er sieht. Wenn man die Kamera bewegt, versuchen wir als Zuschauer herauszufinden, für wen im Bild sie sich bewegt, also, wer mit ihrer Bewegung verfolgt wird. Das wäre ein direktes Hinlenken auf jemanden und hieße, dieser Jemand ist mir wichtiger als andere. Genau das wollte ich nicht. Mit der statischen Kamera erreiche ich, dass alles im Bild Gezeigte gleich wichtig sein kann.
DIE FURCHE: Was ist Ihr Ankerpunkt bei dieser Art der Bildgestaltung gewesen?
Loznitsa: Es waren nicht die Menschen vor der Kamera, sondern es war die Architektur, die ich abbilden wollte. Dass die Menschen den Vordergrund füllen, ist klar, aber die wahre Komposition der Bilder liegt im Fokus auf die Gebäude und in der Symmetrie. Die Architektur dieser Todesfabriken ist für mich das zentrale Element des Films. Schon in der klaren, organisierten Bauweise kann man sehen, dass es sich um Vernichtungslager handelte, in denen am Fließband getötet wurde. Ein Widerspruch: Wenn man etwas vernichtet, geht man eigentlich den gegensätzlichen Weg: Von Ordnung zur Zerstörung. In den Konzentrationslagern der Sowjetunion sah im Gegensatz dazu gar nichts geordnet aus: Dort gab es keine gerade Straßenkante. Die Ermordeten hat man einfach irgendwo hingeworfen, man findet in Sibirien bis heute Menschenknochen.
DIE FURCHE: Was dachten Sie selbst, als Sie die Lager besuchten?
Loznitsa: Im Krematorium dachte ich