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29/2017 - „Schätze vor der Haustür“
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Ungelesen , 09:33
„Schätze vor der Haustür“

Altes Heilwissen gilt in der modernen Medizin noch oft als unseriös: Reinhard Haller über das Geschäft mit
der Gesundheit und die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen.


| Das Gespräch führte Martin Tauss

Einer breiteren Öffentlichkeit ist Raimund Haller vor allem als Gerichtspsychiater bekannt, der spektakuläre Verbrechen analysiert. Beim Medicinicum Lech widmete er sich diesmal dem Verhältnis von Medizin, Magie und Religion. Die FURCHE bat ihn vor Ort zum Gespräch.

DIE FURCHE: Herr Professor Haller, Sie haben in Ihrem Vortrag über Schamanen, Priester und Ärzte gesprochen – ist diese Linie von geistig-spirituellen Heiltraditionen zur modernen Medizin völlig abgerissen oder sehen Sie heute wieder Anknüpfungspunkte?
Reinhard Haller: Leider nein. Jede Epoche hat ihre Heiler, die auf den Vorstellungen und dem Erkenntnisstand der jeweiligen Zeit agieren. Schamanen, Zauberer, Priester verfügten früher über großes Erfahrungswissen in der Therapie, etwa was die psychische Dynamik zwischen dem Heilkundigem und dem Kranken betrifft. Natürlich gibt es auch Dimensionen des Heilens, die sich naturwissenschaftlich nicht fassen lassen. Heute orientiert man sich nur an dem, was sich empirisch messen oder nachweisen lässt. Alles andere wird noch immer gern als Humbug abgetan. Die moderne Medizin hat vor allem in der Diagnostik und Akutbehandlung großartige Leistungen vorzuweisen. Aber in Sachen Ganzheitlichkeit gäbe es sicher noch Entwicklungspotenzial. Verschiedene therapeutische Zugänge sollten hier ohne Konkurrenzgedanken nebeneinander existieren können.
DIE FURCHE: Viele beliebte Ansätze der Komplementärmedizin beziehen sich eben auf diese alten Traditionen, etwa auf das Kräuter-wissen in der Naturheilkunde ...
Haller: Dieser Bereich wird von der Medizin noch kaum wahrgenommen. Die hochgebildeten „Organ-Ingenieure“ haben für diese anderen Dimensionen schlichtweg keine Zeit. Die Spezialisierung geht in gewisser Weise auf Kosten der Ganzheitlichkeit. Kranke Menschen hoffen auf Heilung, und damit auch ein bisschen auf ein Wunder. Dieses Bedürfnis nach dem Geheimnisvollen, Nicht-Erklärlichen, Wunderhaften – das kann eine rundum technisierte Medizin nicht erfüllen. Die Menschen aber haben Sehnsucht danach. Und darum suchen sie in alten traditionellen Medizinsystemen. Bezeichnend, dass es heute einen starken Zustrom zu östlichen Traditionen gibt. Dabei hätte man auch in unseren Klöstern unglaubliche Schätze direkt vor der Haustür.
DIE FURCHE: Aber die werden ja jetzt auch wieder entdeckt, indem man sich der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) zuwendet ...
Haller: Das hoffe ich! Weil es dort einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz zu heben gibt. Die moderne Medizin sollte diesen Bereich wieder ernster nehmen.
DIE FURCHE: Wie könnte das konkret aussehen – sollte es hier zum Beispiel Curricula in der Aus- und Weiterbildung geben?
Haller: Die Wertschätzung für andere Dimensionen des Heilens zu steigern, ist sicher eine große Herausforderung. Zumal es auch in der Medizin eine starke Kommerzialisierung gibt. Gesundheit ist ein großes Geschäft; das ist von vornherein nichts Schlechtes, aber natürlich gibt es auch ein Missbrauchspotenzial. Die Geschäfte laufen vor allem auf dem medikamentösen und apparativen Weg, aber kaum auf einem esoterischen oder gar spirituellen Weg. Insofern gibt es auch weniger Interesse für den letzteren Weg. Aber wenn dieser Trend zu ganzheitlichen Verfahren anhält, wird man ihm Rechnung tragen müssen. Man wird dann zwangsläufig einsehen, dass die Menschen mit einer perfekten Diagnose und Behandlung allein nicht mehr zufrieden sind.
DIE FURCHE: Es gibt auch im Christentum eine Heiltradition. Im Gegensatz zur Praxis der „Caritas“ oder Wohltätigkeit, aus der sogar eine eigene Institution geworden ist, ist die christliche Heiltradition aber offensichtlich versiegt ...
Haller: Es gibt im Evangelium unzählige Hinweise auf Heilungen. Wieder „heil“ und „ganz“ zu werden: Das Zentrale im Gesundheitswesen ist in gewisser Weise auch das Zentrale der religiösen Botschaft. Aber die Kirche bzw. die Religion hat sich das ein Stück weit aus dem Köcher nehmen lassen. Früher machten die Seelsorger auch psychotherapeutische Arbeit. Dann hat man gesagt, das verträgt sich nicht. Anstatt dass man gefragt hätte: Kann man nicht auch eine religiös orientierte Psychotherapie entwickeln? Auch in der Priesterausbildung wurde psychologisches Wissen sträflich vernachlässigt. Ich bin überzeugt, dass die Missbrauchsfälle in der Kirche bei weitem nicht so häufig vorgekommen wären, wenn man auf die psychische Gesundheit geachtet und in diesem wichtigen Bereich fundiert ausgebildet hätte.