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31/2017 - Feinde der „Guten, alten Zeit“
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Ungelesen 02.08.2017, 06:47
Feinde der „Guten, alten Zeit“

Wie Statistiker versuchen, dem Pessimismus der Gegenwart entgegenzutreten, indem sie
die Vergangenheit nicht durch die rosa Brille, sondern mathematisch genau betrachten.


| Von Oliver Tanzer


Es ist mit Händen zu greifen und an Münzen abzuzählen, dass die Nostalgie ein hochprofitables Geschäft ist. Doch ihre Färbelung der Vergangenheit mit einem zarten Stich ins Rosa hat auch einen großen Nachteil. Die Vergangenheit wird durch die Malerarbeiten der Psyche zwar besser. Aber auch die Gegenwart verändert sich – und zwar zum Schlechteren. Deshalb auch der von Generation zu Generation weitergetragene und der zarten Jugend gleichsam als abstruser Willkommensgruß eingeflüsterte Spruch: „Früher war alles besser.“
Seit Jahren versuchen Historiker in einer fruchtbaren Arbeitsgemeinschaft mit Statistikern, gegen dieses äußerst gut verankerte Urteil anzugehen. Dabei stellt sich ein ums andere Mal heraus: Früher war alles schlechter. In einem gleichnamigen Buchbändchen hat Spiegel-Journalist Guido Mingels diese Ergebnisse zu appetitlichen Infohappen zusammengefasst und schön textiert. Heraus gekommen ist ein Manifest des Optimismus, das Bekanntes mit Überraschendem kombiniert und neue globale Perspektiven eröffnet.

Methusalem-Perspektiven

Das beginnt schon bei unserer eigenen Lebensperspektive. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts etwa war jemand im zarten Alter von 35 Jahren statistisch praktisch schon tot. Heute hingegen gehen Altersforscher wie der Niederländer Rudi Westendorp davon aus, dass einige der 2016 geborenen Kinder bereits 135 Jahre alt werden. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Man denke also, wohin sich damit die Midlife Crisis verschieben könnte, geschweige denn das Pensionsalter. Tatsächlich leben wir also in einer revolutionären Zeit – und das seit über 150 Jahren.
Ganz Ähnliches gilt für das besonders in Wahlkampfzeiten immer wieder aufgekochte Thema der Sicherheit. Ist die Polizei überfordert? Und wird Europa nicht immer wieder von den Terroristen vorgeführt?
Eine US-Statistik zeigt aber, dass von 1970 bis 2000 5800 Menschen bei Terroranschlägen in Westeuropa starben. In den ersten 15 Jahren des neuen Jahrtausends waren es 600. Und auch die historische Perspektive lässt etwas Abstand zur täglichen Verängs*tigung gewinnen. Im Durchschnitt werden Terrororganisationen neun Jahre alt und dauerhaft konnte keine von ihnen ihre Ziele erreichen, und wenn, dann nur durch inhaltliche Selbstaufgabe.
Und von wegen Kriminalität nach gutem altem Muster, romantisch bei Bonnie und Clyde verewigt und mit „Raindrops“ besungen: Der Banküberfall. Hier ein Blick in die deutsche Kriminalstatistik: 1993 wurden in Deutschland 1624 Bank- und Postfilialen überfallen. Diese Zahl schrumpft 2015 auf 244. Ein knappes Sechstel. Zurückzuführen ist das auf vermehrte elektronische Sicherungsmaßnahmen, aber auch auf den zunehmenden bargeldlosen Zahlungsverkehr.
Auch andere Geiseln der Gesellschaft seien trotz gegenteiliger Wahrnehmung wesentlich weniger schmerzhaft als wahrgenommen, wenn es nach Mingels geht. Etwa der Fluch der Arbeit, des Burnout und der Zeitnot. Mingels Schluss: Wir sind auf dem Weg zur Nullstundenwoche. Tatsächlich musste ein Vollbeschäftigter um 1900 64 Stunden arbeiten, im Jahr 2000 dagegen nur noch 40 Stunden. Gegen diese Statistik ist nichts zu sagen, außer vielleicht, dass heute Leistungsträger, vor allem auf freiberuflicher Ebene, durchaus an das Jahr 1900 anschließen.
Aber es gibt tatsächlich unbestreitbar positive, messbare Entwicklungen. So ist die globale Kinderarbeit drastisch gesunken. Vor 17 Jahren mussten geschätzt 246 Millionen Kinder Arbeit verrichten, in 70 Prozent der Fälle unter gesundheitsschädigenden Bedingungen. Diese Zahl ist auf 168 Millionen gesunken, 50 Prozent davon unter gefährlichen Bedingungen. Freilich ist das immer noch zu viel, vor allem, wenn man in Betracht zieht, dass die schlimmsten Missbräuche, wie die Internationale Arbeitsorganisation ILO auflistet, in globalisierten Industrien auftreten. Das sind vor allen anderen die Bekleidungsindustrie und der Bergbau.

Der Krieg herrscht nicht

So sehr auch der Krieg heute wieder die Schlagzeilen dominiert, so sehr können Statistiker darauf verweisen, dass es noch gar nie friedlichere Zeiten als in der Periode des neuen Jahrtausends gab. Zwei von 100.000 Menschen starben 2015 durch Kriege. In den siebziger Jahren waren es neun. Freilich muss auch hier dazu gesagt werden, dass der Syrienkonflikt seit 2012 die Opferzahlen wieder nach oben katapultiert hat. Davor lag die statistische Kurve knapp über Null
Eine der beliebtesten Sorgen betrifft wie zu allen Zeiten die Überbevölkerung. Die Menschheit werde den Planeten sozusagen kahlfressen. Das muss nicht sein. Denn das Bevölkerungswachstum schrumpft global gesehen drastisch von 2,1 Prozent 1962 auf projektierte 0,06 Prozent im Jahr 2100. Das gleiche gilt für die Versorgungsnöte. Der Mensch hat es geschafft, seine Versorgung extrem effizient zu machen. 1961 wurden auf 13 Millionen Quadratkilometer Nutzfläche knapp 900 Millionen Tonnen Getreide geerntet. 2012 waren es 2566 Millionen Tonnen auf 14 Millionen Quadratkilometern.
Man kann die Entwicklung also durchaus positiv sehen, von der Zahl der lebenden Tiger bis zur Flugsicherheit.
Das Problem an derlei Statistiken bleibt freilich, dass sie auch dazu einladen, ebenso ideologisch benützt zu werden wie der nostalgische Griff in die guten alten Zeiten. Dass sie nämlich die Behauptung stützen sollen, es werde schon alles gut gehen, und man dürfe sich nur ja keine Sorgen machen, der Klimawandel und andere große Themen der jüngeren Vergangenheit seien aufgebauscht und gar nicht wahr. So gesehen malt man sich nicht die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart schön. Auffällig viele dieser Omni-Nostalgiker finden sich übrigens in der Politik. Aber was heißt das schon?