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36/2017 - Religion ist nicht nur Privatsache
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Ungelesen 06.09.2017, 08:15
Religion ist nicht nur Privatsache

Religiöse Bildung ist heute wichtiger denn je. Ein Plädoyer für eine fundierte Auseinandersetzung.
Und „Privatschulen“, die öffentlich werden.


| Von Henning Schluß

Dass „Religion Opium für das Volk“ sei, ist ein Satz, der Karl Marx zugeschrieben wird. Damit soll gesagt werden, Religion ist ein probates Mittel zur Ruhigstellung, Jenseitsvertröstung und zum Dumm-Halten der unterdrückten Massen. Auch wenn dieser Gedanke der marxschen Religionskritik nicht fremd ist, so lautet das tatsächliche Zitat doch ein wenig anders: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.”
Marx erkennt also durchaus an, dass Religion in enger Korrelation zur entfremdeten Menschheit steht. Sie ist eine Ausflucht aus der kaputten Welt. Allerdings vermag Marx in ihr kein Heilmittel gegen diese Kaputtheit zu sehen, sondern sie ist eine Art Droge, die eine temporäre Flucht erlaubt, aber eigentlich alles nur schlimmer macht. Friedrich Engels hatte in seiner Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ bereits 1845 die unselige Rolle protestantischer Schulinitiativen aufgezeigt, die den unterdrückten Industriearbeitern eben nicht Bildung vermittelten, die zur Mündigkeit führt, sondern vor allem Frömmigkeit, die gehorsame Untertanen hervorbrachte.

Es gibt einiges an Religion zu kritisieren

Marx nahm an, dass die Religionskritik mit Feuerbach und ihm selbst an ihr Ende gekommen sei. In Zeiten nicht enden wollender religiös begründeter Attentate sehen wir aber nahezu täglich, wie falsch Marx hier lag. Es gibt noch einiges an Religion zu kritisieren, von dem Marx nicht einmal zu träumen wagte. Aus der Vertröstung auf das Jenseits wird bei manchen Fanatikern das Betreiben, dieses Jenseits schnellstmöglich herbeizubomben, indem möglichst alle Ungläubigen oder auch nur geringfügig Falsch-Glaubenden vernichtet werden. Vielleicht stand bei diesem Wandel ein anderer Marxist Pate: Ernst Bloch hat in seinem „Prinzip Hoffnung“ die These entwickelt, dass die zukünftige herrschaftsfreie Gesellschaft, auch wenn sie gesetzmäßig kommen müsse, dennoch durch das Handeln der Menschen hervorgebracht werden müsse. Hoffnung bedeute also nicht, die Hände in den Schoß zu legen, sondern tatkräftig mit anzupacken. Dem jüdischen Philosophen Hans Jonas graute vor dieser Variante der herstellenden Hoffnung und er hielt dem „Prinzip Hoffnung“ das „Prinzip Verantwortung“ entgegen. Anders der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer, der sagte, dass er von Bloch gelernt habe, was Hoffnung sei.

Verwobenheit – und Separierung


Dieser kleine Ausflug in die jüngere Geistesgeschichte zeigt die enge Verwobenheit von Bildung und Religion. Nicht einmal eine vernünftige Religionskritik ist zu haben ohne fundierte Auseinandersetzung mit Religion, selbst der atheistische Marxismus ist mit Judentum und Christentum aufs Engste verbunden. Wenn wir uns mit religiösem Fundamentalismus auseinandersetzen wollen, kommen wir also um religiöse Bildung nicht herum. Zugleich scheint Bildung auch jenes Mittel zu sein, das Fundamentalismus am ehesten den Boden entzieht. Nicht umsonst hat sich die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria die Bekämpfung „westlicher“ Bildung zum namensgebenden Programm gemacht.
Auch in Österreich diskutieren wir derzeit viel über den Zusammenhang von Bildung und Religion. Manchen Kindergärten von islamischen Betreibern wird vorgeworfen, sie fungierten ähnlich wie die von Engels beschriebenen protestantischen Schulen – indem sie gerade