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36/2017 - „Öffentlichen Raum nicht von Religion säubern“
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Ungelesen 06.09.2017, 08:26
„Öffentlichen Raum nicht von Religion säubern“

Religiöse Bildung in Schule und Kindergarten ist wichtig. Darüber sind sich die Religionspädagogen Anton Bucher und Martin Jäggle einig. Bei Fragen von Ethik- und konfessionellem Religionsunterricht dagegen weniger.

| Das Gespräch führten Doris Helmberger und Otto Friedrich
| Mitarbeit: Viktor Martinović


Die Frage von Religion im öffentlichen Raum betrifft auch die Bildungsdiskussion: Wieviel „Religion“ soll es in Bildungsinstitutionen geben? Die FURCHE bat zu diesem gesellschaftspolitischen Anliegen die Religionspädagogen Anton Bucher und Martin Jäggle zum Gespräch.

DIE FURCHE: Im Wahlkampf ist die Frage, ob Religionen und Konfessionen Bildungsinstitutionen betreiben sollen, ein Thema – etwa bei der Aufregung über die islamischen Kindergärten in Wien, ebenso in Bezug auf die Imam-Hatip-Schulen in Wien und Linz. Wie nehmen Sie diese Diskussion wahr?
Anton Bucher: Wir leben in einem freien Staat, wir haben Religionsfreiheit. Und Religionsgemeinschaften haben das Recht, sich in die Bildung einzubringen, auch mit eigenen Bildungsinstitutionen. Ich meine da die, die nicht Abschottungspolitik betreiben, sondern die integrativ und ökumenisch eingestellt sind, die nicht denken: „Wir haben den richtigen Glauben, die richtigen Werte und die anderen nicht.“ Es wäre eine erhebliche Verarmung, würden religiöse Elemente aus dem Bildungsbereich entfernt, da man weiß, dass Kinder von Natur aus religiöse Wesen sind. Riten, religiöse Jahresfeste, Symbole und so weiter sprechen sie an.
DIE FURCHE: Aber müssen sie da eigene Institutionen betreiben?
Martin Jäggle: Es ist ein Kennzeichen demokratischer Staaten, dass unterschiedliche, auch religiöse Communitys Bildungseinrichtungen betreiben. Nur in totalitären Staaten gibt es das nicht. Dass es eine öffentliche Diskussion über solche Einrichtungen gibt, ist ein notwendiger Bestandteil von Demokratie. Für ein Problem halte ich aber den Generalverdacht, dass es schon mit Abschottung zu tun hat, wenn eine gewisse Community eine Bildungseinrichtung betreibt. Wie das Zusammenspiel von Staat und Religion ist, ist eine Qualitätsfrage von Demokratie.
DIE FURCHE: Die aktuelle Diskussion hat vor allem islamische Einrichtungen im Fokus.
Jäggle: Die jüngste Studie des Bertelsmann-Religionsmonitors zeigt, dass Österreich sich durch besondere Islamfeindlichkeit auszeichnet. Das wird jetzt politisch vermarktet. Auf der anderen Seite ist es problematisch, wenn sich islamische Einrichtungen in Österreich abschottend zeigen. Aber das gilt ja für die führenden Einrichtungen überhaupt nicht – die Islamische Religionspädagogische Akademie IRPA ist Teil der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems. In der IRPA ist es schon seit Jahren für alle Studierende Pflicht, die Synagoge zu besuchen. Die islamabweisende Haltung in Österreich zeigt sich etwa daran, dass man in allen möglichen Sprachen maturieren kann, nur nicht in Türkisch. Das ist politisch nicht durchsetzbar. Man muss sich auf den Kopf greifen, wie da eine Politik der Ausgrenzung betrieben wird – und dann sagt man: Die schotten sich ab!
DIE FURCHE: Der Religionsmonitor sagt auch: Ein Drittel der Muslime bleibt unter sich.
Bucher: Das ist ein Wechselspiel – wie bei der Frage nach der Henne und dem Ei. Und Kontrolle ist kein Medium der Kommunikation. Dass es in jedem demokratischen Staat Kontrolle geben muss, ist unbestritten. Sogar die Regierung wird vom Rechnungshof kontrolliert. Aber die Hermeneutik des Verdachts ist in sich ein Problem.
DIE FURCHE: Österreich hat immer betont, einen besonders offenen Zugang gegenüber dem Islam zu haben. Ist das jetzt vorbei?