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38/2017 - Die Arzneien aus dem Tohuwabohu
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Ungelesen , 09:22
Die Arzneien aus dem Tohuwabohu

Warum das Chaos keine Gefahr, sondern eine Quelle der Problemlösung ist und wie die Kunst
der Wissenschaft den Weg dorthin ebnet.


| Von Oliver Tanzer

Es liegt in der Natur des Chaos, dass es sich ganz unlogisch verhält. Je genauer man es betrachtet, umso verworrener stellt es sich dar. Deshalb wohl auch sein schlechter Ruf. Kaum ein Denker, kaum ein Künstler, der sich nicht damit auseinandergesetzt hätte. Die meisten von ihnen färben das Chaos dunkel. Manche sehen darin gar eine Art schwarzes Loch unserer Gesellschaft. Stanisław Lem hat diese Sicht auf den Punkt gebracht: „Es herrscht Chaos. Wir befinden uns auf einer Drehscheibe, die Richtung in die Zukunft ist noch nicht gefunden. Vielleicht muss die Menschheit untergehen, damit eine andere entstehen kann.“
Untergang! Da rinnt dem Menschen in der Krise der kalte Schauer über den Rücken. Wenn die überkommenen und gut bewährten Koordinaten verloren gehen und letzte Sicherheiten entfliehen. So sehen das viele derzeit – uns und unser Haus.
An der Vordertür drohen die Migrantenströme, die Hintertür hat die Digitalisierung längst aufgebrochen und durch das lecke Dach tröpfeln immer noch die Reste der Finanzkrise ins Wohnzimmer.
In all der Düsternis wird nun ein Wahlkampf geschlagen, der in allen Farben Wege zu neuen Ordnungen verspricht. Aber was für Ordnungen! Eine türkise etwa: „Es ist Zeit!“ Aufbruch also, aber wofür denn? Für wen und wohin? Und was werden wir dann dort tun? Die rote Ordnung meint: „Damit Sie bekommen, was Ihnen zusteht.“ Ja, waren wir denn betrogen? Wenn ja, von wem? Von den Regierenden? Also auch von Rot? Das ist Wahlkampf: Überall gibt es Antworten auf nicht gestellte Fragen, aber keine Antworten auf Fragen, die sich stellen würden. So geht es in einem fort, hier in blau gehämmerter „Fairness“, dort unter pink verklebtem „Flügelheben“, ein ganzes Universum an Suggestivvokabeln für schöne, dynamische Illusionen.

Das vorgeschichtliche Wunder

In diesem Umfeld Positives über das Chaos zu schreiben, ist also äußerst schwierig. Man muss schon alles herumdrehen, um diesen Hort der Unordnung auszuleuchten. Immerhin ist Chaos wichtig genug, den zweiten Satz der biblischen Genesis zu besetzen. „... und die Erde war wüst und wirr“. Da haben wir es, das hebräische „Tohu-wa-bohu“, diesen Rohling der Schöpfung. Und bei diesem ersten Vor-Bild ist es nicht geblieben: Im „Kaos“ der griechischen Mythologie und auch in unserer modernen Vorstellung von der Materie vor dem Urknall –verdichtet es sich zu einem gebärenden vorgeschichtlichen Wunder.
Doch selbst diese Eigenschaft konnte seinen Ruf nicht retten. Das Chaos blieb bis heute ein Stoff, der die mühsam von Menschen geschaffene Ordnung zu sich herabzieht. Und tatsächlich haben wir ja immer das Gefühl, das Chaos liege unter uns. Nicht umsonst weiß die Sprache, dass man ins Chaos „zurückfällt“ oder „abgleitet“ in den Dreck, den Tod und die Verwesung, nobler gesagt: ins wieder Ungewordene.
Auf der Oberfläche dieses Morasts scheint die menschliche Vernunft eine prekäre Insel zu sein, auf der ein Leben als Individuum und schließlich das Gemeinwesen möglich ist. Überall, wo Leben ist, ist auch Ordnung. Und wenn man dies einmal zugegeben hat, darf man der Ordnung halber eingestehen, dass unsere Auffassung von Ordnung nicht die einzig mögliche ist. Selbst jene Ordnung, die wir als objektiv und wissenschaftlich bezeichnen.
Hier wird die Sache spannend. Vor allem wenn man prüft, wie und nach welchen Kriterien unser Denken geordnet wurde. Das ist gut bei Aristoteles nachzulesen, bei dem Ordnung mit Erfahrbarkeit und Messbarkeit in eins fällt. Neun Kategorien halten sein Denkgebäude zusammen. Sie fragen nach der Substanz, ihrer Zahl- und Zählhaftigkeit, ihrer Eigenschaft, ihrer Größe und ihrem Größen-Verhältnis, nach ihrer Lage, ihrem Eigner, ihren Bewegungen und ihrem Gebrauch durch andere.

Die fehlenden Kategorien

Nach diesem Vorbild errichten sich die wichtigsten abendländischen Denkgebäude und die wissenschaftlichen und politischen Apparate der westlichen Zivilisation. Leider fragt kaum jemand danach, ob diese Kategorien ausreichen, die Wirklichkeit zu beschreiben. Ein Fehler.
Denn Aristoteles hat alles Unsichtbare und Nicht-Messbare vernachlässigt. Er hat das Denken ökonomisiert und objektiviert, und damit ist gemeint: Er hat es reduziert. Denn in seinem Sinn hat die Zivilisation nicht nur ihren enormen materiellen Reichtum aufgebaut, sie hat auch ihren Sinn für das Immaterielle eingebüßt. Sie hat die Dinge, wenn man so will, erfolgreich entseelt, und diese Seelenhaftigkeit nur noch als Skurrilitäten erhalten. So gab es bis in die 70er-Jahre im US-Bundesstaat New Jersey ein Gesetz, wonach ein Auto, das in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt war, verschrottet werden musste. Sündiges Metall gleichsam.
Dieses Beispiel könnte durchaus seinen Platz in anderen Kulturen finden, die wir als primitiv bezeichnen würden. Andererseits ist der Fetischismus ein gut geübtes Phänomen der Gesellschaft geworden, wenn es bei uns auch unter dem Titel „Mode“ durch Angebot und Nachfrage rationalisiert verhandelt wird. Überhaupt werden hier und da zahlreiche blinde Flecken unseres Denkens manifest, vor allem wenn es darum geht, alles erklärbar zu machen durch die rigiden Instrumente abendländischer Logik.
Dabei nimmt die Ökonomie einen der vorderen Plätze des Versagens ein. Indem sie das Leben in mathematischen Modellen nachbilden will, steht sie in einer alten, aber hoffnungslosen Tradition, die auf das 18. Jahrhundert und konkret auf den französischen Mathematiker Pierre Simon de Laplace zurückgeht. Laplace meinte, man könne in voller Kenntnis eines Systems alle Ordnungen der Zukunft beschreiben und voraussagen. Dieser sogenannte
„Laplace’sche Dämon“ wird gewöhnlich als eine Maschine porträtiert, die den Menschen tatsächlich gottgleich machen würde. Eine reizvolle Fantasie, die – in anderen Wissenschaften widerlegt – in der Ökonomie offenbar weiter ihre Blüten treibt, indem sie etwa dem Wirtschaftssubjekt zuschreibt, mit umfassenden Informationen ausgestattet eine generell marktwirksame „rational choice“ samt dynamisch-stabilem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage entwickeln zu können.

Der Laplace’sche Dämon in der Ökonomie

Die Krisenanfälligkeit unseres wirtschaftlichen Systems ist ein Beweis des Gegenteils und wird trotzdem nicht als solcher anerkannt. So wird die Flucht vor dem Chaos ins Reich der Mathematik zum Paradox, indem die Modelle selbst die Wirtschaft unter Anwendung strengster Logik immer wieder Richtung Selbstzerstörung treiben.
Um wie vieles rationaler würde sich dieses System aber entwickeln, wenn man es, mehr als bisher der Fall, nach den Erkenntnissen von Henri Poincaré entwickelte. Poincaré stand am Ausgangspunkt der Chaosforschung, indem er behauptete, dass man die Dinge niemals genau genug messen kann, um langfristige Voraussagen zu treffen. Dass in jedem Prozess so viele Einflussfaktoren wirken würden, dass sich die Haltbarkeit von Prognosen auf ein Minimum reduzierten. Was wir Zufall oder Unregelmäßigkeiten nennen, ist nach Poincaré bloß unsere Unfähigkeit, alle die auf ein Ereignis wirkenden Faktoren zu erkennen. Mit anderen Worten: Wir weigern uns, das Chaos als ein Feld anzuerkennen, das voll von rationalen Beziehungen steckt, die wir nicht verstehen. Zusammenhänge, die wir auch deshalb nicht verstehen, weil wir unseren Weg, Wissen zu erzeugen und zu entwickeln, in eine Enge geführt haben, aus der wir nur mit Mühe herausfinden können.
Hier rückt letztlich die Kunst als Horizontöffner heran – eines der wenigen Felder, die mit dem Unsichtbaren und noch Unerklärlichen, trotzdem aber offensichtlich wirksamen Phänomenen in Individuen und Gesellschaft umgehen. Die Kunst, die sich auch die Freiheit gibt, sich in die unbewussten Mechanismen und ihre nicht in Formeln fassbaren psychischen Strukturen fallen zu lassen – und das ganz ohne rationale Absichten. Damit öffnet die Kunst mit ihrem Freiheitsparadigma den Weg zurück zu den seit Aristoteles verlorenen Kategorien und schafft neue Ideenschlüssel für lang gewälzte Probleme.
Wenn wir es umdrehen, müssten wir also sagen, dass das Chaos nicht dunkel sein muss, sondern eine Quelle der Inspiration und der Ideen sein kann. Nur deshalb können „Krisen auch Chancen“ sein. Weil der Mensch sich erst dann aus seiner Ordnung hinausbegibt, wenn er sich selbst aus seiner Ordnung wirft. Er blickt dann gleichsam in Schmerzen über sich hinweg. Und sieht ins Chaos, aus dem er Neues schaffen muss. Das ist zugleich die Antwort auf Stanisław Lem: Das Chaos ist keine Bedrohung, es ist voll von Ordnungen und Möglichkeiten und Lösungen. Es ist kein Sumpf unter uns. Es ist eine sublime Sphäre über uns und vor allem vor uns. Und indem wir es wissen, werden wir nicht untergehen.