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Was ist neu an der Neuen Mittelschule?

• Ursprünglich hieß es, Kinder sollten nach der Volksschule nicht zu früh auseinanderdividiert und bis 14 Jahren nach dem Modell der Volksschule weiter unterrichtet werden: Gleiche Schule für alle. Das soll nunmehr in der Neuen Mittelschule offenbar nicht stattfinden. Ist also die ursprüngliche Idee der Gesamtschule falsch? Wenn ja, sollte man nicht schon für die 6-jährigen mit einer „Neuen Volksschule“ beginnen?
• Soziale Gerechtigkeit bleibt zu Recht Forderung der Neuen Mittelschule. Dabei wird Großstadt, besonders Wien, mit weiten ländlichen Räumen in einen Topf geworfen. Auf dem Land gibt es aber viele soziale Aufsteiger, die über Hauptschule und Oberstufengymnasium zu Matura und Hochschule emporklettern. Wem das nicht reicht, der muss zugleich mit der Neuen Mittelschule über die Frage der Lehrer/innen sprechen, nämlich ob es neue Lehrer für die 10- bis 14-Jährigen braucht, ob diese an der Universität oder an der Pädagogischen Hochschule ausgebildet werden sollen und wie die neue Besoldung aussieht. Dieses Thema ist derzeit tabu.
• Die Bestimmungen der Neuen Mittelschule sind schemenhaft bekannt. Sie erinnern mich an die internationale Steirische Akademie „Bildung“, die im Steirischen Herbst 1972 stattfand. Alles, was heute als neu angekündigt wird, ist dort bereits nachzulesen. In der damaligen Aufbruchsphase wurden in Deutschland Schulen verändert, was davon heute gut funktioniert oder nicht, ist unklar. Die Vorkämpfer der Neuen Mittelschule sagen, alles läuft gut, die anderen behaupten das Gegenteil und zitieren die Flucht an besser geführte Privatschulen. Dasselbe gilt für Frankreich und England. Wo ist die Wahrheit?
• Auch in Österreich gab es inzwischen Schulversuche, die dort tätigen Lehrer unterrichteten bei gleicher Bezahlung weniger Stunden als ihre Kollegen in „normalen“ Schulen. Wer berichtet endlich über ihre Ergebnisse? Tatsache ist, dass aus dieser Bewegung einige Modellschulen entstanden sind. Sie laufen dort, wo engagierte Lehrer und interessierte Eltern für motivierte Schüler tätig sind. Sind diese Modelle auf die große Zahl der „normalen“ Schule übertragbar?
• Über einzelne „Visionen“ wäre genauer zu sprechen. Höchst wirkungsvoll dienen sich bei Jugendlichen die Abschaffer von Noten an. Faktum ist, dass mit schlechten Noten von Erwachsenen böser Druck auf Kinder ausgeübt werden kann. Schlechte Schulnoten sollen keine Familientragödien auslösen. Allerdings ist die Benotung auch Vorschau auf das Leben. Überall erwarten dort junge Menschen Bewertungen ihrer Fähigkeiten und Leistungen in Beruf und Freizeit. Es gibt auch nicht wenige, die an fremder Beurteilung für ihre Selbsteinschätzung interessiert sind. Gerade im Bildungssystem sind sogenannte „Rankings“ Mode.
• Verbale Beurteilung gab es bereits im damals abgeschafften Österreich unter Hitler. Später unterrichtete ich selbst an einer Schule, an der es solche Benachrichtigungen an die Eltern gab. Sie können im Lauf der Zeit formelhaft werden und ersetzen keineswegs die mündliche Information von Erziehenden.
• Überraschend findet sich in den Papieren der Neuen Mittelschule „individuelle Förderung“. Sie steht im krassen Gegensatz zur Behauptung, dass die Selektion von Zehnjährigen zu früh komme. Diese individuelle Förderung ist auch keine neue Erfindung. Sie findet sich bereits als „innere Differenzierung“ in den bestehenden Lehrplänen. Ihre Realisierung setzt sehr kleine Schulklassen und hohe Lehrerzahlen voraus, besonders dann wenn jeder Schüler „persönliche Übungspläne“ erhalten soll.
• Wie man die Schulstunden sprengt, ohne permanenten Pendelverkehr auf den Gängen zu produzieren, bleibt zu klären.
• „Fächerübergreifender Unterricht“ ist ein alter Hut. Der Praktiker weiß um seine Grenzen.
• Kompliziert ist das Sitzenbleiben. Wer es abschaffen will, hofft auf hohe Popularität. Die Aussage, dass es bei Betroffenen zu Beschämung und Langeweile führt, ist wohl zu kurz gegriffen. Das Problem verschärft sich für den Aufsteiger, der im höheren Jahrgang erst recht nicht mitkommt. Ob es außer Wechsel von Schule oder Laufbahn oder pädagogischen Maßnahmen noch andere Hilfe gibt, müssen Lehrer und Eltern entscheiden. Apropos Eltern: Es ist nicht zu übersehen, dass der Grund für schwache Schulleistungen oft chaotische Zustände zu Hause sind. Diese Problematik reicht hinein in das Verhalten von gestörten Schülern. Sie beschäftigt Lehrer und Lehrerinnen oft intensiver als der eigentliche Unterricht. Das ist allerdings eine Frage an die erwachsene Umwelt. Auch sie ist tabu. Schule allein kann sie nicht lösen.
• Erfreulich ist, dass die Experten der Neuen Mittelschule für Kunst und Musik plädieren. Ich sehe diese Forderung im drohenden Schlagschatten der nächsten PISA-Hysterie, die sicherlich kommt. Die Aktion PISA ist ein Auftragswerk internationaler Wirtschaft, sie hat den funktionierenden Menschen im Arbeitsprozess im Auge. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Vom ganzen Menschen ist dort nicht die Rede, natürlich nicht von Kunst und Kultur, auch nicht von Sport und nicht von fremden Sprachen, ganz zu schweigen von orientierenden, persönlichkeitsbildenden Fächern.
• Wer Schulnoten abschaffen will, soll PISA-Noten nicht dramatisieren. Es bleibt auch so genug Stoff für künftige Diskussion.
Kurt Jungwirth
Landeshauptmann-Stv. a. D.
kurt.jungwirth@aon.at