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44/2017 - Das Sterben als letztes Projekt?
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Ungelesen 31.10.2017, 06:07
Das Sterben als letztes Projekt?

Nicht nur das Leben, auch den Übergang in den Tod soll man heutzutage „erfolgreich“ absolvieren.
Eine kritische Annäherung an die ars moriendi.


| Von Ulrich H. J. Körtner

Die Zeiten, in denen man von der Verdrängung des Todes in der modernen Gesellschaft sprach, scheinen vorbei. Es ist nicht zuletzt der internationalen Hospizbewegung zu verdanken, dass Sterben, Tod und Trauer heute wieder als Teil des Lebens begriffen werden. Der Buchmarkt floriert, und das Thema ist in den Medien derart präsent, dass die Soziologen Armin Nassehi und Irmgard Saake schon von einer „Geschwätzigkeit des Todes“ sprechen.
Um Begriffe wie ein „Sterben in Würde“ oder ein „selbstbestimmtes Sterben“ kreisen die öffentlichen Debatten. Das gute und würdevolle Sterben ist nicht nur eine Frage der individuellen Lebensführung und des medizinischen Alltags, sondern auch ein Politikum. Man erinnere sich an die Enquete-Kommission des Nationalrats zum Thema „Sterben in Würde“, die 2015 ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Therapiebegrenzung und Therapieverzicht am Lebensende, Patientenverfügung und der Ausbau der Palliativversorgung sind ebenso gesellschaftspolitische Themen wie assistierter Suizid und Tötung auf Verlangen.
Zuletzt hat etwa die Liste Pilz im Wahlkampf ein „Sterbegesetz“ gefordert, das nach dem Vorbild des amerikanischen Bundesstaates Oregon, der Schweiz oder der Beneluxstaaten die Beihilfe zum Suizid wie auch die Tötung auf Verlangen unter bestimmten Voraussetzungen straffrei stellen solle. Selbstverständlich wolle man auch die Palliativmedizin und -pflege weiter fördern, aber das sei nicht genug. Zu einem selbstbestimmten Leben gehöre auch ein selbstbestimmtes Sterben. Wie es ein Recht auf Leben gebe, so auch ein Recht zu sterben, über das der Staat nicht zu verfügen habe. Motto: „Mein Sterben gehört mir.“

Vielfältige Sterbewünsche

Die öffentliche Debatte sollte sich freilich nicht auf Probleme des Strafrechts und der Versorgungsstrukturen in Medizin und Pflege verengen, sondern das Thema einer zeitgemäßen Kultur des Sterbens umfassender in den Blick nehmen. Eine Kernfrage lautet dabei, was Menschen eigentlich unter einem guten Sterben verstehen.
In der pluralistischen Gesellschaft von heute, deren Kennzeichen nicht nur der moderne Individualismus, sondern auch eine Vielfalt kultureller, religiöser und weltanschaulicher Prägungen und Überzeugungen ist, gibt es keine gemeinsamen Überzeugungen vom guten Leben und vom guten Sterben, die fraglos von allen Menschen geteilt werden. Das führt zu Verunsicherungen, etwa im Arzt-Patienten-Verhältnis, aber auch bei Angehörigen des Pflegeberufs, wenn sich beispielsweise die Frage stellt, wie man mit Sterbewünschen umgehen soll, die von Patienten oder Bewohnern einer Pflegeeinrichtung geäußert werden. Die Probleme verkomplizieren sich, wenn nicht nur die ethische Einstellung von Sterbenden oder Sterbewilligen, von Ärzten und Pflegenden, von Angehörigen und gesetzlichen Vertretern, sondern auch die Ethik des Krankenhaus- oder Pflegeheimträgers ins Spiel kommt.
So wichtig es ist, sich mit dem Thema des guten Lebens und des guten Sterbens philosophisch und theologisch auseinanderzusetzen, so wenig lässt sich die Frage, was denn das gute Sterben sei, unabhängig von der konkreten Lebenssituation und der Sicht der Betroffenen allgemeingültig beantworten. Philosophie und Theologie können aber dabei helfen, mit unterschiedlichen und auch widerstreitenden Vorstellungen vom guten Leben und Sterben auf reflektierte Weise umzugehen.

Gutes Essen – guter Tod?

Schon der Begriff des Guten hat unterschiedliche Bedeutungen. Wir kennen den Begriff des technisch Guten. Medizin oder Pflege sind im technischen Sinne gut, wenn jemand seinen Beruf beherrscht und in einer konkreten