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44/2017 - Sterbewelten zwischen Wunsch und Realität
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Ungelesen 31.10.2017, 06:11
Sterbewelten zwischen Wunsch und Realität

Welche Vorstellungen haben schwerkranke, hochbetagte Menschen oder Angehörige Verstorbener
vom „guten Sterben“? Ein Forschungsprojekt sucht nach Antworten.


| Von Katharina Heimerl und Alexander Lang

Sie kennen sicher diese Zahl: 80 Prozent der Menschen wollen zu Hause sterben. Dieser Prozentsatz prägt die Debatte, er wird gern in Zeitungsartikeln zitiert, und er war 2015 auch in der parlamentarischen Enquete „Würde am Ende des Lebens“ von Bedeutung, bei der vor allem der Ausbau der Palliativversorgung im Mittelpunkt stand. Die Frage nach den präferierten und faktischen Sterbeorten (49 Prozent der Menschen in Österreich sterben heute im Krankenhaus, 26 Prozent zu Hause und 19 Prozent im Heim, Anm.) hat auch – quantitative – Forschungsprojekte beschäftigt. Doch solche Befragungen mit vorgegebenen Antwortkategorien kranken an zwei Problemen: Erstens weiß man nicht, was Menschen unter „zu Hause“ verstehen; und zweitens sind jene, die in quantitativen Studien befragt werden, in der Regel noch nicht unmittelbar mit dem Sterben konfrontiert.

29 qualitative Interviews

Wie aber würden jene Betroffenen, die schon am Ende ihres Lebens stehen oder ihrerseits sterbende Menschen begleitet haben, die Frage nach dem „guten Sterben“ beantworten? Was bedeutet „gutes Sterben“ konkret, wo und unter welchen Rahmenbedingungen ist es möglich, wodurch ist es bestimmt und was kann dazu beitragen? Diese Perspektiven sind empirisch bislang überraschend unterbelichtet geblieben. Im Rahmen des Projektes „Sterbewelten in Österreich“ – gefördert vom Jubiläumsfonds der Nationalbank, geleitet vom Institut für Palliative Care und Organisationsethik der Universität Klagenfurt und durchgeführt in Kooperation mit dem Institut für Höhere Studien, dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin der Uni Wien und der Katholischen Privatuniversität Linz – wollen wir diese wichtigen Facetten beleuchten.
Seit Jänner dieses Jahres haben wir 29 qualitative Forschungsinterviews mit Menschen in Tirol, Kärnten und Wien geführt, die konkret vom Thema Sterben betroffen sind – sei es, weil sie fortgeschritten und unheilbar krank sind, sei es, weil sie hochbetagt sind oder weil sie einen Angehörigen beim Sterben begleitet haben. Dabei wurde auch auf unterschiedliche Versorgungskontexte geachtet – vom Alten- und Pflegeheim bis zur häuslichen Versorgung, vom Hospiz bis zur Palliativstation oder ambulanten Palliativversorgung. Bis Juni 2018 werden die Befragungen endgültig ausgewertet sein, doch schon jetzt gibt es erste Zwischenergebnisse.
Das erste Ergebnis betrifft die Frage, warum Betroffene überhaupt über das Sterben reden möchten. Wir selbst standen schließlich vor der Herausforderung, Gesprächspartnerinnen und -partner zu finden, die sich diesem existenziellen Thema stellen wollen. Das eigene Sterben lässt schließlich niemanden kalt. Wir haben sogenannte „Türöffnerinnen“ gebeten, uns zu helfen – professionell Betreuende in Organisationen, die Angehörige in ihrer Trauer oder Menschen am Lebensende begleiten. Manche der Gefragten haben das Gespräch mit uns abgelehnt, viel öfter aber waren wir willkommen. Es gab dabei vor allem drei Motive, mit uns zu sprechen: Das Bedürfnis nach Reflexion; das Bedürfnis, ein Vermächtnis zu hinterlassen, Zeugnis abzulegen; und das Bedürfnis, zur Forschung beizutragen. In fast jedem Interview gab es aber „eine große Erzählung“, einen Grund, warum das Gespräch geführt wird, – zum Beispiel „Ich bin eine Vorzeigegläubige“ oder „Dieses Netzwerk [die Familie] ist wunderbar“.

„Wie“ ist wichtiger als „Wo“

Die zentrale Präferenz eines konkreten Sterbeortes hat sich in unseren Interviews hingegen