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23/2018 - Fuß-Spuren von Sex und Macht
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Alt , 04:45
Fuß-Spuren von Sex und Macht

In den kommenden Wochen wird viel von Fußbällen die Rede sein und wenig von Füßen. Das ist schade. Denn die Geschichten über den Fuß haben viel mehr zu erzählen als jene über den Ball. Ausschweifungen im Universum des belastbarsten Teils des Körpers.


| Von Oliver Tanzer

Die digitale Zukunft ist, so trompetet es jeden Tag begeistert aus allen Kanälen, nicht mehr aufzuhalten. Alles, was heute die reale Welt ist, wird morgen nur noch geduldete Auflagefläche für unsere virtuelle Realität sein, in der wir leben und lieben werden. Hier wird ein Prozessor stehen und dort werden wir Helden sein können und unsere Illusionsräume mit erlebbaren Genüssen ausstatten. Ist das nicht schön? Sogar das, was man heute als Fußball bezeichnet, wird dann wohl Illusionsball werden. Ein Milliardengeschäft, ganz sicher!
Aber haben Sie schon einmal versucht, mit den Mitteln und Errungenschaften der Digitalisierung ein Fußballspiel nachzustellen? Versuchen Sie es – und sie werden schnell nicht mehr an die Zukunft glauben. Nicht weil die Programme unfähig wären, einen Fußball zu simulieren. Nein, das funktioniert perfekt, samt Flatterball-Einstellung und Bananen-Schlenzeffet beim Cornertreten. Mit dem Ball ist da alles okay. Und auch mit den virtuellen Identitäten. Man kann David Alaba sein, oder Ronaldo, oder ein Tormann. Und treten und laufen und foulen und grätschen. Alles gut, möchte man meinen.
Aber die Füße! Es zeigt sich ein vollständiges virtuelles Versagen in dieser Angelegenheit. Denn digitale Füße klumpen. Sie können den Ball nicht streicheln, ihn nicht sanft bewegen und mit einem leichten Touch mit dem Außenrist führen, um ihn im nächsten Moment und ohne Körperdrehung einem Mitspieler zuzurollen und so fort. Sie können bloß schießen, höchstens schlenzen. Punkt.

Die Fuß-Ignoranz der Welt

Das eben Gesagte ist nur eine kleine Einleitung aus der digitalen Wirklichkeit für Geschichten aus einer Realität, die zwar dynamischer sein mag – aber ähnlich ignorant, was das Bein des Anstoßes betrifft. Denn aus Anlass der Fuß-Ball-Welt-Meisterschaft beschäftigt sich die Welt zwar mit den Meistern des Balles, ja. Aber über den Fuß redet niemand.
Und das ist ein großer Fehler. Sportlich, kulturell und philosophisch. Nicht nur, dass wir es hier mit einem Wunderwerk der Evolution zu tun haben, in dem ein Viertel aller Knochen und Knöchelchen eines menschlichen Körpers versammelt sind, zart umhüllt von nicht weniger als 32 Muskeln und Sehnen, mehr als hundert Bändern und durchzogen von 1700 Nervenbahnen. Aber viel wichtiger noch als diese biologischen Superlative ist, dass der Fuß und wie wir mit ihm umgehen mehr über unsere Gesellschaft erzählen kann, als so manche historische Studie. Man kann sogar soweit gehen zu behaupten: Am Fuß kulminieren die Charakterzüge einer Gesellschaft, charakterliches Scheitern inbegriffen.
Aber am Besten man fängt von vorne an. Und vorne ist beim Fuß die Zehe und in erweiterter Hinsicht das Vorurteil, das sich auf mancher Spezialisten-Website wiederfindet. Sind Sie ein Skandinavier oder Germane? Dann haben sie einen sichelförmigen Fußtyp – jedenfalls, wenn es nach der „Phänotypie“ der Füße geht. Als Angelsachse sind sie auffällig, weil ihr Fuß „gerade, schmal und länglich“ ist und einen „dominanten Großen Zeh“ aufweist. Vielleicht eignet sich aber für die Ballbehandlung im Fußball der südliche Fuß am besten, der als „romanischer Fußtyp“ eingetragen ist und schlicht mit „breiter Fuß“ beschrieben wird. Sie könnten aber auch Träger eines „Ägyptischen Fußes“ sein, wenn Ihr Großer Zeh tatsächlich der längste Ihrer Zehen ist.
Aber die Geschichte des Fußes beginnt ja auch nicht erst in diesen rassischen Konstrukten der abendländischen Podien.

Gehende Intelligenz

Sie beginnt dort, wo Hominiden sie selbst wurden, als sie auf Füßen aufrecht zu stehen und zu gehen lernten. Eine romantische Auslegung dieser Revolution ist, dass der Mensch erst auf zwei Füßen das Denken erlernte. Genau genommen wird Wissen bis heute oft nicht lesend ersessen, sondern nachsinnend ergangen. Aristoteles und seine Schüler waren bekannte Peripatetiker, weil sie im „Wandeln“, sozusagen per Pedes weise wurden, eine frühe Form von „Wachstum im Wandel(n)“.
Aristoteles führt uns übrigens zu einem wichtigen antiken Standpunkt, der mit der Moderne in ordentlichem Widerspruch steht. Es geht da um die karge Ernährung, die damals unter den Wissbegierigen oft nur aus Oliven und anderen nährstoffreichen Ölfrüchten bestand (Diogenes Laertios singt darüber manches Lied). Man kann davon ausgehen, dass griechische Philosophenfüße kaum von übermäßigem Körpergewicht belastet waren. Heute tritt man hingegen schon mit einer gewissen Korpulenz ans Leben heran, und die Füße bekommen das zu spüren.
Sie sind der meistbeanspruchte Teil unseres Körpers, so die Ergebnisse der Studien von Nicola Mafulli von der „Queen Mary Universität“ London: Während eines Tages mit durchschnittlicher Bewegung von 8000 Schritten belastet eine 70 Kilogramm schwere Person ihre Sohlen mit 2500 Tonnen Gewicht – was soviel wie einer Handvoll Railjets entspricht. Jedes Kilo Übergewicht wächst sich also in Tagesschnelle zur Tonne aus. Und auf das Jahr gerechnet, produziert ein jeder seinem Gangwerkzeug eine Last von 860.000 Tonnen -– etwa das doppelte Gewicht der New Yorker Freiheitsstatue. Wer redet da noch von Leichtfüßigkeit?
Erstaunlich, dass diese Belastung praktisch unbemerkt an uns vorübergeht. Wenn auch nicht an allen. Vor allem Frauen scheinen extrem gefährdet. Ein Beispiel – apropos Queen Mary. Auf Schloss Windsor sah man kürzlich bei der Hochzeit des glücklichen Herzogpaars von Sussex einen unübersehbaren Auftrieb von Stilettoschuhen an höchstwohlgeborenen Fersen. Wenn die Damen wüssten!
Beim Tragen solcher Absatzschuhe setzt eine Frau von 60 Kilogramm ihre Ferse einem 28 Mal höheren Druck aus, als ein 2,6 Tonnen-Elefant jedem seiner Füße. Warum? Oft gibt es auf solche Fragen die Antwort: „Weil die modische Ästhetik es so will.“ Sicher. Aber woher weiß denn „die Ästhetik“, was sie will für den Frauenfuß? Man landet hier unweigerlich bei der Frage: Welche Funktion haben Absätze überhaupt? Man kann das hier einerseits ganz brachial entwicklungsgeschichtlich beantworten: Absätze machen die Schritte der Frau kleiner und beschränken damit auch ihre Möglichkeit zur Flucht vor dem Raubtier Mann. Aber selbst wir Männer können das subtiler. Und zwar indem wir den Bewegungsraum verkleinern und das Kunst nennen.
Ein Beispiel: Chinas Herrscher Prinz von Wu ließ seiner Tänzerin und Geliebten Yao Niang um das Jahr 975 eine goldene Bühne in Form einer Lotuspflanze bauen, sechs Fuß hoch mit edlen Steinen verziert. Ganz oben an der Spitze befand sich eine winzige Plattform, auf der Niang mit feinen Tüchern in einem Tanz die Wolken am Himmel nachahmte. Und zwar auf der Fußspitze. So soll der Kult der kleinen Füße und des Balletts und – im Sinne der vollkommenen Perversion – das Abbinden der Füße in die Welt gekommen sein. Und im weiteren Sinne der Stöckel der Frau. Die weibliche Bewegung wird auf den kleinstmöglichen Raum, die Fußspitze, konzentriert. Sie wird gleichzeitig fuß- und damit basislos gemacht, eine permanente Gleichgewichtsstörung im Sinne der Schönheit, die sich aufgrund der mehr als „elefantösen“ Belastung oft in ihr Gegenteil verwandelt, bis zum berüchtigten Überbein Hallux valgus.

Fetisch und Neurose

Diese Form kunstvoller Unterdrückung sollte natürlich eine Neurose beim Unterdrücker zur Folge haben. Den Fußfetischismus etwa, der kultisch zu einem seiner Höhepunkte in der Operette „der Bettelstudent“ findet, in der Oberst Ollendorf die Polen preist, die „Champagner aus einem Frauenschuh trinken“. Einer wie Ollendorf hat Sigmund Freud sicher nicht gelesen, der den weiblichen Fuß äußerst eindeutig interpretiert hat und in allen lustigen Ollendorfs champagnerisierende Perverse erkennen würde.
Aber solche Fehltritte gibt es nicht am grünen Rasen. Oder doch? Wenn Sie in den kommenden Wochen Männern beim Fußball zusehen und ihnen langweilig wird, nehmen sie die Worte des Fußballphilosophen Gunter Gebauer: „Im Fußball sind die Füße männlich, auf Eroberung aus. Es ist eine Erotik der Gewalt und der Verführung.“ Aber warum gewinnen dann dabei immer die Deutschen?