Einzelnen Beitrag anzeigen

26/2018 - Achtung für das liebe Vieh
  #1  
Alt , 05:35
Achtung für das liebe Vieh

Die abendländisch-christliche Tradition hielt wenig von der Würde des Tieres. Heute kommt aber auch die Theologie an der Tierethik nicht vorbei.

| Von Martin M. Lintner

„Die Arme eng um den Hals des Pferdes einer Mietkutsche geschlungen, wollte er nicht mehr loslassen. Er hatte gesehen, wie es der Kutscher geschlagen hatte, und dabei einen so ungeheuren Schmerz empfunden, dass er dem Tier sein Mitleid bezeugen wollte.“ So beschrieb der Turiner Journalist Ugo Pavia 1932 die dramatische Szene Anfang 1889, die den Beginn der geistigen Umnachtung von Friedrich Nietzsche markiert. Dass es den Fiakerpferden auf den Straßen Wiens besser ergeht als ihrem damaligen Schicksalsgenossen in Turin, dafür setzt sich die Tierschutzorganisation Vier Pfoten seit Jahren ein.
Und jetzt kommt Innenminister Herbert Kickl und will berittene Polizei: „Noch mehr Pferde in die hektische Wiener Innenstadt zu holen, in eine nicht artgemäße Umgebung, ist weder akzeptabel noch zeitgemäß“, kritisiert Vier Pfoten. Dies sei aus Tierschutzgründen abzulehnen: „Die Tiere werden während der Ausbildung und im Einsatz mit Situationen konfrontiert, die ihrem natürlichen Fluchtinstinkt widersprechen. Lärmende Menschenmengen, körperliches Bedrängen, laute Geräusche, optische Überreizung, Feuer usw., all das verursacht Stress für die sensiblen Tiere.“

Von Wölfen und Menschen

Schauplatzwechsel: Der Sommer in Südtirol verspricht heiß zu werden. Im Herbst stehen Wahlen an. Seit Monaten beherrscht ein Thema die Medien: der Wolf. Er wird die Landtagswahlen entscheiden, titelte das Wochenmagazin ff. Von der Titelseite der auflagenstärksten lokalen Tageszeitung starren fast wöchentlich zähnefletschende Wolfsfratzen. Wieder und wieder werden gerissene Nutztiere abgebildet, übel zugerichtete Kadaver. Die Diskussion um die Rückkehr des Großraubwilds wird mit einer Emotionalität geführt, die Sachlichkeit kaum mehr zulässt. Der Wolf wird nach schlechter Manier der Grimm’schen Märchen als aggressive, blutrünstige Bestie gezeichnet. Gefordert wird ein wolfsfreier Alpenraum, wenn nötig durch die Strategie der drei „S“: schießen – schaufeln – schweigen. Der Landesrat für Landwirtschaft hat eine Petition gegen den Wolf gestartet. Binnen weniger Tage haben Zigtausende unterzeichnet. Problemtiere sollen entnommen, sprich geschossen werden. Die Diskussion wird auch in Tirol, Kärnten, Salzburg ... geführt. Dabei sprechen die Zahlen und Fakten eine andere Sprache. Der Wolfsforscher Kurt Kotrschal beschwichtigt: „Es besteht kein Grund zur Panik. Aufmerksame Gelassenheit ist angesagt.“ Doch auch er räumt ein: Eine konfliktfreie Koexistenz von Mensch und Wolf gibt es nicht. Deshalb fordert er ein flächendeckendes best-practice Wolfsmonitoring.
Dritter Schauplatz: Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat auf der Grünen Woche 2017 in Berlin scharf die miserablen Zustände in der Massentierhaltung kritisiert. Er rügte Schweinemäster, deren Tiere nie Tageslicht sehen, die die Kreatur wie ein technisches Fließbandprodukt behandelten und unter unsäglichen Bedingungen schlachteten. Rinderzüchter würden ihren Tieren brutal Gewalt antun, indem sie sie auf Tausende Kilometer lange Transporte durch halb Europa schickten. Nichts von all dem ist erfunden; es gibt sie zuhauf, die kritisierten Zustände. Bislang waren „kaum je kirchliche Einsprüche gegen die zunehmende Brutalisierung des heutigen Umgangs mit Tieren vernehmbar“, prangert der Wiener Moraltheologe Gerhard Marschütz zu Recht an. Koch jedoch erntete heftigste Gegenreaktionen von Bauernvertretern, sodass sich der damalige Bundesagrarminister Christian Schmidt zur Erklärung genötigt sah: „Bei allem Respekt vor der kirchlichen Stimme: Die Nahrungsmittelproduktion hat eine differenzierte Betrachtung und Diskussion verdient. Deshalb bin ich über manche Schlussfolgerung sehr verwundert. Ich erwarte Fürsorge für die Tiere, aber auch für die Landwirte.“
Drei exemplarische Schauplätze – eine Problemanzeige: Das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren ist zutiefst ambivalent. Während Haustiere verhätschelt und sich die Heimtierhaltung sich zum profitablen Wirtschaftssektor entwickelt, werden Millionen Nutztiere unter Bedingungen gehalten und geschlachtet, die tierethischen Mindeststandards nicht annähernd entsprechen.

Abschied von der Tiervergessenheit

Tierethik ist hochaktuell. Mit Papst Franziskus, der in der Umweltenzyklika „Laudato si’“ vom „Eigenwert“ jedes Lebewesens spricht, ist das Thema auch ein Anliegen der Kirche geworden. Endlich, denn die christlich-abendländische Tradition war von einer verhängnisvollen, vordergründig philosophisch bedingten Tiervergessenheit geprägt. Zwischen den nicht vernunftbegabten Tieren und dem Menschen als animal rationale wurde ein tiefer Graben aufgeworfen.
Biblisch kann diese strikte Dichotomie nicht aufrecht erhalten werden. Nicht dass die Bibel keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier kennen würde, aber sie unterstreicht auch die Schicksalsgemeinschaft zwischen beiden. Aus exegetischer Sicht ist zu betonen, dass die Tiere schöpfungstheologisch wie heilsgeschichtlich ins Gewicht fallen: Sie sind nach der Sintflut ausdrücklich Bundespartner Gottes (Gen 9,10–15), Nutz- und Arbeitstiere kommen in den Genuss der Sabbatruhe (Ex 20,10; Dtn 5,14) und nach Paulus stöhnt die gesamte außermenschliche Schöpfung und liegt in Geburtswehen in Erwartung, dass die Herrlichkeit des in Christus erlösten Menschen offenkundig werde (Röm 8,18–22; Kol 1,12–20).
Als sich Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens in die Wüste zurückzieht, lebte er dort bei den wilden Tieren (Mk 1,13) – eine deutliche Anspielung auf den messianischen Frieden (Jes 11,6–8; 65,25). Handelt es sich bloß um eine herzerwärmende Vision einer vom Fressen-und-gefressen-Werden befreiten Schöpfung? Oder bedeutet es nicht vielmehr, dass auch die Tiere in die Erlösung eingebunden sind und dass der durch Christus erlöste Mensch seinem ursprünglichen Auftrag neu gerecht werden soll, gegenüber allen Lebewesen Fürsorge und Verantwortung zu üben und die Erde als gemeinsamen Lebensraum zu pflegen? Anders ist der in der Geschichte oft missverstandene wie missbrauchte Herrschaftsauftrag in Gen 1,26.28 nicht zu verstehen.

Wie einem Tier gerecht werden?

Die eingangs besuchten Schauplätze machen die Dringlichkeit deutlich, den Umgang mit den Tieren zu ändern. Die Mindestforderung ist, unnötiges Tierleid zu verhindern und Tierwohl zu gewährleisten. Um einem Tier gerecht zu werden, müssen seine artspezifischen sowie individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten respektiert werden. Tiere dürfen nicht bloß auf ihren Nutz- oder ästhetischen Wert oder auf ihre ökologische Funktion reduziert werden. Im jeweiligen Kontext bleibt abzuwägen, wie viel aktiv zu tun ist, um Tieren zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu verhelfen. Hier sind unterschiedliche Verpflichtungen und Verantwortungsgrade gegenüber Wild-, Nutz- und Haustieren begründbar. Dass der Mensch die Natur als Lebensraum mittlerweile derart für seine eigenen Interessen in Beschlag genommen hat, dass die Rückkehr von ausgerotteten Spezies wie Wolf, Luchs, Biber u.a. mancherorts kategorisch abgelehnt wird, ist höchst problematisch. Vielmehr könnten sich diese Arten günstig auf Biodiversität, Ökologie und Wildgesundheit auswirken.
Im heutigen Kontext ist die Tier- eng mit der Konsumenten- und Umweltethik verbunden. Beispielsweise erfordert der konstant (zu) hohe Fleischkonsum die Massentierhaltung. Robert Habeck, Umwelt- und Agrarminister in Schleswig-Holstein, sagt unumwunden: „Wenn man über die Ethik des Haltens und Nutzens von Tieren redet und annimmt, dass jedes Leben einen materiellen Wert hat, dann halte ich die Nutztierhaltung, wie wir sie praktizieren, für ethisch nicht zu rechtfertigen.“ Hinlänglich bekannt sind zudem die mit der intensiven Landwirtschaft verbundenen globalen Zusammenhänge von Abholzung, Futtermittelanbau, Freisetzung von CO2 durch Bodenerosion und Abbau von Humus, Methanemissionen in der Massenrinderhaltung etc.

Kirche sollte Vorreiterin sein

Was tun? Ein erster Schritt besteht im verantwortungsbewussten Konsum tierischer Produkte. Die Kirche sollte hierbei eine Vorreiterrolle einnehmen, als in der Bibel begründete christliche Verantwortung. Es wäre ein starkes, aber überfälliges Signal, wenn kirchliche Bildungshäuser, Klöster, Pfarrhöfe, Pfarrgemeinden usw. konsequent beginnen würden, auf die Herkunft von Fleisch, Eiern, Milch usw. zu achten: Sie sollen ausschließlich von ökologisch und tierethisch qualifizierten Bauernhöfen und nach Möglichkeit aus der eigenen Region stammen, um Lebendtransporte von Tieren bzw. weite Transportwege der Waren zu vermeiden. Das sollte ebenso selbstverständlich werden wie etwa die Mülltrennung.
Zudem ist eine merkliche Reduzierung des Fleischkonsums unumgänglich, auch wenn gerade in Österreich, dem „Land der Fleischtiger“, der Verzicht aufs geliebte Wiener Schnitzel schwerzufallen scheint. „Von einem Tierethiker lasse ich mir doch den Appetit auf Schweinernes nicht verderben“, geiferte unlängst sinngemäß ein Publizist. Es braucht ein Umdenken in der Gesellschaft. So könnte man beispielsweise vegetarische Gerichte als die „normalen“ und jene mit Fleisch als „Sonderwunsch“ kennzeichnen, um einen Bewusstseinswandel zu fördern. Zum höheren Preis von Bio-Produkten ist anzumerken: Bio ist nicht zu teuer, sondern Produkte aus der konventionellen Landwirtschaft sind zu billig, weil die Kosten für die negativen Auswirkungen auf ökologischer, gesundheitlicher und sozialer Ebene nicht verrechnet werden. Bauern und Bäuerinnen, die nach hohen ökologischen und tierethischen Kriterien wirtschaften, haben ein Anrecht darauf, für ihre Produkte und dafür, was sie für das Tierwohl tun, angemessen entlohnt zu werden.
Der erwähnte Konflikt um die Rückkehr von früher ausgerotteten Spezies macht meines Erachtens deutlich, wie dringlich eine breite gesellschaftliche Debatte darüber ist, wem die Natur als Lebensraum gehört und wie wir mit den Tieren als Mitbewohnern des „gemeinsamen Hauses“ umgehen.
Und Kickls Polizeipferde? Sie sind nicht das dringlichste tierethische Problem. Auf sie zu verzichten, wäre dennoch ein Signal – nicht nur, aber auch aus Gründen des Tierschutzes.


| Der Autor ist Prof. f. Moraltheologie der Phil.-Theol. Hochschule Brixen |