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28/2018 - „Ziel ist ein freudvolles Leben“
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Alt , 06:43
„Ziel ist ein freudvolles Leben“

Suchtexperte Michael Musalek über unsere Schwierigkeiten mit dem Genuss, gesellschaftlichen Etikettenschwindel und seine kulinarische Erleuchtungserfahrung.


| Das Gespräch führte Martin Tauss


Dass sich ein Suchtmediziner auch über den Genuss Gedanken macht, ist nur konsequent. Michael Musalek hat in seinem zweibändigen Buch „Der Wille zum Schönen“ sogar diverse Stadien eines sich selbst verstärkenden „Genusskreises“ beschrieben. Die FURCHE hat nachgefragt.

DIE FURCHE: Beim heurigen Medicinicum Lech ist man etwa der Frage nachgegangen, was denn Sucht nun eigentlich ist: Lust, Frust, Suche – oder eine biologisch definierte Erkrankung des Gehirns?
Michael Musalek: Der Begriff „Sucht“ kommt nicht von „Suchen“, sondern von „Siechtum“, und bezeichnet somit einen schweren Krankheits- und Leidenszustand. Deshalb sollte man es vermeiden, den Suchtprozess zu verwässern, was heute leider oft geschieht. Man spricht dann von „Kaffeesucht“, „Zuckersucht“ oder sogar von „Bräunungssucht“. Es gibt natürlich Menschen, die viel zu lange im Solarium liegen und das ist gesundheitlich auch nicht gut, aber es handelt sich noch um keine Suchterkrankung, sondern lediglich um eine Art übermäßiges Verhalten, das die Betroffenen eben schlecht kontrollieren können.
DIE FURCHE: Welche Rolle spielt der Genuss in der modernen Suchttherapie?
Musalek: Da gibt es eine eindeutige Korrelation: Je stärker die Sucht, desto geringer ist die Genussfähigkeit. Und je weniger Genuss, desto größer ist das Risiko für die Sucht. Suchtkranke verlieren ihre Möglichkeiten zu genießen. Der Alkoholkranke genießt den Alkohol nicht, sondern trinkt der Wirkung wegen oder um die Entzugserscheinungen zu bekämpfen. Der Kaufsüchtige kauft nicht aus Genuss, sondern das Kaufen selbst wird zum Antrieb; oft werden ja die Dinge nicht einmal mehr ausgepackt. Genauso ist es bei der Spielsucht: Irgendwann ist das Glücksspiel selbst die treibende Kraft. Die Therapie zielt darauf ab, dass Patienten wieder genießen lernen. Abstinenz ist zwar ein wichtiges Teilziel der Behandlung, aber das eigentliche Therapieziel ist jetzt ein autonomes und freudvolles Leben.
DIE FURCHE: Das heißt der Genuss schützt vor der Sucht?
Musalek: Wenn es „Genuss“ im eigentlichen Wortsinn ist. Unter Genuss verstehe ich das Aufgehen in der Freude: ein komplexer Vorgang, der eine gewisse Vorbereitung braucht, denn man kann nicht im Vorbeigehen genießen. Man muss sich auf die genussvolle Situation einlassen, und man muss letztlich die Kontrolle aufgeben – ohne Hingabe geht es nicht! Dann kommt das Schwierigste: sich beschenken zu lassen. Da scheitern die meisten Menschen. Genießen ist also zunächst ein aktiver Prozess, aber dann passiert es einem, ohne unser Zutun. Das sind die wunderbarsten Momente des Lebens, egal ob das jetzt beim Musikhören ist, in der Natur oder mit einem geliebten Menschen. Dann sind wir wie im Himmel.
DIE FURCHE: In erfüllten Momenten sind wir im wahrsten Wortsinn „zufrieden“: Es gibt keine Unruhe, keinen Wunsch nach Steigerung ...
Musalek: Der große Unterschied liegt zwischen Spaß und Freude. Erich Fromm hat das bereits in den 1970er-Jahren differenziert. Beim Spaß haben wir ein schnelles Gipfelerlebnis, also einen raschen Anstieg eines positiven Gefühls bis zum Höhepunkt. Dann folgt ein rascher Abfall, bis hin zur Tristesse. Und der Wunsch, möglichst rasch wieder hinaufzukommen, um die Tristesse zu überwinden. Das kann sich beschleunigen und wäre der klassische Einstieg für die Sucht. Freude hingegen ist ein Plateau-Erlebnis: Es entwickelt sich langsam, hält aber länger an. Was Fromm damals beklagt hat, ist heute noch viel dringlicher: dass wir so wenig Freude erleben, dass es allein schon sprachlich zur Gleichsetzung von Freude, Spaß und Vergnügen kommt. Die wirkliche Freude geht verloren, das Suchtrisiko steigt.
Furche: Kommen wir zum Genuss als gesellschaftliches Thema: Heute sind wir regelrechten Genussimperativen ausgesetzt, allein durch die vielen Werbebotschaften. Wir werden ständig aufgefordert, über Produkte und Dienstleistungen zu genießen. Aber die Kehrseite scheint ein Anstieg des psychosozialen Drucks und des allgemeinen Stressniveaus zu sein ...
Musalek: Genuss ist oft nur noch das erkaufte Vergnügen auf kurzem Weg. Es gibt unzählige „Genussmenüs“, „Genusshotels“ und „Genussregionen“. Aber wir leben heute in keiner Genussgesellschaft, sondern nur in einer Spaßgesellschaft. Hinzu kommen weitere Etikettenschwindel, die ebenfalls Grund für den hohen Druck und die allgemeine Beschleunigung sind: Wir sprechen von einer Wissensgesellschaft, dabei handelt es sich bloß um Infotainment; und von einer Leistungsgesellschaft, dabei ist es nichts anderes als eine Erfolgsgesellschaft.
DIE FURCHE: Beim Medicinicum Lech wurde auch über „kulinarische Erweckungserlebnisse“ diskutiert: Gibt es auch bei Ihnen so etwas wie das beste Essen Ihres Lebens?
Musalek: Glücklicherweise kenne ich viele solche Erlebnisse, aber das wirklich eindrucksvollste habe ich in einem zenbuddhistischen Kloster in Japan erlebt. Dort gab es ein Mittagessen in einem kargen Speisesaal. Auf dem Teller lagen ein paar bohnenähnliche Dinge, die ich anfangs nicht einmal anrühren wollte. Ein Mönch hat uns angeleitet, achtsam zu essen; die Mahlzeit dauerte dann eineinhalb Stunden. Allmählich hat sich ein ganzer Geschmackskosmos entfaltet, den ich seither nie mehr wieder erlebt habe: Es war das herrlichste Essen meines Lebens, und nachher ist auch nichts davon im Magen gelegen (lacht).