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36/2018 - Von einem, der nach Norden auszog
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Alt , 05:33
Von einem, der nach Norden auszog

Als die Bomber des Zweiten Weltkriegs über Krems kreisten, war Peter Sedlacek ein Kind. Vor 50 Jahren wanderte er nach Schweden aus. Und engagiert sich dort in der liberalen Volkspartei für ein friedliches Europa. Porträt eines Auslandsösterreichers in Skandinavien.

| Von Juliane Fischer

Sie liefen circa 500 Meter von ihrem Haus im Kremser Stadtteil Stein entfernt auf den Luftschutzbunker zu. Über ihnen am Himmel laut dröhnend diese allmächtig wirkenden Geschöpfe. „Ach, was war das nicht aufregend, wenn es auf einmal hieß, wir müssten wieder rennen. Lauf, Peter, schnell da rein in den Keller. Was für ein Abenteuer, sich im Schutzbunker zu verstecken!“, schildert Peter Sedlacek. Als vierjähriges Kind versteht man Krieg nicht. Und doch gibt es nichts, was schon so früh und umso einprägsamer das ganze weitere Leben und Denken beeinflusst. Diese frühen Erfahrungen sind auch der Grund, weswegen er sich heute politisch für ein friedliches Europa engagiert – und das weit entfernt von seiner österreichischen Heimat. In Schweden nämlich, wo am Sonntag die Parlamentswahl stattfindet.

Migration als Wahlkampfschlager

Zehn Jahre nach dem Bombenlauf wurde der österreichische Staatsvertrag unterschrieben. Die letzten Alliierten verließen das Land. Im großen Elternhaus der Sedlaceks waren während der Besatzungszeit bis zu zehn russische Soldaten untergebracht. Peter besuchte das Gymnasium an der Kremser Ringstraße. Im Geschichtsunterricht lässt man Kapitel um die jüngste Vergangenheit aus und so beginnt der Jugendliche, sich auf eigene Faust mit dem politischen Geschehen des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen. Er lernt zu verstehen, dass die „aufregenden Abenteuer“ in seiner frühen Kindheit tatsächlich den Endpunkt einer schrecklichen Zeit in der modernen europäischen Geschichte markierten. Als die Kohle- und Stahlunion entstand und später die EG, die zur heutigen Europäischen Union wurde, verstand man, dass Zusammenarbeit zwischen einstigen Feinden besser ist als Säbelrasseln. 2014 kandidierte Sedlacek für die Wahlen zum Europäischen Parlament. Sein persönliches Hauptargument für diese Entscheidung ist die Europäische Union als Friedensprojekt.
Für die schwedische Riksdagsval kann er sich auf Grund der österreichischen Staatsbürgerschaft nicht aufstellen lassen. Im Stockholmer Reichstag sind 349 Abgeordnete aus acht verschiedenen Parteien vertreten. Am Sonntag werden die Karten neu gemischt. Warum sich der Österreicher für die Folkpartiet Liberalerna engagiert? – „Weil sie für die Freiheit des Individuums ist, aber nicht für eine ungehemmte, sondern für eine verantwortungsbewusste Freiheit. Und weil sie dort auf Staat setzt, wo es notwendig ist, sozial Schwachen zu helfen. Das heißt sozialliberal.“ An mancher Stelle brauche es mehr Staat, an anderer hingegen dringend mehr Freiheit.
Bildung ist bei der anstehenden Wahl eine bestimmende Thematik und es ist auch die Bildungspolitik, die Sedlacek als ehemaliger Uniprofessor für Germanistik am Herzen liegt. Eine missverstandene „Freiheit” habe in Schweden den 1980er und 1990er Jahren zu einem Ausbildungsdefizit geführt, das später mühsam repariert werden musste. „Meine Partei setzt sich auch stark für mehr Ordnung in der Schule ein, was nicht so liberal klingt, aber notwendig ist. PISA hat übrigens Schweden auf diesem Gebiet kritisiert.“
Das wirklich entscheidende Thema im Wahlkampf, zumindest von Medien und Politik als solches gehandelt, ist die Migration. Großzügige Asylpolitik gehört seit Jahrzehnten zu den Grundpfeilern des schwedischen Selbstverständnisses. Das zivilgesellschaftliche Engagement ist hoch: Viele kreative Initiativen fördern Integration und gemeinschaftliches Miteinander in Vielfalt. Und dennoch steht das Land vor großen Herausforderungen. Denn der Integrationsbedarf ist in kürzester Zeit immens gewachsen. Immerhin 163.000 Menschen sind in das nordische Land geflüchtet – bei knapp 10 Millionen Einwohnern –, so viele pro Kopf wie nirgends sonst in Europa. Vorkommnisse wie die Unruhen am 13. August in Göteburg verstärken das Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung: Maskierte haben mehr als 80 Autos in Brand gesetzt, ein 20-Jähriger und ein 25-Jähriger starben bei einer Schießerei.
Ein Aufruhr wie dieser beschert den rechtsnationalen Schwedendemokraten zusätzlichen Zulauf. In der Regierung aus Sozialdemokraten und Grünen markiert eine Pressekonferenz im Herbst 2015 einen Wendepunkt: Premierminister Löfven und die damalige Grünen-Chefin Åsa Romson (unter Tränen) gestanden erstmals eine Überforderung in ihrer Lage ein.

„Reden, aber nicht verhandeln“

Peter Sedlacek macht nervös, „dass die Rechtsradikalen ihre Situation als Zünglein an der Waage ausnützen werden, falls sie die prognostizierten 20 Prozent plus erhalten.“ Umfragen deuten in diese Richtung. Er findet, Liberale, aber auch andere Parteien der bürgerlichen Mitte inklusive die Sozialdemokraten sollten mit den Schwedendemokraten reden, aber nicht verhandeln. „Da gibt es nichts zu verhandeln. Aber sie totschweigen macht sie bloß zu Opfern und Märtyrern und bringt ihnen noch mehr Zulauf. Unser Parteichef Jan Björklund hat dies öfter gesagt: ,Reden ja, verhandeln nein‘ – und dafür Schelte von allen Seiten bekommen.“ Die Liberalen selbst liegen momentan in Umfragen bei sechs Prozent.
In einer Befragung des international tätigen Marktforschungsunternehmens Ipsos zeichnen sich bei den schwedischen Wählerinnen und Wählern drei Hauptanliegen ab: 44 Prozent fanden Gesundheit und Soziales wichtig, knapp hinter Migration mit 25 Prozent gaben 23 Prozent die Umwelt als ihr Hauptanliegen an. Während das Gesundheitssystem Wähler der Moderaten wie auch linken Parteien anspricht, sind unter den Migrationsskeptikern überwiegend Befürworter von Jimmie Åkessons rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Wie überall in Skandinavien gewinnt die Antimigrationspartei an Zulauf. Ein gemeinsames Merkmal dieser Parteien ist ihr „Wohlfahrtschauvinismus“, der Leistungen des Staates nur dem „eigenen Volk“ zugute kommen lassen will, heißt es in einer Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung. In Dänemark und Norwegen sind rechtspopulistische Parteien seit mehreren Jahren in den Parlamenten vertreten und beeinflussen die Politik entscheidend mit. In Schweden gelang den Schwedendemokraten (Sverigedemokraterna, SD) erst bei den Wahlen 2010 der Einzug ins Parlament. Sie erhielten damals 5,7 Prozent der Wählerstimmen und sind seitdem mit 20 Mandaten im schwedischen Reichstag vertreten.
Für Peter Sedlacek und den „Liberalerna“ geht es um ein positives Europabild. Über „die Jungen, die aufwuchsen in einem Schweden der EU“, sagt er: „Sie nehmen diese als selbständiges Beiwerk weit weg von Skandinavien wahr. Zwar sind sie vernetzt wie nie zuvor durch Billigflüge, Skype und Erasmus-Programme, doch welche Auswirkungen und Veränderungen in ihrem Land auf die EU zurückgehen, wird nicht bewusst verstanden“, sagt er. So müsse die Zusammenarbeit zwischen der EU und den nationalen Parlamenten gestärkt werden, um das ferne Brüssel zu den EU-Bürgern zu holen.

Weniger „Schichtendenken“ in Schweden

Sedlaceks politische Laufbahn nahm übrigens mit einem Telefonat mit der Grand Dame der liberalen Partei in Nordschweden ihren Lauf: Ulla Orring – heute 92 Jahre alt – bezeichnet er als seine politische Ziehmutter. „Als sie anrief, war ich gerade in Pension gegangen und am Tag darauf war ich sozusagen nicht mehr in Pension.“ Sein politisches Engagement begann mit den Kommunalwahlen. Zuletzt ließ sich Sedlacek als Schlusslicht aufstellen, um ein Zeichen zu setzen. Denn langsam will er sich aus der Politik auf dem Niveau Stadtrat zurückziehen. „Natürlich bleibt mein politisches Interesse bestehen, aber mit 77 wird man nicht mehr jünger. Außerdem sitze ich in fünf Vorständen, u. a. im Vorstand unserer Oper.“
Von Nordschweden aus verfolgt Sedlacek tagtäglich das politische und kulturelle Geschehen in Österreich. Jeden Tag liest er einige österreichische Zeitungen online. Über die App schaut er die „Zeit im Bild“. „Und was ich da so lese, höre und sehe, macht mich gar nicht froh. Gleich am Anfang des Ratsvorsitzes die Anbiederung an Seehofer mit dem ,Gipfeltreffen‘ in Linz, dann die Ernüchterung, als man verstand, dass die Seehofer’schen Abschiebeasylanten nach Österreich abgeschoben werden könnten“, sagt der Auslandsösterreicher. ”
Gefragt nach den markantesten Unterschieden zwischen Österreich und seiner neuen Heimat, meint Sedlacek: „Der entspanntere Lebensstil in Schweden. Und weniger Schichtendenken. Das schwedische Du kann zwar nicht direkt mit dem deutschsprachigen verglichen werden, markiert aber trotzdem mehr Gleichheit in der Gesellschaft. Das und die Alltagsdemokratie sollte sich Österreich abschauen.“ Was Sedlacek übrigens selbst 1968 in den Norden brachte, waren weder der Wohlfahrtsstaat noch das skandinavische Lebensgefühl. Es war die Liebe zu einer Schwedin und eine akademische Laufbahn an der Universität Umeå.