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37/2018 - Der Gipfel des Win-Lose
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Alt , 06:06
Der Gipfel des Win-Lose

Vor der großen Finanzkrise von 2008 versagte nicht die Moral gegenüber dem Markt. Beide, Markt und Moral, hatten das Nachsehen. Eine Rückschau mit Ausblick.


| Von Lisa Herzog und Jakob Moggia

Als im Herbst 2008 Lehman Brothers-Angestellte, Pappkartons im Arm, das Gebäude ihres bankrotten Arbeitgebers verließen und der Finanzsektor mit Unsummen öffentlicher Gelder stabilisiert werden musste, schlugen die Wellen der Empörung hoch. Nach Jahren des Aufschwungs, der schwindelerregenden Kurssteigerungen und rauschenden After-Work-Partys schien der Tag der Abrechnung gekommen zu sein: ein strenges Gericht über die unmoralische Gier, ein Aschermittwoch nach dem Karneval. Markt und Moral, das schienen Pole, die entgegengesetzter nicht sein konnten.
Wäre diese Diagnose richtig, müsste man heute, zehn Jahre nach der Finanzkrise, feststellen, dass es der Markt war, der am längeren Hebel saß. Zwar wurde einigen schwarzen Schafen, zum Beispiel dem Trickbetrüger Bernard Madoff, der Prozess gemacht, wurden einige Regulierungen verschärft, wird die Bonität der Banken nun regelmäßigen Stresstests unterzogen. Doch allzu viel scheint sich nicht geändert zu haben. Das spekulative Spiel mit Aktien, Verbriefungen und Derivaten geht munter weiter. Manche Beobachter glauben, dass die nächste Krise, diesmal ausgehend von US-amerikanischen Autokrediten, schon vor der Tür steht.

Grundlegende Irrtümer

Doch in den Jahren vor 2008 versagte nicht die Moral gegen den Markt – Markt und Moral hatten beide das Nachsehen. Denn mit einem gut funktionierenden Markt hatte das, was vor der großen Finanzkrise stattfand, nicht viel zu tun. Man hielt diese Prozesse für klassische Marktprozesse, und ging davon aus, dass deshalb nicht allzu viel Moral nötig sei. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes, diese so vielfach missverstandene Metapher von Adam Smith, werde auch dann für gute Ergebnisse sorgen, wenn sich die einzelnen Marktteilnehmer ausschließlich an ihren eigenen Profiten orientieren würden. Schließlich, so die Annahme, sei es die Stärke gut funktionierender Märkte, Geschäftspartner mit sich ergänzenden Interessen zusammenzubringen, in Transaktionen, von denen beide Seiten profitieren. Aber viele Geschäfte des Finanzsektors, die zu der Krise führten, funktionierten nur, weil der Markt versagte.
Einer der Mechanismen, den die Finanzindustrie in großem Maßstab ausnutzte, war die Schaffung von Informationsasymmetrien. Immobilienfinanzierer bündelten Tausende Immobilienkredite zu unübersichtlichen Paketen und verkauften diese dann an andere Banken, Pensionsfonds oder Privatkunden weiter. Viele der Käufer dieser Produkte hatten keine Ahnung, was für Risiken sie sich ins Haus holten (siehe Seite 4/5).
Ein zweiter, damit verbundener Mechanismus, der das Funktionieren der „unsichtbaren Hand“ unterminierte, war das systematische Auslagern von Risiken an Dritte. Schon vor der Krise konnten sich viele Finanzinstitute nur so günstig Geld beschaffen, weil man davon ausging, dass der Staat sie bei einer drohenden Pleite retten werde. Zu groß wäre die Gefahr eines Bankrotts eines „too big to fail“-Instituts für das gesamte Finanzsystem. Die Gewinne der Banken spiegelten deshalb nicht das freie Spiel der Märkte wieder, bei dem Rendite und Risiko aneinander gekoppelt sind. Die Preise und das Risikoverhalten waren dadurch verzerrt, dass ein Teil der Haftung auf die Steuerzahler abgewälzt werden konnte. Und tatsächlich mussten diese dann in vielen Ländern für die entstandenen Probleme geradestehen.

Hohes Erpressungspotenzial

Bürger und die Medien waren verblüfft, mit welcher Leichtigkeit Geldsummen mobilisiert werden konnten, die bei der Bildung oder der Rente ständig zu fehlen schienen. Auch heute noch haben Banken durch ihre Relevanz für alle anderen Teile der Wirtschaft große politische Macht. Im Falle einer erneuten Krise wäre ihr „Erpressungspotential“ gegenüber den Staaten hoch. Auch manche Geschäfte mit den Informationsasymmetrien zwischen Banken und Kunden finden weiterhin statt. Besonders in Großbritannien werden zurzeit in großem Umfang Konsumkredite zu Wucherzinsen vergeben, bevorzugt an Menschen aus bildungsfernen Schichten, die wenig von den Produkten verstehen, die ihnen angeboten werden.
Die grundlegendste Einsicht aus der Finanzkrise ist eine, die man auch schon bei Adam Smith finden könnte, wenn man ihn denn in seinem historischen Kontext versteht: die sogenannte „unsichtbare Hand“ fällt nicht vom Himmel. Wenn überhaupt, kann sie nur wirksam werden, wenn ein sorgfältig austariertes Regelwerk die vielfältigen Formen des Marktversagens verhindert. Nur dann kann aus der Gewinnerzielungsabsicht der Einzelnen gemeinwohlförderliche Effizienz entstehen – weil dann „win-lose“-Geschäfte vereitelt, und nur noch „win-win“-Geschäfte zugelassen werden.
Aber ist das alles, was man sich von der Finanzindustrie erhoffen darf? Das Gebot der Nicht-Schädigung, das in der Verhinderung von Marktversagen zum Ausdruck kommt, ist ein Minimalstandard der Moral, nicht gerade ihre höchste Ausprägung. Von einer Branche, die so viel Schaden angerichtet und so viel öffentliche Unterstützung erfahren hat, darf man mehr erwarten – insbesondere von den Banken, die bei der Bonanza vor 2008 ganz vorne mit dabei waren. Manchmal heißt es, einzelne Unternehmen könnten angesichts der Wettbewerbssituation nichts zu einer Verbesserung der Moral im Markt beitragen. Doch hier können Branchenverbände Abhilfe schaffen: sie können erreichen, dass soziale Normen eingehalten und Abwärtsspiralen durch Konkurrenzdruck verhindert werden.
Dabei greift auch ein funktionalistisches Argument, das von der Ausdifferenzierung finanziellen Fachwissens ausgeht. Unsere Wirtschaftssysteme sind hochgradig arbeitsteilig; das Wissen darum, wie man Finanzprodukte sinnvoll, zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme, einsetzen kann, konzentriert sich in den Händen hochspezialisierter Expertinnen und Experten. Wer, wenn nicht sie können dazu beitragen, dass man, wenn man das Wort „Finanzsektor“ hört, nicht an skrupellose Gier und Rücksichtslosigkeit denkt – sondern an Instrumente zur günstigen Finanzierung und fairen Risikoabsicherung wichtiger Projekte für moderne Gesellschaften.
Die westlichen Gesellschaften altern, Klimaveränderungen bringen neue Kosten und Unsicherheiten hervor, und während durch den Einsatz von Robotern und Algorithmen immer mehr Menschen im Laufe ihres Lebens einen neuen Beruf erlernen müssen, steigen die Mieten und Wohnungspreise in Städten rasant an. Bei all diesen Herausforderungen könnten Finanzinstitutionen eine wichtige und sinnvolle Rolle spielen.

Gesucht: Soziale Problemlöser

Dazu braucht es jedoch einen Sinneswandel. Profite einzusammeln, wo auch immer ein versagender Markt es zulässt, ist nicht akzeptabel. Banken, Fonds und Versicherungen müssen anfangen, sich als soziale Problemlöser zu verstehen. Seit Jahren wird hierfür der Begriff der „corporate social responsibility“ verwendet, der Verantwortung von Unternehmen gegenüber der Gesellschaft. Diese Verantwortung darf jedoch nicht einfach in eine Abteilung ausgelagert werden und sich darin erschöpfen, im Büro Papier zu sparen und an lokale Fußballvereine zu spenden. Das Wohl der Gesellschaft muss auch im Kerngeschäft eine größere Rolle spielen. Wichtig ist jedoch auch, dass die Branche aufhört, sich mit aller Kraft und mit Verweis auf angeblich klamme Kassen gegen eine angemessene Regulierung zu stemmen. Es gibt zwar einige Banken, die versuchen verantwortungsvoller zu wirtschaften. In Konkurrenz zu Geldhäusern mit laxen ethischen Standards haben sie es jedoch schwer
Die Finanzkrise war der Gipfel einer Kultur des „Win-Lose“. Zehn Jahre danach hat der akute finanzielle Druck auf Banken und Versicherungen nachgelassen. Damit ist jetzt die Zeit gekommen, in der diese Unternehmen unter Beweis stellen müssen, dass sie eine wichtige und legitime gesellschaftliche Rolle erfüllen wollen: dass sie Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sind.


| Lisa Herzog ist Professorin an der Hochschule für Politik (HFP) in München. Jakob Moggia ist
Doktorand an der HFP.
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