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Gesamtschule – wozu?

Sehr geehrter Herr Mitlöhner!
Ich habe unlängst meine Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lehrerlebens gemacht habe, niedergeschrieben und erlaube mir diese Gedanken an Sie weiterzuleiten. Ihr ausgezeichneter Leitartikel regt mich dazu an. Vor allem bin ich überzeugt, dass für die Entscheidung Gym oder HS nicht der IQ entscheidend sein sollte, sondern die Frage, ob das Kind vom Typ her eher intellektuell oder praktisch veranlagt ist. Das wird im Text genauer begründet. Jedenfalls ist die HS kein Hindernis für die Matura. Sie ist genau genommen heute schon eine Gesamtschule. Ja, so weit schon ein paar Gedanken voraus!

Gesamtschule – wozu?
Zuerst vier Vorbemerkungen.
1.) Der Verfasser dieser Stellungnahme hat 21 Jahre als AHS - Lehrer an einem Oberstrufenrealgymnasium hinter sich, in einem Gymnasium also, dessen Schüler (14 bis 19 Jahre alt) fast ausnahmslos aus den Hauptschulen der (ländlichen) Umgebung kamen und hat weder von Kollegen noch von Schülern je eine Klage gehört, dass die Schüler aus diesem Grund in irgend einer Weise schlechter (dran) gewesen wären, als jene aus 8-jährigen Gymnasien.
Wer im 11. Lebensjahr in eine Hauptschule eintritt, hat keineswegs eine Entscheidung getroffen, die sein ganzes weiteres Leben auf eine falsche Spur lenken würde. Dieses Argument ist ein Schuss neben die Scheibe. Damit löst sich aber das Hauptargument der Gesamtschulbefürworter in Nichts auf. Die selbsternannten Schul„experten“ übersehen das natürlich. Die Frau Unterrichtsministerin könnte – sollte – wird es wissen, bedenkt es ev. zu wenig. Sie sollte sich möglichst bald gründlicher informieren.
2.) Man hat vielfach vergessen, dass die Matura nichts anderes bedeutet als Hochschulreife. Gymnasium ist die Schule für jene, die auf die Uni wollen.
Zu viele besuchen das Gymnasium, die nicht im Traum an ein Universitätsstudium denken, sondern nichts sehnlicher wünschen, als „das Sch…gymnasium“ hinter sich zu bringen, weil sie es nur auf Wunsch ihrer Eltern besuchen müssen, denen es eine Frage des Prestiges ist.
Damit muss man Rainer Domisch recht geben, dass manche Schüler in die falsche Schule gehen. – Fast immer Schuld der Eltern.
3.) Einen Punkt gibt es, in dem alle ausnahmslos einer Überzeugung sind. Jedes Kind sollte die bestmögliche individuelle Förderung bekommen. Dass Einzelunterricht nicht möglich ist, versteht jeder, aber dass kleinere Schulklassen dafür eine bessere Voraussetzung böten als größere ist unbestreitbar, wird nur von Politikern gern verschwiegen, weil sie dabei sofort an die höheren Kosten denken. Leugnen können sie es nicht.
4.) Erschwerend für die Diskussion ist, dass zu viele Menschen mitreden, die mit Schule kaum etwas zu tun haben. Ich denke an Juristen, (Partei)politiker, Journalisten, Ökonomen und auch Pädagogen – genannt Experten - die noch nie oder schon lange nicht mehr unterrichtet haben.
Zur Sache!
Die Frage, ob ein Kind nach der Volksschule in die Hauptschule oder ins Gymnasium eintreten soll, wird gewöhnlich nach dem Notendurchschnitt entschieden. Die Gescheiten ins Gym, die – ganz salopp gesprochen – Dummen in die Hauptschule. Das klingt einleuchtend, ist aber genauer betrachtet zu einfach und wertet die Hauptschule ungebührlich ab.
Nicht wenige hochintelligente Schüler bekannten mir im Oberstufengymnasium, dass sie eigentlich die Lernerei satt haben und viel lieber einen handwerklichen Beruf ergreifen möchten. Der gute Notendurchschnitt in der Hauptschule hat die Eltern dazu verleitet, ihr Kind ins Gymnasium zu schicken. Ein hoher IQ sagt nicht alles aus über Eignung und Neigung eines jungen Menschen.
Ins Gymnasium (schon die Unterstufe) gehören jene Jugendlichen, die sagen könnten: „Zwar weiß ich viel, doch möchte ich alles wissen“ (frei nach Goethes Faust). Sozusagen der Typ des Intellektuellen, der kein beschriebenes Blatt Papier ungelesen liegen lassen kann. Uni-Aspiranten!
In die Hauptschule gehören jene, bei denen nicht klar genug ist, ob intellektueller oder praktischer Typ und jene, die man zum Erledigen der Hausaufgaben mehr oder weniger vergattern muss, die wenig Lernwillen, dafür aber eher handwerkliche Neigungen zeigen, auch wenn sie durchaus intelligent sind. Das kann bei 10-Jährigen oft der Fall sein. In den 4 Jahren der Hauptschule kristallisiert es sich gewöhnlich heraus, ob Gymnasium mit Ziel Uni oder aber ein handwerklicher Beruf das Richtige ist. Auch ein Handwerker darf sehr wohl Grips haben. Ein hoher IQ braucht kein Hindernis für einen Handwerksberuf sein. (Hoffentlich!!!)
Erst hier, im Alter von über 14 Jahren fällt diese Entscheidung und ist auch da nicht unwiderruflich.
Genau das ist der unschätzbare Vorzug unseres derzeit praktizierten Schulsystems:
Hier muss daran erinnert werden, dass es auch die berufsbildenden mittleren und höheren Schulen mit mannigfaltigsten Zielsetzungen gibt und dass mit der AHS-Matura kein Beruf erlernt ist, sondern „nur“ gute Voraussetzungen für viele (nicht nur akademische) Berufe gegeben sind.
Auch diese Weiche wird erst nach der Hauptschule im Alter von 14 keineswegs mit 10 Jahren gestellt.
Das ist aber ein anders Thema.
Es mag schon sein, dass Kinder aus sozial schwächeren Schichten weniger in Gymnasien anzutreffen sind als besser gestellte. Da im Pflichtschulalter kein Schulgeld zu bezahlen ist, kann es an der Finanzschwäche nicht liegen.
Der Grund dafür ist darin zu finden, dass in sozial schwächeren Familien intellektuelle Berufe vielfach geringeres Ansehen genießen: Der Bub soll was „Gscheites“ lernen und nicht ewig in der Schule herumhocken, sondern soll sich sein Geld selber verdienen.
„Bildungsferne Schicht“ wird das genannt.
Hier kommt allerdings doch auch die soziale Schwäche zum Tragen, denn wenn das Kind eine weiterführende Schule besucht, „sitzt es den Eltern länger auf der Tasche“, was natürlich durch Stipendien u. dgl. nicht voll ausgeglichen werden kann, denn es fällt dabei jedenfalls jenes Geld weg, das vom Kind in einer Lehre verdient würde und das Familienbudget entlasten könnte. Diesbezüglich müsste sich der Gesetzgeber etwas einfallen lassen, wobei zu bedenken ist, dass nicht allzu viele Familien finanziell so extrem schwach sind, dass sie auf das Geld angewiesen sind, das ein Lehrling nach Hause bringt. Umso leichter könnte der Staat in solchen Fällen großzügig sein.
Wenn die Entscheidung im Alter von 10 Jahren noch nicht gut möglich ist, kann das Kind in die Hauptschule gehen und nachher von dort genauso gut ins Oberstufengymnasium wechseln wie aus der Unterstufe des Gym. Der Lehrplan beider Schultypen ist wortident und der Wechsel von der Hauptschule ins Oberstufengymnasium (oder auch ins berufsbildende Schulwesen) nicht das geringste Problem.
Aber wenn bei einem Zehnjährigen schon eindeutig klar ist, dass es sich um einen intellektuellen Typ handelt, der für ein Uni-Studium in Frage kommt, warum soll der nicht gleich schon eine Schule besuchen, die auf Uni ausgerichtet ist?
Wer sich dementsprechend schon mit 10 Jahren eindeutig als intellektueller Typ erweist, tut gut daran, in die Unterstufe des Gymnasiums einzutreten, denn dort wird beispielsweise auf
• Sprachen (auch Latein und Griechisch) größerer Wert gelegt als in der Hauptschule,
• es kann mehr Stoff – über den Kernstoff hinaus – behandelt werden,
• es zielt bewusst stärker auf das Universitätsstudium hin,
• kurzum, es entspricht insgesamt dem intellektuellen Typ besser.
Das ist aber keineswegs zwingend.
Bei vielen anderen stellt es sich erst im Laufe der Hauptschule heraus, dass sie die Hochschulreife erreichen können. Diese können ins Oberstufengymnasium übertreten und auf die Uni weitergehen.
Der Gefahr, dass manche Intellektuelle in praktischen Dingen völlig hilflos werden, muss dadurch gegengesteuert werden, dass praktische Fächer wie Werken etc. im Lehrplan des Gymnasiums nicht vernachlässigt werden.
Ob Gesamtschule oder unser zweigliedriges System, das ist kaum von Bedeutung, denn ohne Differenzierung geht es in keiner Schulform, wenn eben jede/r Einzelne bestmöglich individuell gefördert werden soll.
Es kommt in beiden Formen darauf an, was daraus gemacht wird.
Auch Länder mit Gesamtschule liegen in der PISA-Studie deutlich schlechter als Österreich.
Unsere Hauptschulen – hier denke ich an ländliche Regionen – sind im Grunde heute schon eine Art Gesamtschule.
Vielleicht sollte die interne Differenzierung noch ausgebaut werden; das kann ich als AHS-Lehrer nicht gut beurteilen.
In Großstädten mögen die Verhältnisse anders liegen und ich sehe die Gefahr, dass Wiener Verhältnisse auf ganz Österreich übertragen werden könnten. (Dies geschieht gar nicht selten auch auf anderen Gebieten.)
Eine andere Gefahr sehe ich darin, dass manche meinen, man müsse es FÜR ALLE GLEICH machen.
Die Menschen sind nun einmal nicht alle gleich, sondern ungemein verschieden.
Gleiche verschieden zu behandeln ist ungerecht; Ungleiche gleich zu behandeln ist genau so ungerecht.
Unsere Kinder brauchen nicht alle die gleiche Schule, sondern jedes die PASSENDE Schule.
Da Einzelunterricht nicht möglich ist, müssen gleichartige Schüler in „möglichst passenden“ Schultypen zusammengefasst werden.
Studien wie PISA sind Momentaufnahmen und dürfen nicht überbewertet werden. Bei uns war damals diese Studie allerdings den Oppositionsparteien eine willkommene Gelegenheit, um die Unterrichtsministerin anzugreifen.
Aus diesem Grund wurde der Studie so HOCH GESPIELT.
Jetzt zu meinen, die Gesamtschule löse alle Probleme, ist eine Schnapsidee.
• Möglichst kleine Klassen,
• interne Differenzierung nach Eignung und Neigung durch frei wählbare Fächer,
• gute Lehrpläne,
• gute Ausstattung der Schulen (da meine ich nicht alle 15 Jahre neue Möbel),
• noch bessere Ausbildung der Lehrer,
• Hebung des Ansehens des Lehrberufes
bestimmen die Qualität unserer Schulen.
Umstellung des ganzen Systems würde nur
• Unruhe in die Schulen tragen,
• beträchtliche Kosten verursachen,
• keinerlei praktischen Nutzen bringen und
• die Begabtenförderung eschweren.
Ein Problem bleibt allerdings bestehen: Wie sage ich es den Eltern? Diese sind fast immer dafür verantwortlich, wenn ein Kind im Alter von 14 Jahren in die falsche Schule oder wenn ein/e Zehnjährige/r ohne die entsprechende Eignung ins Gymnasium eintritt. In den Augen mancher Eltern ist das Gymnasium offenbar das höchste der Gefühle und so wollen sie zwar „das Beste für ihr Kind“, wählen aber nicht das Passende und sehen dabei oft nicht, dass sie ihr Kind auf eine falsche Spur bringen.
Die Hauptschule ist nie die falsche Schule, denn sie hält alle Wege offen.
Die entscheidende Frage: Müssen wir die Eltern für so unbelehrbar halten, dass sie es sich nicht sagen lassen werden, dass sie in erster Linie darauf achten sollen, was für ihr Kind das Passende ist.
Es gibt nichts Besseres als das Passende!
Eine zweite Seite der Medaille ist die Einschätzung durch die Gesellschaft. Ein Mensch mit Matura scheint weithin geachteter zu sein als einer ohne diese.
Wenn ich sehe, wie weitgehend z. B. Umweltbewusstsein schon Allgemeingut geworden ist, - vorwiegend ein Verdienst der Medien - dann glaube ich es nicht, dass nicht sowohl die Eltern wie auch die Gesellschaft begreifen werden, worum es geht; vielleicht einige wenige wirklich Unbelehrbare ausgenommen. Soll man ihretwegen das ganze Schulsystem umstellen? Eventuell könnte man eine PR-Firma dafür engagieren: Matura für den intellektuellen Typ!
Da muss ich anmerken, dass der Besuch des Gymnasiums nicht auf jene, die auf die Uni wollen, beschränkt werden darf.
Jede(r) soll DÜRFEN, wenn sie (er) Interesse und Eignung hat. Auch eine Kellnerin oder Krankenschwester soll Matura haben DÜRFEN.
Möglichst umfassende Allgemeinbildung für möglichst viele Menschen!
Das könnte man wünschen, aber nicht gegen den eigenen Willen der Betroffenen verlangen!
Dass z. B. für Kindergärtner/innen die Matura verlangt wird, halte ich für ungut, denn es können oft auch junge Leute für diesen Beruf bestens geeignet sein, die aber die Matura nicht schaffen. Sie scheiden leider aus, trotz bester Eignung. Oder soll das Maturaniveau gesenkt werden?
Und nochmals!
Wer damit argumentiert, im Alter von 10 Jahren könne man den Bildungsweg noch nicht festlegen, der beweist nur, dass ihm die einfachsten Kenntnisse über das österreichische Schulsystem fehlen. Die Zahl jener Maturanten, die aus Hauptschulen kommen ist größer als die Zahl jener, welche aus der AHS-Unterstufe kommen.
Wozu also Gesamtschule?
Wenn es unbedingt aus ideologisch/politischen Gründen – denn andere gibt es nicht – die Gesamtschule sein muss, dann in der Art der Hauptschule mit Leistungs- und Neigungsgruppen. Es müssten dann halt auch jene Schüler, die mit 10 Jahren schon deutlich ihren intellektuellen Typ zeigen, dorthin gehen. Ob dann eine vierte Leistungsstufe, die auf Hochschulreife abzielt, angezeigt wäre?
Schließlich noch meine Erfahrungen mit meinen eigenen Kindern:
Mein Sohn (Jg. 1963) wollte Tierarzt werden, das Zeugnis der VS war gut genug für das Gym, sein Typ kann nicht intellektuell genannt werden. Im Untergymnasium hatte er einfach nicht den nötigen „Biss“, schied aus, wurde Tischler, lebte auf und ist inzwischen Briefträger. Meine Bemerkung, jetzt wäre Matura doch vorteilhaft, bekam zur Antwort: „Ja, dann müsste ich aber in einem Büro sitzen.“
Meine erste Tochter (Jg. 1968): Nach der VS in die HS und dann in die HBLA mit Matura, längste Zeit keine klare Entscheidung und schließlich Sozialpädagogin, sehr zufrieden als Erzieherin.
Meine zweite Tochter (Jg. 1970): HS, anschließend Oberstufengymnasium, Matura und Pädak und VS-Lehrerin. Sie hatte keinerlei Nachteil im Vergleich mit
meiner dritten Tochter (Jg. 1971), die von Anfang an ins Gymnasium ging, auch Pädak machte und jetzt HS-Lehrerin ist.
Prof. J. Georg Simmerstätter
6300 Angerberg, Unholzen 23
josef.georg@aon.at