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Vorweg zwei Punkte aus Ihrem Kommentar, die mir als besonders wesentlich erscheinen. Zunächst die „Elitenbildung“, eine Fragestellung die für sich schon ideologiebesetzt – historisch belastet und sehr unterschiedlich interpretierbar – ist, sowie damit im Zusammenhang die Fragestellung ob Elitebildung mit der so wichtigen Entscheidung für den Bildungsweg (Lebensweges) im 10. Lebensjahr einher gehen muss. Hier fühlt man sich natürlich als einzelne Person überfordert und ist eher dazu geneigt der betroffenen Person, nämlich dem Kind, d. h. der Schülerin und dem Schüler mehr Möglichkeit der Mitentscheidung über den eigenen Bildungsweg einzuräumen. Vom Prinzip des höchste möglichen Maßes an Selbstbestimmung ausgehend ist natürlich das 10. Lebensjahr kein optimaler Zeitpunkt.
Zweitens Ihre Feststellung, dass „Schule zunehmend schwerer lebbar wird“, was Sie als wirklichen Kenner der Situation ausweist. Hier denke ich an einen Vortrag des viel zu früh in den Ruhestand abgegangenen Präsidenten des Stadtschulrates für Wien, Dr. Kurt Scholz, der einst im Rahmen eines Vortrages festgestellt hat, dass man dem Schulwesen in Österreich die Herkunft aus dem militärischen Bereich (Maria Theresia) noch zu sehr anmerkt, d. h. gewisse Elemente mit einem demokratischen Staatswesen nicht gut verträglich sind. Das Schulunterrichtsgesetz von 1974 hat den Lehrern zum hierarchischen Druck „von oben“ noch den Basisdruck „von unten“ beschert. (Hier sind Querverbindung mit der römisch-katholischen Kirche mit deren Traditionen aus Zeiten absoluter monarchischer Herrschaft, wie Kleidung und Machtsymbolen und dem hierarchischen Druck auf Priester „von oben“ und dem Basisdruck der Pfarrgemeinderäte „von unten“, erkennbar.) Ein amerikanischer Historiker und Schriftsteller hat diese Relikte – neben mehreren anderen – für Österreich und Deutschland als ein hohes Maß an Obrigkeitshörigkeit und eine Grundlage für den Erfolg des Nationalsozialismus festgemacht.
Vertreter der ÖVP, die sich – ganz besonders anlässlich hoher Feiertage – gerne als Christdemokraten bezeichnen, haben noch immer nicht realisiert, wie sehr die frühe Selektion von Kindern im Widerspruch zu jenem Menschenbild steht, das ihre und immer auch noch meine Partei vertritt. Die frühe Trennung – im 10. Lebensjahr – ausschließlich als leistungsfördernd wahrzunehmen und die vielen erziehungswissenschaftlich längst belegten Nachteile zu übersehen, ist kein Ausdruck von emphatischer Wahrnehmung der Wirklichkeiten von Kindern. Der „Funktionärssprech“, nämlich „Differenzierung“ versus „Einheitsbrei“ ist ein kläglicher Versuch die komplexen Zusammenhänge von veränderten Familienstrukturen, gesellschaftlichen Veränderungen, Wirtschaftsdynamik und Schulsystem auf einen zu einfachen Nenner zu bringen und darüber hinaus eine Diskriminierung der Volksschule in der Schülerinnen und Schüler aller gesellschaftlichen Gruppen und verschiedenster Intelligenzniveaus und Begabungen in einer Klasse sitzen. Jedenfalls gilt dies, wenn man Privatschulen und einige wenige Nobelbezirke zunächst einmal ausklammert und hier muss man sich um die Wissensbildung ohnehin wenig Sorgen machen. Mit der „Herzens- und Gewissensbildung“ darf man in dieser konkurrenzdominierten von Globalisierungsängsten gezeichneten Stimmung ohnehin „nicht mehr daherkommen“, will man nicht als romantischer Nichtsversteher“ abqualifiziert werden.
Allerdings beklagen sich genau jene Personen die meinen mit „tiefen Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge“ ausgestattet zu sein, nicht selten über die „Schlechtigkeit der Welt und des Menschen überhaupt“. Möglicherweise weil ihnen selbst ihre eigene „Tüchtigkeit“ schon längst der Blick für die „Sorgen, Nöte anderer Menschen“ verstellt hat, d. h. ihnen ihre eigene Erfolgsgeschichte die Empathiefähigkeit geraubt hat.
Um die Jahrzehnte währenden Versäumnisse durch Funktionärs- und Denkblockaden aufzuheben, hier drei Vorschläge für die ersten Reformschritte. Erstens die Zerschlagung der partei- und standespolitisch dominierten Landesschulräte und nicht deren Aufwertung, als weiteren Schritt die Reduzierung der Zahl von dienstfreigestellten Personalvertretern und Gewerkschaftsfunktionären sowie deren Beschränkung auf ihre wirklichen Aufgaben. Drittens eine Lehrerausbildung die eine mindestens einjährige Tätigkeit ausserhalb des „Lebenslabors“ Schule bzw. Universität vorsieht.
Natürlich wäre auch die SPÖ glaubwürdiger, wenn nicht gerade die Kinder ihrer höchsten Repräsentanten das öffentliche Schulsystem durch den Besuch von Privatschulen umgingen, weil ja gerade ihr Kind die Begabungen für „eben diesen Schultyp“ mitbringt. Schon bei den Ansätzen zu Schulreformen in den 70er konnte dieses Phänomen der besonderen „Begabungen“ der Kinder von höchsten SPÖ – Funktionären, die eben nur in bestimmten Privatschulen gefördert werden konnten, beobachtet werden. Nicht selten entstand dabei der Eindruck hier handle es sich nicht so sehr um die Förderung von besonderen Begabungen, sondern um eher um den Versuch einer späteren Kompensation von missglückter antiautoritärer Erziehung. In einzelnen Fällen mag es auch das Abschieben der Wissensvermittlung und Bildung für den eigenen Nachwuchs zur Gänze an eine Institution sein bzw. gewesen sein, um die spärliche eigene Zuwendungszeit für die Kinder ausschließlich den schönen Seiten des Lebens (Highlights widmen zu können.
Johann Wutzlhofer
johann.wutzlhofer@lehrer-bgld.at
Gymnasial „Drop-out“, Kaufm. Lehrling in Mattersburg (Lehrabschlussprüfung 1966), HAK für Berufstätige in Linz 1972–1976, seit 1977 Berufsschullehrer (Betriebswirtschaftlicher Unterricht und Politische Bildung), Lehramtsprüfungen an der BPA in Wien (in den70er und 80er eine Versuchsstätte Indoktrination mit sozialistischen Inhalten) im Jahr 1980 und im Jahr 1996, in Vorbereitung auf den Pensionsantritt (2008) in Ausbildung im Psychotherapeutischen Propädeutikum Lehranstalt der Erzdiözese Wien für Berufstätige; verheiratet mit Elisabeth, geb. Frey, Handelsakademie bei den Marienschwestern in Wien, mit besonderer Betonung der Unabhängigkeit von Frauen durch fundierte Ausbildung; zwei Kinder: Sohn Johannes, Jg. 1978, Volksschule Forchtenstein, Gymnasium Mattersburg einschließlich ein Jahr Highschool in den USA, von der Direktion in Mattersburg wohlwollend gefördert, nach dem Studium der Rechtswissenschaften ein weiteres Jahr an der Lawschool in Pensl.; Tochter Elisabeth, Jg. 1980, Volksschule Forchtenstein, Gymnasium Mattersburg einschließlich ein Jahr Highschool in den USA, zur Zeit AHS-Lehrerin (Englisch und Geschichte) und Studienassistentin an der UNI-Wien (Fachdidaktik)

Geändert von Rudolf Mitlöhner ( um 10:31 Uhr).