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Die Kinder sind das Wichtigste

Ihr Leitartikel zur Bildungsdiskussion in der Vorwoche schien mir der einzige treffliche in der Presselandschaft. Namhafte andere Medien scheinen sich in die Sensationsberichterstattung zu verabschieden. (Siehe auch untenstehenden Beitrag!)
Mag. Gerhard Hofbauer
5020 Salzburg, Eschenbachgasse 1
hofbauer@schule.at

Die Kinder sind das Wichtigste
• Schief wie der Turm zu Pisa
Die politischen Schuldzuschiebungen in den Schulstrukturstreitigkeiten führen von den eigentlichen Bedürfnissen des österreichischen Schulalltags weg. Der Geniestreich von oben wird misslingen, schon aus den nachgenannten Gründen.
• Bildungskonfusion statt -diskussion
Die bildungspolitischen Aussagen werden skurriler – und überleben zunehmend kürzer. Die hektischen Reparaturvorhaben nach PISA & Co. sind schief wie der gleichnamige Turm. Gesamt(mittel)schule ja oder nein? Schulwahl mit 10 oder 14? Vorschule verpflichtend oder nicht? – Solche Entweder-oder-Fragen sind für die öffentliche Argumentation und Meinungsbildung (vor allem für Eltern) unbrauchbar. Als Formulierungen „des schnellen Geschäftes“ provozieren sie die nächsten Husch-Pfusch-Entscheidungen anstatt den betroffenen jungen Menschen und allen, die für ihre hoffnungsvolle Entwicklung direkt Verantwortung tragen, den Sinn und die Chancen des Bildungssystems zu vermitteln.
• Ein System der Brüche statt Kontinuität
Aus hunderten gesammelten Lernbiografien weiß ich, dass unser Bildungssystem ein System der Brüche ist, von Leistungseinbrüchen, Vertrauensbrüchen zwischen dem Kind und seinen engsten Lernpartnern, bis zum Schulabbruch. Wer die vertraute Lehrerin (beim Schulwechsel), den engsten Mitschüler (beim Lernortwechsel) verliert, mag plötzlich nicht mehr. Die familiären Beziehungsnetze sind grobmaschiger und brüchiger geworden, da kommt dem schulischen Beziehungsnetz viel mehr Bedeutung zu als früher. Beziehungskontinuität, (nachhaltige) Verlässlichkeit kindlicher Vertrauenspersonen sind noch wesentlicher als die technokratische Frage der Bildungswegentscheidung mit 10 oder 14 – so wichtig diese Frage ist! Eltern und kindliche Bezugspersonen, die zugleich einen unerschütterlichen Lerncoach abgeben, schaffen Kindern einen unersetzlichen Bonus.
• Ein System der Überlagerungen
(Nachhaltig) wirksame Vernetzungen finden nicht statt. Weil man zu wenig weiß, was das Kind bisher gelernt hat, setzt der Unterricht in so manchem Fach nach dem Schulwechsel lieber wieder „bei Adam und Eva“ an – und demoralisiert die Lernbereitschaft: Wer an Kindern nicht wertschätzt, was sie können, missachtet deren Persönlichkeit. Daraus wird (nachhaltig) das pure Gegenteil von Förderung der Persönlichkeitsentwicklung: Brüche und Blockaden. Konkrete Antworten an die Lernenden, was Gelerntes lebensbereichernd bewirken kann (neudeutsch: nachhaltig Kompetenzen erwerben), sind wichtiger als die organisatorische Frage der Differenzierung des Schulangebotes. „Hauptsache viel Angebot an Schultypen“ gibt pädagogisch zu wenig Sinn.
• Das Schulsystem krankt am Insourcing
Verunsicherte und ratlose Eltern delegieren grundlegende Erziehungsnotwendigkeiten an das System Schule. Leitspruch: „Können Sie meinem Kind …?“ Schule, ursprünglich für andere Ziele der Bildung konzipiert, ist mitunter heillos überfordert. Man muss einmal dabei gewesen sein, wenn 36 Einzelkinder als angehende Ich-AGs plötzlich die Lerngemeinschaft einer Klasse bilden sollen. Out- und Insourcing klappt nur, wenn die, die etwas übernehmen, über kompetente Ressourcen verfügen. Höchstzahl 25 je Klasse ist ein Licht am Horizont. Aber Studenten und Jungabsolventinnen unvorbereitet in die Schülerbetreuung zu stecken, anstatt seriös zu klären, wie sich (nachhaltig) das direkte Gespräch mit allen Eltern gestalten lässt, ist einfach Husch-Pfusch. Die Kinder müssen’s leiden und die hinein Manövrierten werden auch keine Freude haben.
• Das Schulsystem reagiert mit Outsourcing
Behält die Schule (nachhaltig) ihren umfassenden Leistungsanspruch aufrecht, geht es im Lernmilieu sozial bergab, widmet sie sich den sozialen Notwendigkeiten, gerät ihr Bildungslevel in die Schieflage: ein Dilemma. Den Ball durch Outsourcing weiter zu spielen, ist eine fatale Scheinlösung: Wenn Förderangebote, psychologische und therapeutische Betreuung, Nachhilfe in verschiedenster Form, ganze Lernfelder, etwa im ästhetischen Bereich, Freifachangebote ins Out wandern, ist das Husch-Pfusch: Wie viel das System Schule damit von seinem Lebenselixier, den zwischenmenschlich berührenden und bedeutsamen Ereignissen preisgibt, wird nicht beachtet. Die unmittelbare persönlichkeitsbildende Dimension schulischer Lerngemeinschaften verständlich zu machen, ist viel wichtiger als die wirtschaftsökonomische Frage nach der täglichen Anwesenheitszeit der Schülerinnen und Schüler.
• Traumziel Finnland?
Wie viele andere habe ich mir das finnische Schulsystem vor Ort angesehen. Allerdings komme ich zu anderen Schlüssen als so manche „PISA-Trommler“. Der Leiter des Schulzentrums im südwestlichen Rauma sagte: „Die Schüler/innen und die Lehrer/innen müssen hier (in der Schule; Anm.) gut leben, mindestens so gut wie zu Hause.“ Und er zeigte mir die wohnlichen Lesenischen, die Lernräume mit dem variablen Schulmobiliar, die Kleinküchen, das PC-Studio, den Ruheraum … „Die Kinder sind das Wichtigste, was wir hier haben.“ Das war alles andere als nebenher gesagt, und er setzte nach: „Daher nehmen wir nur die Besten als Lehrer; ohne ‚Master-degree‘ geht bei uns keiner in eine Klasse.“ Gegen die Behaglichkeit und Qualität solcher Schulausstattung gleichen manche unserer Klassenräume bildungsindustriellen Legebatterien. Die Standardfrage, warum Finnland bei PISA so gut abgeschnitten habe, löste bei meinen finnischen Gesprächspartnern zunächst Verlegenheit aus. „Ja, PISA, worum ging es da genau? Warten Sie kurz …“, vertröstete mich die Professorenrunde an der Universität Turku. Der herbeigerufene Vizerektor wusste dann: „Wissen Sie, wir nahmen das nicht so genau. Uns waren andere Dinge wichtiger: die persönliche Entwicklung der Kinder, da forschen wir.“ Und was er verlegen ansetzte, klang schließlich enthusiastisch: „Die Qualität des Unterrichts, der Lehrer, der Lehrmittel, der Schuleinrichtung, darum geht es uns besonders …“ Eine Gesellschaft, die sich für Kinder und Jugend so wertschätzend (und nachhaltig) Zeit nimmt, ihre Kernfragen angeht und auch löst, anstatt abgehoben über Strukturentscheidungen zu streiten, hat Chancen, nachhaltig Bildungszukunft bereitzustellen. Doch selbst Finnland kämpft mit Problemen, mit der Verdrängung der handlungsorientierten Fächer, mit der gnadenlosen Beeinflussung der Jugendlichen durch die hereindrängenden Verlockungen des Massenkonsums in der sensiblen Phase ihres Berufseinstiegs.

Der Autor ist Professor für Musikdidaktik, arbeitet in der Lehrerbildung in Linz und leitet die Internationale Gesellschaft für Polyästhetische Erziehung mit Sitz an der Universität Mozarteum in Salzburg.