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Die Besten fördern, die Schwächsten unterstützen

Nachdem mein Leserbrief offenbar nicht nur bei Ihnen, sondern in der Redaktion insgesamt Erstaunen ausgelöst hat, möchte ich doch ein wenig präzisieren, warum ich mit Ihnen übereinstimme bzw. wo dies nicht der Fall ist.
• Bildungs- und Schulpolitik dürfen niemals in Privilegienpolitik und Besitzstandswahrung, wie Sie das treffend beschreiben, ausarten. Genau das passiert derzeit, und zwar nicht nur von Seiten der ÖVP, sondern genauso von Seiten der AHS-Lehrer-Gewerkschaft.
• Der „Kompromiss, der als fortschrittlich durchgeht“, ist bereits eingetreten.
• Die Schule, wie sie von der Expertenkommission vorgeschlagen wird, gibt es bereits – in skandinavischen Ländern, in Kanada, in Südtirol. Sie ist finanzierbar. Die Frage ist, warum wir praktisch fast genauso viel für Schule ausgeben wie die betreffenden Länder, aber nicht einmal annähernd diese Angebote machen können. Leider gibt es in Österreich kaum Bildungsökonomen – eine Untersuchung dieses Problems steht dringlichst an.
• Die Besten fördern und die Schwächsten unterstützen schließt einander nicht aus, sondern beides ist Teil eines guten Bildungssystems.
• Elitenförderung in einer gemeinsamen Schule ist nicht nur möglich, sondern wird bereits erfolgreich praktiziert – z. B. in Finnland. Ich durfte solche staatlichen Elitenschulen besuchen, z. B. eine der zwei staatlichen Kunstschulen in Finnland, die teils besser ausgesatttet sind als unsere Akademie am Schillerplatz. Es werden Kinder aus ganz Finnland aufgenommen (strenge Aufnahmeverfahren), der Staat übernimmt auch die Internatskosten.
• Wir brauchen Eliten – wie man es dorthin schafft, darf aber keine Frage der sozialen Herkunft sein, was gerade derzeit in Österreich in extremem Ausmaß der Fall ist. Ich gehe davon aus, dass sich eine Zeitung wie die „Furche“ von ihrem christlichen Selbstverständis her sicher davon abgrenzt, dass Eliten über die Herkunft definiert werden und sich so perpetuieren.
• Ein „möglichst breites Mittelfeld“ zu pflegen, das soll gerade nicht geschehen. Gerade das ist aber – erwiesenermaßen – derzeit eine der großen Stärken unseres Schulsystems. Wir schaffen aber weder die Förderung der Leistungsschwachen, noch die der sozial Benachteiigten, und schon gar nicht die Förderung der Höchstbegabten. Von Eliten wird daher immer weniger die Rede sein, wenn unser Schulsystem (wie auch die Unis übrigens!) so bleibt, wie es ist.
Worin ich überhaupt nicht mit Ihnen übereinstimme, betrifft die Rolle der Eltern.
Ihrer Aussage und dem Wunsch vieler Lehrerinnen und Lehrer liegt zu Grunde:
• die Vorstellung, dass Unterricht in der Schule stattfindet, Lernen zu Hause (Halbtagsschule);
• statt Kooperation mit den Eltern (Austausch von Informationen, Lernstandsinformation, Öffnung der Schule auch für Eltern, z. B. Kurse für Mütter von Migrantenkindern am Abend, Mitgestaltungsmöglichkeiten von Eltern in der Schule …) Schuldzuschreibungen;
• die Vorstellung von Müttern (sie sind es meist, die für Schule zuständig sind), die nichts anderes zu tun haben als Hausfrauen zu Hause zu sein und der Schule zuzuarbeiten (wurde in den 80er Jahren in einer großen deutschen wissenschaftlichen Untersuchung von Uta Enders-Dragässer beschrieben; sie nannte das „Mütter – die Hilfslehrerinnen der Nation“);
• die Vorstellung, dass alle Eltern dazu in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern, was jene Kinder von vornherein ausschließt, deren Eltern dazu nicht in der Lage sind (Kinder aus Zuwandererfamilien, Kinder aus sozial benachteiligtem Hintergrund);
• die Perversion des Gedankens von „Schulpartnerschaft“;
• das völlige Ignorieren der Tatsache, dass es eine große Gruppe von Eltern gibt, die sehr wohl mit ihren Kindern gerne lernen würden, aber dazu gar nicht in der Lage sind, mit den Kindern zu lernen, weil sie gar nicht zu Hause sind, wenn ihre Kinder da sind: die zahlreichen Alleinerzieherinnen, viele unter der Armutsgrenze, die Working Poor, die geringfügig Beschäftigten, …;
• ein Denken, das nicht vom Kind ausgeht (eine demokratische Schule sieht sich für alle Kinder verantwortlich, unabhängig von den Kapazitäten und Möglichkeiten der Eltern, sich um diese zu kümmern).
Sie sehen also, es gibt mehr Übereinstimmung als Diskrepanzen.
Da ich – obwohl nicht religiös – die „Furche“ regelmäßig lese, da ich besonders die kritische Sozialhaltung wertschätze (von anderen, v. a. journalistischen, Qualitäten ganz abgesehen), kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie einem Elitebild anhängen, das Eliten per Herkunft definiert. In dieser Annahme habe ich meine ursprünglich ganz kurze Rückmeldung zu Ihrem Artikel (s. o.) geschrieben. Dem Gedanken von Eliten an sich kann ich mich jederzeit anschließen.
Mag. Heidi Schrodt
AHS-Direktorin
Gymnasium Rahlgasse
1060 Wien

Geändert von Rudolf Mitlöhner ( um 10:41 Uhr).