Einzelnen Beitrag anzeigen
  #6  
Ungelesen , 10:19
Leserbrief Leserbrief ist offline
 
Registriert seit: 15.11.2007
Beiträge: 423
Wie Lehrerfreude aufkommen kann

Der legendäre Lateinlehrer am BRG Leibnitz, der die Reden der römischen Imperatoren lebensecht vorspielt und die „tote Sprache“ qicklebendig und beliebt macht, der Musikerzieher am BRG Mürzzuschlag, der das Wesen des „Can-Can“ erlebbar darstellt, indem er die Entrüstung des Innenministers vorspielt, der den moralisch verwerflichen Tanz per Dekret verbietet: Jahrzehnte liegen zwischen diesen Begebenheiten. Zweierlei verbindet diese Lehrer: Sie sind begnadete Laienschauspieler, beide sind sehr berufszufrieden – und sie haben Freude an ihrer Art zu unterrichten und vermitteln diese den Schülern.
Wie man es dreht und wendet, ob man es für gut oder schlecht hält: die Freude der Schüler an einem Unterrichtsgegenstand, an Wissensinhalten ist das Nadelöhr, durch das heute alles hindurch muss, was in den Hirnen & Herzen der Kinder mit hoher „Halbwertszeit“ verankert werden soll.
Wie ein Dirigent, der keine Freude empfindet, den Musikern keine Freude vermitteln kann, sowenig kann ein Lehrer Freude „hinüberbringen“, wenn er selber keine Freude beim Unterrichten hat. Lehrer und Dirigenten haben die „verdammte Pflicht“, sich wohlzufühlen! Und die Faktoren, die das Aufkommen von „Lehrerfreude“ verhindern, sind vielfältig. Die Lehrer sind die Hauptbetroffenen des Schulbetriebes, hauptbetroffen als Verantwortungsträger dafür, dass Schule für die Hauptpersonen, die Schüler, maximalen Nutzen bringt!
Die politischen Gestalter von Schule – auch die Interessenvertreter – können auf den „Freudeaspekt“ der Lehrer gar nicht genügend Rücksicht nehmen!
Eine High School im US-Mittelwesten. Gelassenheit, verglaste Lehrereinzelzimmer, „Wohnzimmer“, in denen Übungen verbessert werden, mit Kleingruppen von ein bis drei Schülern gearbeitet wird, die anlassbezogen gefördert werden. Dann Regenerationsphase, die nicht als „Nichtstun“ vernadert wird. Es folgt eine Problemklasse als Herausforderung. Regenerationsphase. Die Zeit von 8 bis 16 Uhr vergeht wie im Fluge. Sie dauert subjektiv vermutlich kürzer als sechstündige „Akkordarbeit“ mit Problemklassen ohne Rückzugs- und Regenerationsmöglichkeit. Wen verwundern da Fluchttendenzen?
Die Schaffung der „Lehrerwohnzimmer“ ist eine Chance, denn dafür muss gebaut werden! Geld für Baumaßnahmen ist in Österreich bekanntlich in unbegrenzter Höhe da (siehe ASFINAG, Straßenbau), Raumkubaturen sind wegen stark entvölkerter Schulen vorhanden. Auf in den US-Mittelwesten: dort werden die heimischen Bildungsverantwortlichen, die auf strafbar dümmliche Weise behaupten, die Gesamtschule wäre ein „unerprobtes Modell“, für sie Neues, Wichtiges sehen!
Prof. Ernst Smole
Direktor der Johannes Brahms Musikschule Mürzzuschlag
1080 Wien, Blindengasse 38
ernst.smole@aon.at