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Was soll ich in Polen?

Ich habe Ihren Artikel mit Interesse gelesen. Obwohl ich kein Freund des großen Cato mit seiner Medienmaschinerie bin, und auch kein Anhänger von Orange oder gar Blau, kann ich Ihrer Argumentation nicht folgen. Sie meinen, Österreich wäre der große Gewinner dieser offenen Grenzen und zählen die Embleme österreichischer Firmen, Banken und Versicherungen auf, die in Goldgräberstimmung den Osten abgrasen. Auch nicht zu vergessen: ein Spross einer heruntergekommenen Adelsfamilie, der sich in Rumänien wieder als Graf titulieren lässt, nachdem er zig Kleinstbauern abgelöst hat, um als Großgrundbesitzer besser zu EU-Subventionen kommen zu können. Ja – aber diese Firmen haben mit Österreich genauso wenig zu tun wie der Voltaire mit der elektrischen Spannung!
Ich habe Verwandte in Moskau und etwas näher in Szentgotthárd – da stand ich seinerzeit oft vier bis fünf Stunden als einziger an der Grenze und wartete auf die Abfertigung. Ich war weiß Gott wo auf der Welt und habe Grenzkontrollen zur Kenntnis genommen. Ich war Grenzgänger von Feldkirch aus, weil ich in Liechtenstein gearbeitet habe. Ich bin in Genf aufgewachsen, das fast gänzlich von einem EU-Land umgeben ist und war dennoch so oft im französischen Umland; nur 1968 beim großen Streik waren die Grenzstationen wochenlang unbesetzt! Will ich hingegen meine Verwandten auf Long Island besuchen, so habe ich derzeit strengere Zollformalitäten zu erdulden als seinerzeit beim Übergang in die DDR – und die restriktiven Kontrollen beginnen schon auf europäischen Flughäfen und werden auch von europäischen Fluggesellschaften als willfährigen Handlangern durchgeführt, gegen einen angeblichen Terrorismus, der nur als Vorwand dient, um weitere Restriktionen durchsetzen zu können.
Somit erlauben Sie mir zu fragen: Warum soll ich als Grazer mich über ein grenzenloses Europa so überschwänglich freuen, wo ich seit Jahrzehnten nicht einmal mehr in Bruck oder Mürzzuschlag war, geschweige denn in Marburg. In Slowenien war ich das letzte Mal vor elf jahren, als ich nach Portorož fuhr, in Deutschland war ich ebenfalls vor zehn Jahren das letzte Mal, Tschechien und die Slowakei habe ich mein Leben lang noch nicht betreten. Ich war auch nicht viel öfter in Wien, habe auch kein Bedürfnis danach. Was soll ich in Polen? Sie sehen, diese Grenzen tangieren mich nicht wirklich. In meiner näheren Umgebung jedoch spricht man von Feinstaub, von Einschränkung des Fahrzeugverkehrs, von einer City-Maut, die es unmöglich machen würde, ohne Kosten vom Osten der Stadt in den Westen zu kommen, denn auch das Fahren auf der Autobahn ist nicht geschenkt. Fahre ich mit meiner GU-Nummer in Graz herum, muss ich mich aufgrund einer medialen Hetze einer Zeitung als Paria fühlen, obwohl meine BH, das Finanzamt, die GKK, auch das LKH sich in dieser Stadt befinden.
Die Polizei kann seit neuestem ohne richterliche Genehmigung in meinem Computer herumstierln. Da dies auf elektronischem Wege nicht geht, wird diese ungebeten und ohne Durchsuchungsbefehl in meiner Abwesenheit meine Wohnung betreten können, wie in einer schlechten Folge von „CSI“, meinen Abfall durchsuchen und meine Intimsphäre ohne Schranken durchleuchten, die hinterlassenen Spuren meines Handys lesen. Als Nichtraucher sehe ich zu, wie eine Kampagne gegen Raucher läuft, demnächst eine solche gegen Übergewichtige. Jegliche persönliche Freiheit wird eingeschränkt, Grenzwerte für Autos, Häuser, Toilettanlagen, Bauchumfänge, Fitness, Essgewohnheiten werden herabgesetzt, Aufoktroyierung eines digitalen Fernsehens mit Gimmicks, die niemand braucht, Fußball-EM mit grenzenloser Freiheit bei Polizeiaktionen, Videoüberwachung im öffentlichen Raum, Schlachtflugzeuge zur Unterstützung der battlegroups, eine 380-kv-Freileitung, die skeptischen Bürgern aufgezwungen wurde (der Atomstrom wäre aber auch so grenzenlos durch ganz Europa geflossen, auch in Regionen außerhalb des Schengen-Raumes), und ich kann bei einem Verbrechen in der Umgebung auch ohne Verdachtsmoment zu einem Gentest gezwungen werden.
Hingegen wurde kein Gesetz verabschiedet, das ein gewisses Lohnniveau vorschreibt (die Schweiz hat es seinerzeit gemacht, um zu verhindern, dass Vorarlberger Grenzgänger das Lohnniveau sabotieren). Daher ist ja auch die derzeitige Diskussion um die 24-Stunden-Pflege höchst abstrus, denn in ein paar Jahren kommen die Pfleger ganz legal als Nicht-mehr-Grenzgänger von Maribor über Sopron bis Bratislava zu uns und bieten ihre Dienstleistung als Selbstständige zum nachgefragten Preis an (eine der Säulen der EU ist bekanntlich der freie Dienstleistungsverkehr nach dem Herkunftslandprinzip). Aber das dient ja auch der Wirtschaft, daher auch keine Harmonisierung von Löhnen oder Steuern, besonders der Körperschaftssteuer!
Und bei allem respekt: Ich war, wie soviele andere, auch schon vor 1989 in „faszinierenden Städten, unbekannten Landschaften“ mit ihren „kulturellen Traditionen“. Genauso wie ich vor dem Taschenrechner das Einmaleins beherrscht habe, vor dem Handy bei Bedarf telefoniert habe und ganz ohne PC ausgekommen bin. Ich habe auch als Österreicher die damalige Visumspflicht für Frankreich zur Kenntnis genommen!
Ich will nur sagen: Die offenen Grenzen brauche ich nicht zu bejubeln, da sie mich wirklich nicht tangieren, die derzeitigen inländischen intendierten persönlichen Restriktionen treffen mich hingegen schon. Und diese Kompensation für den Cato, dass jetzt das Bundesheer in grenznahen Ortschaften patrouilliert, erinnert mich an die Ostseite des Eisernen Vorhanges vor 1989. Jene, die unbedingt all inclusive nach Antalya, Pukhet, Dubai, Mombasa, Guantánamo oder in den Tschad müssen, denen wird der Schengen-Raum auch „so etwas von egal sein“ (© Meisnitzer), bei Reisen mit dem Aeroplan wird sogar bei Inlandsflügen gefilzt.
Ach ja, ich bin nicht gegen die offenen Grenzen, sondern gegen Plattitüden à la „dass Schengen viel bessere Möglichkeiten bietet, Kriminalität grenzüberschreitend zu verfolgen“. Solches, nachdem die Mafia oder Camorra erstmals eine Fehde in Deutschland ausgetragen hat. Auch ist mir schleierhaft, warum sich soviele für den Aufenthalt kaum alphabetisierter und ausgebildeter Migranten stark machen, nur weil sie angeblich ach so integriert wären und das Sozialsystem diese benötigen würde zur Sicherung irgendwelcher Pensionen. Und der Bundeskanzler postuliert zusätzlich noch, diese würden gegen die Facharbeitermisere hilfreich sein – wäre er ob einer solchen unreflektierten Aussage doch lieber in seiner Sandkiste geblieben –, wohingegen andere Staaten bevorzugt Fachleute aufzunehmen bestrebt sind. Möglicherweise liegt das daran, dass hier im Lande angestammte, bestens ausgebildete ältere Personen von der selben Gesellschaft – sprich: von diesem angesprochenen, profitierenden und virtuellen Österreich – am liebsten aus Kostengründen desintegriert würden oder bestenfalls vom AMS zum x-ten „Wie bewerbe ich mich richtig“-Kkurs verdonnert werden. Dies unter anderem zum Wohle des ehemaligen Präsidenten des GAK, der ja bekanntlich auf Erwachsenenbildung macht und von den Zwangszuweisungen des AMS bestens lebt, um sogar einen Fußballverein in den Konkurs führen zu können!
Diese offenen Grenzen haben die gleiche Qualität, wie die damals hochdebattierte Jahr-2000-Problematik (die Medien hatten etwas zu berichten, und niemand hat etwas bemerkt, auch gab es keine auswirkungen). Ja, die Frächter müssen an den Grenzen nicht mehr zur Zollkontrolle, aber was hat das mit mir persönlich als Österreicher zu tun? Das logistische Problem, wann der Kaviar in meinem Laden einlangt, ist mir auch egal – Hauptsache er ist da; und die Strahlung von Tschernobyl hat damals schon ohne Grenzkontrolle die Schwammerl meines Waldes erreicht. Ach ja, und diese Grenzöffnung hat die Mur, die Donau nicht trockengelegt, auch die Karawanken nicht umgeworfen, und der Schaum der Raab tritt auch erst in Ungarn auf und nicht bei den vermeintlichen Verursachern!
Kurt Strohmaier
8052 Graz, Straßgangerstraße 182/2
k_strohmaier@hotmail.com