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Ungelesen , 18:27
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Bitte mehr Augenmaß!

Viele FURCHE-Artikel von Otto Friedrich schätze ich sehr. Aber ich finde es fraglich, ob er seinen Kommentar „in aller Deutlichkeit“ wirklich selber so formuliert hat, wie er in Ausgabe 5 (31. 1. 2007) gedruckt wurde. Diese Frage resultiert aus zwei Beobachtungen:
Fast alle meine Artikel, die einst in der FURCHE erschienen, waren im Wortlaut durch die Redaktion verändert worden, oft nur in Kleinigkeiten, manchmal peinlich, fast immer war der Titel ausgetauscht, und immer ohne Rücksprache mit mir. Im Druck erschienen die Artikel allerdings unter meinem Namen, und das Echo auf verzerrt dargestellte Details bekam dann ich von meinen Fachkollegen (ich erspare mir, hier ein Extrembeispiel zu zitieren): Angeblich ist das in der ganzen Zeitungsbranche heute üblich so.
Zweite Beobachtung: Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit dem genannten Kommentar wirklich das propagiert werden soll, was ich herauslese – ein Recht für (ehemalige?) Parteipolitiker, wieder einmal den Geistlichen der katholischen Kirche „Watschen“ anzudrohen: Auch solche „geistigen“ Ohrfeigen gehörten einstmals zu den verbalen Vorbereitungshandlungen durch Schreibtischtäter.
Otto Friedrich mag ja die Meinung vertreten, auf eine Wahlkampfrede hätte die evangelische Kirchenleitung klüger (nämlich mit Strafanzeige) reagiert als die jüdische Kultusgemeinde (deren ziemlich stille Zurückhaltung er gar nicht erst erwähnt). Aber stellvertretend für alle, welche die Grazer Provokation bewusst de-eskalieren (oder nicht einmal ignorieren) wollten, wird nun am FURCHE-Titelblatt Kardinal Schönborn attackiert: Damit wird zwar am Kardinal eine typisch christliche Funktion erkennbar – aber um so wackeliger steht die veröffentlichte Meinung in Österreich dadurch da.
Eine Religionsgemeinschaft muss entscheiden dürfen, dass sie sich nicht für parteipolitische Aktion und Gegenaktion einspannen lässt. Ob sie überhaupt in Zeitungen oder anders reagiert, und wenn, dann wie, das kann nicht von zufällig publizierten Tagesinteressen oder Wahlterminen abhängig gemacht werden. Es geht da nicht um einen mehr oder weniger „ungehörigen“ oder „prophetischen Ton“ eines schnellzüngigen Politikers oder seines streitlustigen weiblichen Widerparts – es steht viel mehr zur Diskussion als eine (vielleicht kardinale) Stilfrage:
Die aktuelle Frage ist, ob interkulturelle Unterschiede besser bewältigbar sind durch öffentliches Eskalieren oder durch achtungsvollen Dialog (von dem vielleicht nie ein Dritter etwas erfahren wird) – oder durch beides (und vieles mehr) in weiser Ausgewogenheit.
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Presse bei religiösen Themen derzeit differenziert genug mitdenken und klug genug formulieren könnte (um es vorsichtig zu formulieren): Auch die FURCHE nicht immer – so leid mir das tut, weil es ja angenehm wäre, wenn man auf automatische Integrität einer einzigen Zeitung in Österreich vertrauen könnte. So aber wird wichtig, dass sachliche Kritik in einer Redaktion möglich bleibt – Kommunuikation funktioniert meistens dort besser, wo mehrere unterschiedliche Denkmethoden und Darstellungsweisen zugelassen sind (z. B. gründliche neben schnellen).
Ich plädiere für mehr Augenmaß. Auch wenn ich mich selber für noch so tolerant halte: Daraus folgt dennoch nicht eine Eignung, religiöse Instanzen zu präjudizieren.
Mag. art. Ulf-Diether Soyka

Geändert von Leserbrief ( um 17:13 Uhr).