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Fürchten wir uns nicht vor anderen Formen der Religiosität!

In seinem Leitartikel reagiert Rudolf Mitlöhner skeptisch auf ein „Kulturchristentum“ mystisch-wohlgefühlerzeugender Osterspaziergänge und religiöser Heilslehren – warum? Weil sie sich verbinden mit einer „Freiheitsmüdigkeit“, die Verantwortung „nach oben“ abschiebt, anstatt sie im gleißenden, irritierenden Licht des „Fürchtet euch nicht“ zu übernehmen. Mitlöhner polemisiert gegen Formen neuer „Religiosität“, weil sie von der aufrüttelnden Osterbotschaft ablenken und diese als Wohlfühlprogramm verweichlichen. Er vermischt Formen neuer Religiosität mit den Formen eines auf Äußerlichkeiten reduzierten „Kulturchristentums“.
Ich glaube, in diesem Artikel werden zwei wichtige Lebensadern des Christentums gegeneinander ausgespielt, die gerade zu Ostern aufeinander verweisen könnten: der tief empfundene menschliche Kontakt mit Gottes Schöpfung und die göttliche Auferstehung in Christus.
Verlegen wir den „Osterspaziergang“ in die nach Gülle/Schweinemist stinkenden, monotonen Agrarsteppen intensiver landwirtschaftlicher „Nutzung“, gehen wir vorbei an überfüllten Tierfabriken, wandern wir durch die kontaminierte Wüste, die heute Teile des Aralsees ersetzt, in die degradierten ehemaligen Regenwaldgebiete Brasiliens oder in die natur- und kulturentfremdeten Elendsviertel Südamerikas, Asiens oder Afrikas. Dies sind nur einige Resultate des mangelnden Empfindens der Menschen für die Natur.
Vielleicht wartet der „Glutkern“ eines furchtlosen Christentums nicht nur hinter den um Millionen restaurierbaren Fassaden, sondern entfacht sich in der Auseinandersetzung mit den geschändeten Lebensgrundlagen von Gottes Schöpfung, die uns als Menschen trägt. Indem wir unsere Lebensgrundlagen misshandeln, misshandeln wir unsere Mitmenschen, die Mitwelt und uns selbst.
Vielleicht sind Naturbewusstsein (das früher in der Sprache der Mythen ausgedrückt wurde), meditativer und liebevoller Umgang mit natürlich-lebendigen Vorgängen (anstatt unter Zeit- oder Konkurrenzdruck und Sachzwängen) und die Auseinandersetzung mit dem Absterben und Zerbröseln der Fassaden einer materialistischen Kultur (die Beherrschung der Natur mit Unterdrückung ihrer Lebendigkeit verwechselt) ein ebenso tiefer Weg, Ostern zu begehen, wie das Aufgerütteltwerden durch einen Gekreuzigten, dessen Leiden am Kreuz wir von Tausenden unserer Mitmenschen verlangen, indem wir ihnen empfindungslos durch reale und wirtschaftliche Kriegführung ihre Lebensgrundlagen versagen.
Fürchten wir uns nicht vor anderen Formen der Religiosität, in ihnen liegt Potential, uns aufzurütteln und grelles Licht zu werfen auf unsere Art, die Auferstehung Christi zu begehen.
Mag. Birgitta Kogler
5221 Lochen, Schulstraße 3
birgitta.kogler@edumail.at