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„Sündhafte“ Sexualität

Das Pillenverbot in der Enzyklika „Humanae vitae“ ist nur eine der vielen Folgen einer grundsätzlich negativen Einstellung einflussreicher Kirchenkreise zur Sexualität, auch innerhalb der Ehe. Man betrachtet dort Sexualverkehr grundsätzlich als sündhaft und möchte ihn daher so oft wie möglich verhindern. Das ist auch der eigentliche Grund für den bibelwidrigen Pflichtzölibat. Wenn dies auch von hohen kirchlichen Würdenträgern eifrig bestritten wird, so spricht doch die gängige Praxis der Kirche eine eindeutige Sprache.
• So verwehrt beispielsweise die Kirche ständigen Diakonen, wenn deren Frau gestorben ist, eine zweite Eheschließung. Falls Kinder vorhanden sind, muss der Vater und Diakon sich nun allein um diese kümmern, statt diese Fürsorge mit einer neuen Frau teilen zu dürfen. Dies widerspricht dem immer wieder behaupteten Grundsatz, die Sorge um die Familie schmälere den Einsatz für die Gemeinde. Ich kann mir auch vorstellen, dass der Grund für diese Vorschrift eine strenge Auslegung von 1 Tim 3,2-5 („nur einmal verheiratet“) sein könnte. Wie kann man aber einerseits diese Stelle, wo Paulus für die Wahl von verheirateten Männern als Bischöfe eintritt, als nicht zeitgemäß ablehnen, wie es vor kurzen ein Bischof mir gegenüber getan hat, an einem kleinen Teil daraus aber fundamentalistisch festhalten? Daher mein Verdacht, es gehe der Kirche auch hier nur darum, Sexualität möglichst zu verhindern.
• Manche ältere Eheleute haben noch gelernt, man müsse nach jedem ehelichen Verkehr beichten. Es war (ist?) also Sünde, den biblischen Auftrag Gottes zu befolgen!
• In der Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ (Abschnitt 32) wird eine Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt – also z. B. viri probati – als eine Minderung der moralischen Kriterien bewertet. Das heißt also, Verheiratete sind in den Augen Roms moralisch grundsätzlich minderwertig.
• Bei Selig- und Heiligsprechungen besteht ein großes zahlenmäßiges Missverhältnis. Jene Menschen, die stets als die leuchtenden Vorbilder hingestellt werden, sind mit wenigen Ausnahmen ehe- und kinderlos. Die Ausnahmen sind meist Adelige.
Wohl hat sich seit 50 Jahren einiges zum Besseren gewandelt, vor allem durch das II. Vatikanum, aber Überreste der alten Einstellung sind, wie man sieht, doch immer wieder zu bemerken, und die Errungenschaften des Konzils werden ja, wie Friedrich richtig bemerkt, trotz dessen verbaler Beschwörung schrittweise wieder abgebaut.
Die traurige Kehrseite ist natürlich, wie Friedrich auch richtig bemerkt, das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Frauen und sogar Nonnen durch Priester. Auch hier wird von höherer Seite oft beschwichtigt, die Täter seien ja doch meist die Väter oder Onkel der Opfer. In einem FURCHE-Interview vom 12. Februar 2004 bekannte Erzbischof Diarmuid Martin von Dublin, dass etwa drei Prozent der Täter Priester seien. Wenn man aber bedenkt, dass nur etwa 0,1 bis 0,2 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung Priester sind, dann bedeutet das eine fünfzehn bis dreißig Mal höhere Anfälligkeit von Priestern gegenüber dem Durchschnitt der männlichen Bevölkerung! Es ist sicher Papst Benedikt zu danken, dass er dieses Problem auch gegen den Widerstand lokaler Kirchenfürsten mutig zu Sprache bringt, aber solange daraus nicht praktische Folgerungen gezogen werden, nämlich die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine Aufwertung der Rechte des Kirchenvolks, wird sich daran leider kaum etwas ändern.
Friedrich Griess
f.griess@griess.st1.at