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Vernachlässigung der Vorschulkinder

Ich registriere seit Jahren mit großem Interesse die Kommentare rund um das Thema Vorschulerziehung. Sie reichen von der Uni-Ausbildung für Kindergärtnerinnen bis zur Einschulung mit fünf Jahren, da festgestellt wurde, dass die Fünfjährigen im Kindergarten abbauen. Riesengroß war daher meine Überraschung, als ich heute endlich auch eine richtige Antwort in Ihrem Beitrag gefunden hatte. Überraschung deshalb, weil sie nicht von einem Politiker kam und auch nicht – wie man annehmen könnte – von einem Pädagogen, sondern von einem Journalisten. Offenbar liegt in den erstgenannten Gruppen schon eine große Betriebsblindheit vor.
Sie sagen so treffend: Dreimal das ganze Programm ist vergeudete Zeit. Das war aber nicht immer so. Als ich meine Ausbildung zur Kindergärtnerin machte, gab es drei Arten von Gruppen: Krippe, Untergruppe, Obergruppe. In der Untergruppe oder bei den „Kleinen“ waren die Kinder von 3, 4 Jahren. Die Vorschulkinder wurden in der Obergruppe oder bei den „Großen“ zusammengefasst. In der Obergruppe war eine andere Erzieherin und ein dieser Altersstufe angepasstes Programm – daher nicht dreimal dasselbe. Nur Kindergärten mit einer Gruppe hatten Familiengruppen. Nachdem man bemerkte, dass die „Kleinen“ in gemischten Gruppen größere Fortschritte machten (d. h. für die Kindergärtnerin eine Erleichterung), entschied man sich generell Familiengruppen einzuführen. Es ist völlig klar, dass diese Entscheidung zu Lasten der Großen ging.
Seit Jahren müssen wir daher beobachten: Immer häufiger werden uns Kinder vorgestellt, die im Kindergarten als klug galten und in der Schule zu Versagern wurden. Die Auftretenshäufigkeit von ADS-Diagnosen bei Buben zwischen sieben und acht Jahren legt ebenfalls den Schluss nahe, dass beim Schulstart etwas daneben ging. Schulerfolge sind für die Kinder Lebenserfolge. Misslingt der Schulstart, wirkt sich das oft negativ auf die gesamte folgende Schullaufbahn aus, und da spielt die Vernachlässigung der Vorschulkinder sicher eine wichtige Rolle.
Als Gegenmaßnahme entwickelten wir vor drei Jahren ein spezielles Vorschul-Wochenprogramm zur Prävention. Damit wollten wir die Kindergärtnerinnen unterstützen, für die die Erstellung von zwei Wochenprogrammen kaum zumutbar ist. Im Ministerium zeigte man sich sehr interessiert – das war es. Und bei der Gemeinde Wien war der Kommentar einer zuständigen Dame: „Wir brauchen das nicht, unsere Leute sind so gut, ich bin überzeugt, von denen können Sie noch etwas lernen.“
Und wie meist in der Politik wird wieder der falsche Weg beschritten: Die Pädagoginnen müssen auf die Uni, denn nur dann sind sie gut; oder die Kinder werden in die Schule geschickt, in die sie auf Grund ihrer Gehirnreife noch gar nicht gehören.
Im Kindergarten eine Schulvorbereitungsgruppe einzurichten hingegen ist zu simpel, davon erwartet man sich keine Lösung.
Margareta Beinstein
Pädagogische Leitung
Förderpädagogisches Zentrum
Verein Schüler in Not
1060 Wien, Mollardgasse 89/10/R1
office@fpzentrum.at