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Latte zu hoch gelegt

Die „Pillenenzyklika“ ist 40 Jahre alt. Immer wieder ist von ihr die Rede. Sie verbietet den Gebrauch „künstlicher“ Mittel zur Empfängnisregelung. Was soll man von ihr halten? Ich möchte es mit einem banalen Vergleich erläutern: Wenn ich mit dem Auto auf freier Landstraße eine relativ scharfe Linkskurve vor mir habe, bin ich versucht, die Kurve zu schneiden. Wer nicht? Darf ich? „Dürfen“ nicht. Aber: Ich kann es „verantworten“ und tue es ohne die geringsten Bedenken. (In den Rückspiegel schaue ich schon, ob nicht eventuell jemand überholen will.) Ich verlange vom Verkehrsminister aber nicht, dass er dafür eine Regelung trifft. Er muss Regeln für den „Regelfall“ aufstellen und es dem Hausverstand und dem Gewissen des Einzelnen überlassen, wie er damit umgeht.
Als notorische Schwarz-Weiß-Denker unterscheiden wir immer nur zwischen erlaubt und verboten. Das Feld der freien Entscheidung liegt zwischen diesen Polen und ist gar nicht so klein.
Der Papst muss für einen anderen „Verkehr“, und zwar auch für den „Regelfall“, seine Regeln aufstellen, und da ist der Verkehr halt so, wie er vom Schöpfer eingerichtet wurde, die „Regel“, und das hat er seinen Schäfchen ans Herz zu legen. Dass es in manchen Fällen – in sehr vielen sogar – kaum möglich ist, sich genau an die Regel zu halten, müsste er bedenken und es dem Hausverstand und dem Gewissen des Einzelnen überlassen, wie er damit umgeht. Die Österreichische Bischofskonferenz hat mit der Mariatroster Erklärung ganz genau das getan, was hier zu tun war. Sie hat es dem Gewissen der Eheleute anheimgestellt, wie sie unzumutbare Empfängnis vermeiden können. Hier ein ausdrückliches Verbot zu erlassen ist genau so intelligent, wie wenn der Verkehrsminister ein Verbot erließe, eine Linkskurve zu schneiden, selbst wenn nichts entgegen kommt. Das wird ihm nicht einfallen.
Der Papst hätte darauf hinweisen können, dass es nach christlicher Auffassung durchaus eine ernstzunehmende Aufgabe christlicher Eheleute ist, Kindern das Leben zu schenken, hätte es aber deren Gewissen anheimstellen sollen, gewissenhaft zu überlegen, wie viele Kinder sie in ihrer Lage vernünftigerweise haben können und auch, wie sie nicht mehr zumutbare Schwangerschaften vermeiden wollen.
Die flächendeckende Regulierungswut ist leider in unserer Kirche sehr weit verbreitet und hängt auch damit zusammen, dass viele immer, wenn sie eine Entscheidung treffen müssen, bei der kirchlichen Obrigkeit anfragen, was zu tun sei. Von dort bekommt man natürlich nur das zur Auskunft, was im „Regelfall“ zu tun ist. Was aber in meinem (Sonder-)Fall zu tun ist, hat mein Gewissen zu sagen.
Eine uralte moraltheologische Regel wird gern vergessen: Ad impossibilia nemo tenetur. (Zu Unmöglichem, auch Unzumutbarem, ist niemand verpflichtet.) Und eine andere Regel, die als oberste Maxime der Moral gilt: Ultima regula et mensura totius moralitatis est ratio. (Thomas von Aquin; Letzte Regel und letzter Maßstab aller Moralität ist die Einsicht, das Gewissen.) Das heißt: Wenn ich nach gründlicher und ehrlicher Prüfung eine Handlung für „verantwortbar“ erkannt habe, dann darf ich meinem Gewissen folgen, selbst wenn ich objektiv irre. Das ist uralte kirchliche Lehre. Ja, ich muss meinem Gewissen folgen; gegen das eigene Gewissen zu handeln ist in jedem Fall verwerflich.
Außerdem zeigt sich hier auch eine alte Erfahrung: Wenn man den Menschen die Latte zu hoch legt, gehen sie unten durch. Wer kümmert sich heute überhaupt noch um die Latte(n), die vom Papst gelegt wird (werden)? Der Papst kann heute sagen, was er will, es kümmert sich kaum noch jemand darum – und zwar auch dann nicht, wenn es um andere Fragen geht, in denen es durchaus gut wäre, sich daran zu halten. Das hat er davon! Seine Reputation als moralische Instanz ist soviel wie weg!
Georg Simmerstätter
josef.georg@aon.at